BJGR Blätter zur japanischen Geschichte und Religion, Heft 1, März 2009
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Alte Bilddarstellungen von Tempel- und Schreinanlagen (1):


Das „Nihon sankei no ichi: Itsukushima jinja no zu“ aus dem Jahre 1895

(c) Niels Guelberg 2009

Abbildung 1


0. Vorbemerkung

Folgende Darstellung bezweckt, die bibliographischen Einzelheiten einer Bildquelle, die für sich allein wenig aussagekräftig ist, bereitzustellen, um sie für weitere Forschung nutzbar zu machen.

Bei der Bildquelle handelt es sich um das Genre der „Vogelperspektivansichten“ (chōkanzu, 鳥瞰図), die wie die Ansichtspostkarten(1) zu den bisher als Quellenmaterial vernachlässigten Reisesouvenirs gehört.

Der Itsukushima-Schrein gehört nicht zum Sammelgebiet des Autors; die vorzustellende Quelle entstammt einem Konvolut von sechs „Vogelperspektivansichten“, das wegen zwei anderer Darstellungen aufgekauft wurde. Es folgen daher auch nur allgemeine Betrachtungen, die hauptsächlich an anderem Material gewonnen wurden; diese Quelle gewinnbringend für eine Geschichte des Itsukushima-Schreines zu nutzen, bleibt dem Leser überlassen.

1. Überblick über die Entwicklung des Genres

a. Flurkarten

Abbildung 2Bildkarten (ezu, 絵図) bzw. alte Bildkarten (koezu, 古絵図) sind in ihren ältesten Exemplaren mehr als 1200 Jahre alt. Die Historiker verwenden den Begriff für Flurkarten zur Beurkundung von Grundbesitz. Diese Flurkarten zeigen oft nur mit ein paar einfachen Strichen den groben Grenzverlauf, es werden aber auch vereinfacht Landmarken dargestellt. Da die Verfasser dieser Urkunden nicht unbedingt graphisch geschult waren, ist auf diesen Karten oft wenig Information enthalten. Es gibt aber auch Ausnahmen, wenn – wie im Falle des Kōzanji – die Protektion des Exkaisers Gotoba dafür sorgt, dass Hofbeamte und Hofmaler die Grenzsetzung beurkunden (vgl. die als „Nationalschatz“ klassifizierte Flurkarte aus dem Jahre 1230, rechts). Auf dieser Karte sind nicht nur die Hauptgebäude der Tempelanlage, sondern auch die Formen der umliegenden Berge sowie der Flußverlauf gut zu erkennen; allerdings fehlt es noch an einer gemeinsamen Perspektive: die Berge sind konzentrisch angeordnet.

Flurkarten wurden nicht nur für die Grenzfestsetzung benutzt, sondern auch für Festlegung der Ertragsabgaben beim Feldbau; je nach Adressat wurden die Felder farbig gekennzeichnet. Eine Abart dieser Flurkarten findet sich auch bei den großen Tempel- und Schreinkomplexen, die von heterogenen Mönchs- bzw. Priestergruppen kontrolliert wurden. Grundstücke innerhalb der Komplexe wurden untereinander getauscht oder verkauft, und so bestand für die Leitung des Tempels bzw. Schreines die Notwendigkeit, des öfteren die Kartierungen zu aktualisieren. Ein Beispiel aus einer sich im Aufbau befindlichen Datenbank für den Koyasan: die Flurkarten von Tanigami aus einem Zeitraum zwischen 1646 und 1813 (Bildquellen hauptsächlich aus HINONISHI 1983) mit dem Subtempel Inshō-in im Zentrum, der für diesen Zeitraum konstant an einem Ort blieb (erst in der frühen Meijizeit, und dann noch einmal 1914, wurde der Inshō-in zweimal verlegt).
Bildkarte aus dem Jahr 1646
(正保三1646年絵図)
Bildkarte aus dem Jahr 1653
(承應二1653年絵図)
Bildkarte aus dem Jahr 1658
(萬治元1658年絵図)
Abbildung 3 Abbildung 4 Abbildung 5
Bildkarte aus dem Jahr 1693
(元禄六1693年絵図)
Bildkarte aus dem Jahr 1706
(寶永三1706年絵図)
Bildkarte aus dem Jahr 1796
(寛政八1796年絵図)
Abbildung 6 Abbildung 7 Abbildung 8
Bildkarte aus dem Jahr 1811
(文化八1811年絵図)
Bildkarte aus der Mitte der Edo-Zeit
(持明院江戸中期絵図)
Bildkarte aus der Mitte der Edo-Zeit
(横浜江戸中期絵図)
Abbildung 9 Abbildung 10 Abbildung 11
Die ersten drei Karten verzeichnen wirklich nur die Flurstücke mit den eingetragenen gegenwärtigen Besitzern, die Karten ab 1693 zeigen zusätzlich uniforme, stilisierte Tempelgebäude, die mit ihrer Größe die Menge der ihnen zustehenden Zuwendungen und mit ihrer Farbe (weiß, grün und braun) die Parteizugehörigkeit zum Ausdruck bringen. Erst die Bildkarten des frühen 19. Jahrhunderts versuchen, die Baulichkeiten der einzelnen Subtempel konkret zu zeigen; die letzte Karte ist eine Mischform, da sie die Parteizugehörigkeit noch durch die unterschiedliche farbige Grundierung der Namensschilder anzeigt.

b. Wallfahrt-Mandalas

Neben den Flurkarten gibt es noch einen weiteren Traditionsstrang, von dem sich die späteren „Vogelperspektivansichten“ ableiten lassen: die bildlichen Darstellungen von Wallfahrtsstätten, die neuerdings unter dem Stichwort „Wallfahrt-Mandala“ (sanpai mandara 参拝曼荼羅 bzw. sankei mandara 参詣曼荼羅) größere Aufmerksamkeit in der Forschung gewinnen. In englischer Sprache hat Max Moerman eine Studie zu den Wallfahrtsdarstellungen für Kumano vorgelegt(2), der die Arbeiten von Nishiyama Masaru (3) und Sasaki Kōzō (4) zu Grunde liegen.

Bei den Wallfahrt-Mandalas handelt es sich um kunsthandwerlich gefertigte Massenprodukte, die meist farbig und großflächig die heiligen Stätten abbilden, wobei zwar die wichtigsten Gebäude und Kultstätten (wie Wasserfälle und dergleichen) dargestellt werden, aber keine Betonung auf eine möglichst realistische Darstellung gelegt wird.

Abbildung 12Je nach Funktion dieser Mandalas kommt es bei der Darstellung auch zu unterschiedlichen Akzenten: einmal dienten diese Mandalas den landesweiten Spendensammelaktionen der Wallfahrtsstätten. Die berühmtesten Beispiele sind die Kumano-Nonnen (Kumano bikuni) und Koyasan-Heiligen (Kōya-hijiri), die mit den Bildrollen auszogen, um auf Marktplätzen Bildpredigten (etoki 絵解き) zu halten. Die bildlichen Darstellungen dienten dabei als Medium, um die Zuhörerschaft auf eine virtuelle Pilgerreise zu schicken.
Derartige Mandalas hatten damit eine ähnliche Funktion wie die „Fuji-Hügel“ (fujizuka 富士塚), künstlich - zum Teil mit Gestein vom Fujisan - aufgeschüttete Hügel, die den Bewohnern aus Edo erlaubten, ganz in der Nähe eine Besteigung des heiligen Berges zu absolvieren. Diese Ersatzwallfahrts-Mandalas haben oft in ihrer bildlichen Darstellung Pilger, ein Element, das später von den „Vogelperspektivansichten“ aufgenommen wird.

Kasagi mandala (Kamakurazeit)
(大和文華館蔵『笠置曼荼羅』図、鎌倉時代)
Kasuga mandala (Kamakurazeit)
(奈良南町蔵『春日宮曼荼羅』図、鎌倉時代)
 
Abbildung 13 Abbildung 14 Zusammengeworfen mit diesen Ersatzwallfahrten werden von der Forschung auch Darstellungen, die in ihrer Funktion Kultobjekte sind, daher am ehesten als „Mandala“ bezeichnet werden können, doch im engen Sinne nichts mit Wallfahrten zu tun haben. Es gibt durchaus Berührungspunkte zu den Bildpredigten, wenn etwa der im Kultus verwendete Text eine Auslegung des Kultobjektes darstellt (ich habe an anderer Stelle über kōshiki 講式 und deren Relationen z.B. zu den Kasuga-Mandalas gehandelt) (5). Die Kultstätte wird als Manifestation des Reinen Land Buddhas auf Erden gesehen; bei Schreinen kommt noch hinzu, dass die Gottheiten als „Herabgelassene Spur“ (suijaku 埀迹) der Buddhas bzw. Bodhisattvas angesehen werden, welche – wie im Falle des neben stehenden Kasuga-Mandalas – als Urstände (honji 本地) über den Gebäuden schweben.

c. Reiseführer

Pilgerfahrten lassen sich in der japanischen Geschichte bis in das späte 10. Jahrhundert zurückverfolgen, doch im 17. Jahrhundert entwickelt sich daraus eine wahre Tourismusindustrie, die organisierte Reisegruppen, Vertragsherbergen und –reedereien, Produktion und Verkauf von Reiseartikeln und eben auch das Anfertigen und Drucken von Reiseführern kannte.

Reiseführer in Buchform wurden den Teilnehmern einer Reisegruppe, die zum Teil den Druck finanzierte, im Voraus ausgehändigt, damit sich diese auf die Reise vorbereiten konnten; diese Führer bestehen meist aus einem erbaulichen und einem praktischen Teil. Der erbauliche Teil ist oft eine Mischedition von bestehenden Texten, teilweise sehr allgemeiner Art, teilweise sehr speziell, wenn etwa im Falle des Koyasan Leben und Taten Kukais sowie die Gründungsgeschichte des Koyasan neben der Biographie des Gründers des Subtempels, in dem die Reisegruppe übernachten wird, stehen. Der praktische Teil enthält zum Teil Bildkarten, sowie Auflistungen der Entfernungen sowie der Vertragsherbergen und –reedereien, damit die Reisenden nicht den Kundenfängern der Konkurrenz auf dem Leim gehen. Die Bücher sind auch vom Format her für die Reise konzipiert: kleinformatige Taschenbücher mit robustem Einband.

Billiger und leichter waren die für den Alleinreisenden konzipierten Einblattdrucke, die man unterwegs an einem Verkaufsstand erstehen konnte. Charakteristisch ist die überproportionelle Darstellung des Weges, von Brücken und Furten sowie von Landmarken, also von allem, was den Wandernden auf den richtigen Weg halten soll. Angaben über Etappenlängen wie über die Himmelsrichtungen gehören ebenfalls zu den Serviceleistungen. Das folgende Beispiel weist den Reisenden zugleich auf eine kostenlose Fährenverbindung (musen no watari むせんの渡) hin. Für bedeutende Subwallfahrtsorte – wie hier der Tempel Jison-in (慈尊院) als Begräbnisstätte der Mutter Kukais – sind die Darstellungen so detailliert, dass sie sich unschwer an spätere „Vogelperspektivansichten“ anknüpfen lassen.
Abbildung 15
(Kōyasan sōezu 高野山惣繪圖, Holzdruck von Yamamoto Heiroku, frühes 19. Jahrhundert)

Das nächste Beispiel, schon vom Titel her ein Führer für den Einzelreisenden (Kōyasan hitori annai 高野山獨案内), ist ein Holzdruck aus der Produktion des Nintokuji, eines Tempels in Kamuro zu Füßen des Koyasan, der berühmt für seine dem Hōnen-Schüler Karukaya gewidmete Halle (Nintokuji Karukayadō 仁德寺苅萱堂) war. Als Subwallfahrtsstätte auf einem der Pilgerpfade hat dieser Tempel über die ganze Edozeit hinweg Reiseführer produziert und an die Vorbeiziehenden verkauft. Die Darstellung zeigt im Vergleich zum Vorherigen wesentlich realistischere Raumverhältnisse, insbesondere bei der Wegbeschreibung, auch wenn das auf Kosten anderer Informationen wie z.B. der Landmarken geht.
Abbildung 16
(Kōyasan hitori annai 高野山獨案内, Holzdruck aus dem Nintokuji, erste Hälfte 19. Jahrhundert)
Mit einem Dreieck (▲, やどのしるし) werden Übernachtungsmöglichkeiten markiert, hier von links: Sangenya (三げんや), Kamuro (かむろ) und Shiide (しいで), während berühmte Orte (□, 名所の印) durch Umrandung des Namens hervorgehoben werden, hier: Jison-in (じそんゐん=慈尊院). In der Darstellung dieses „berühmten Ortes“ lässt sich schon der Kern der späteren „Vogelperspektivansichten“ deutlich erkennen: perspektivische Darstellung, Beschriftung und Texterklärungen. Andererseits sind noch unumstritten die Elemente eines Reiseführers vorhanden: die erwähnten Herbergen-Verzeichnisse sowie die Längenangaben der Strecken zwischen zwei Reiseetappen (hier: 24 chō zwischen der Herberge von Kamuro und dem berühmten Ort des Jison-in, かむろよりじそんゐん廿四丁). Dass der Nintokuji sich im Vergleich zur Konkurrenz nicht selbst als „berühmter Ort“ klassifiziert, mag nach Bescheidenheit aussehen, andererseits zieht die Wegbeschreibung ganz eindeutig den Umweg über Kamuro der kürzeren Strecke von Kudoyama über Shiide nach Kamiya vor.

d. „Bilder berühmter Orte“ (meisho zue 名所図会)

Die „Bilder berühmter Orte“ sind Bildserien, die in der späten Edozeit aufkamen. Allgemein wird die Reihe der „Bilder berühmter Orte der Hauptstadt“ (Miyako meisho zue 都名所圖會) von 1780 als früheste und zugleich Vorbild für alle späteren Serien angesehen.

Neben anderen Städten wie die „Bilder berühmter Orte von Edo“ (Edo meisho zue 江戸名所圖會) erscheinen zahlreiche Serien auch ausdrücklich als Reiseführer für Wallfahrten, so die „Bilder berühmter Orte auf der Pilgerfahrt zum Konpira“ (Konpira sankei meisho zue 金比羅參詣名所圖會) von 1847(6), die „Bilder berühmter Orte auf dem Weg zum Tempel Zenkoji“ (Zenkōjidō meisho zue 善光寺道名所圖會) und die „Bilder von Itsukushima“ (Itsukushima zue 嚴嶋圖會) von 1842. Andere Serien beschreiben die Hauptverkehrsstraßen wie die Tōkaidō oder berühmte Berge des Landes (Nihon meisan zue 日本名山圖會).

Die Serien enthalten nach wie vor Bildkarten, welche aber wesentlich naturgetreuer die Orte darstellen. Das folgende Beispiel stammt aus der 1838 gedruckten Serie der „Bilder berühmter Orte aus der Provinz Kii“ (Kii-koku meisho zue 紀伊國名所圖會) und zeigt wie die beiden vorangehenden Beispiele den Weg von der Furt beim Jison-in hinauf zum Koyasan.
Abbildung 17

Im Unterschied zu den Einzelblattdrucken können die Serien der „Bilder berühmter Orte“ denselben Ort mehrfach, aus verschiedenen Perspektiven bzw. mit verschiedenen Größendarstellungen und unter unterschiedlichen Aspekten darstellen. Nebenstehend ein weiteres Bild des Jison-in: wo in der obigen Darstellung kein Raum mehr war für die Darstellung des Tores (das Tor verschwindet unter Nebelschwaden), wird hier nicht nur das Tor, sondern auch das Wohnviertel vor dem Tor (monzenmachi 門前町), Straßen und insbesondere der Weg zur kostenlosen Fährenverbindung detailliert bebildert. Tempelgebäude, die sich auch in der obigen Darstellung finden, sind nun zum Teil mit erläuternden Beschriftungen erklärt: die Halle für die goma-Feuerzeremonie (ゴマ〔=護摩〕堂) und der Ahnenschrein für die Mutter des Großlehrers Kōbō (弘法大師御母公廟). Abbildung 18

2. Kurzbeschreibung der Bildkarte

a. Größe

Die Größe der Bildkarte beträgt nach Breite (w) und Höhe (h): 54,4 cm x 38,0 cm. Bei dieser Größenangabe handelt es sich um eine Individualgröße, die zwar zur eindeutigen Bestimmung des Beschreibungsobjektes hilfreich sein kann, nicht aber zur bibliographischen Erfassung aller Exemplare einer Druckauflage.
Bildkarten wurden zum Teil auch noch nach 1945 erst nach dem Druck auf eine verkaufsfertige Größe manuell zurechtgeschnitten, so dass es selbst bei Drucken aus der gleichen Auflage, d.h. vom gleichen Druckblock gefertigt, zu Größenunterschieden bis zu 5 cm nach allen Seiten kommen kann.
Sinnvoller erscheint die Angabe einer weiteren Größe: so gut wie alle Bildkarten haben einen Bildrahmen, der in den Druckblock eingeschnitten ist, und die Rahmengröße ist bei allen Exemplaren des gleichen Druckes identisch. Eine komplette Beschreibung sollte daher sowohl Gesamtgröße (hier: 54,4 cm x 38,0 cm) wie auch Rahmengröße (hier: 46,5 cm x 32,3 cm) nennen.
Ein weiteres technisches Problem der Größenangaben: die meisten Bildkarten sind so groß, dass sie gefaltet aufbewahrt werden bzw. wurden, so dass sie für eine exakte Größenmessung zunächst geglättet werden müssten. Da von einer solchen Glättung aus Gründen der Konservierung abgesehen werden muss, sind alle Größenangaben mit mehr oder weniger großen Messfehlern behaftet. Sowohl japanische Antiquariate wie auch Bibliotheken geben daher meist nur aufgerundete Zentimeter-Angaben; mir scheint jedoch die Fehlertoleranz gerng genug, dass auch Millimeter-Angaben gerechtfertigt sind (insbesondere für die Rahmengrößen).

b. Druck

Bei vorliegender Bildkarte handelt es sich um einen Mehrfarb-Holzdruck: auf einen Schwarz-Weiß-Druck, der die Umrisse der Gebäude und Landschaftselemente zeigt, sind in insgesamt vier Arbeitsgängen vier verschiedene Farben gedruckt worden.
Die Unterscheidung von Kupferstich- und Holzdrucken ist für den Laien nicht immer ganz einfach; im Zweifelsfall sollten Fachleute befragt werden. Bei Bildkarten existieren oft verschiedene Druckversionen, farblose wie auch farbige, zum Teil vom gleichen Druckblock, zum Teil von Nachdrucken. (Ein Beispiel aus einer anderen Serie: drei Versionen vom gleichen Druckblock, die ersten zwei aus dem Jahr 1915, die dritte aus dem Jahr 1929: )

Ideal wäre es daher, den Farbwert des jeweiligen Druckgangs mit einer Farbskala zu bestimmen, aber auch das ist eher eine Sache für Fachleute.

c. Impressum und Entstehungsjahr

Vorliegende Bildkarte hat am linken Rand ausserhalb des Rahmens ein Impressum, das den Urheberrecht-Inhaber und Herausgeber (in einer Person: Suzuki Tsunematsu), den Drucker (Sakada Kichitarō) und die Verkaufsstelle (Seta shōten an der Uferstraße von Miyajima) nennt. Suzuki Tsunematsu war ein Verleger in Osaka, der mit seinem Verlag Sekizenkan zahlreiche Publikationen vorlegte, u.a. Englisch-Lehrbücher für das Selbststudium, Eintrittsprüfungssammlungen für die Mittelschulen in der Präfektur Hiroshima(7) und Landkarten. Sekizenkan unterhielt im ganzen Lande Zweigstellen, hier die Zweigstelle in Shioyachō 10, Hiroshima.
Die Druckblöcke für Bildkarten wurden häufig wiederverwendet (siehe obiges Beispiel) und nicht alle Auflagen haben ein Impressum, weil sie unter Umständen auch an die Konkurrenz verkauft wurden. Aus dem Druckjahr ist daher nicht unmittelbar auf das Entstehungsjahr der Bildkarte zu schließen, es bietet nur das Datum ante quem.
Wieviele Auflagen es von einer Bildkarte gibt, lässt sich nicht mit Sicherheit eruieren, da Bildkarten bisher nur sporadisch von Bibliotheken gesammelt wurden (meist sind sie über die Integration einer Privatsammlung in öffentliche Bibliotheken geraten). Neuerdings lassen sich über Internet-Auktionen Beispiele ausfindig machen, aber da die Verfallszeiten dieser Daten sehr kurz sind, bedarf es einer ständigen Aktualisierung und Archivierung.
Aufschlussreicher für die Eingrenzung der Entstehungszeit sind die Abbildungen selbst, wenn sie zum einen mit den Daten der Regionalgeschichte, zum anderen mit anderen Bildkarten des gleichen Motives abgeglichen werden. Da dem Autor dieses Vergleichsmaterial fehlt, muss diese Aufgabe dem interessierten Leser überlassen bleiben. Von der Darstellung her dürften vermutlich das Dampfschiff neben dem Torii im Vordergrund sowie die „Ausstellungshalle der Schreinschätze“ (Hōmotsu chinretsukan 宝物陳列館) Anhaltspunkte zu einer Datierung geben.
 
Bei der Darstellungsweise der Bildkarten ist es jedoch immer gefährlich, aus dem, was abgebildet (oder nicht abgebildet) wird, Rückschlüsse auf eine Datierung zu ziehen. Oft diente der Verkauf von Bildkarten gerade auch dazu, Gelder für die (Wieder)Errichtung von Sakralbauten zu sammeln, und daher sind oft Dinge dargestellt, die realiter nicht existent sind. So ist das Mittlere Tor vor der Goldenen Halle des Koyasan 1843 abgebrannt, wurde aber auf den meisten Bildkarten bis 1945 abgebildet und wird wohl erst in ein paar Jahren wiederaufgebaut und damit real fassbar sein.

d. Besonderheiten

Dem Autor fehlt der Vergleich zu anderen Bildkarten des Itsukushima-Schreines; als Bildkarte selbst jedoch lässt sich auf die doppelte Struktur verweisen: der obere Hauptteil bietet eine Darstellung des Schreins mit den wichtigsten Gebäuden, in der unteren Bildzeile, nur 5 cm hoch, finden sich sieben Abbildungen der Sieben Buchten der Schreininsel (von links: 5,8 cm, 2 mal 6,0 cm und 4 mal 5,9 cm breit) und am rechten Rand der jeweiligen Abbildung eine nur 6 mm breite Textzeile, die den Namen der Bucht sowie ein Gedicht, das sich auf die entsprechende Bucht bezieht, angibt. Über den Dichter, Shūō (秋奥), ist nichts Genaueres bekannt. Jedes Einzelbild ist wiederum betitelt, von rechts her: „Schrein Nr. 1 der Sieben Buchten“ (七浦神社一), „Dergleichen Nr. 2“ (仝〔=同〕二) usw. bis „Dergleichen Nr. 7“ (vgl. dazu genauer die japanische HP). Eine Besonderheit nicht nur der vorliegenden Bildkarte, sondern auch des Genres an sich ist die Deformierung zur Betonung der Hauptgebäude; andererseits sind in unserem Beispiel alle anderen Gebäude außer den Sakralbauten, wie Fischerhütten oder Verkaufsstände, die bereits in edozeitlichen Darstellungen abgebildet wurden, völlig abstrahiert.
(Eine vollständige Bilddokumentation der Quelle befindet sich in der anliegenden japanischen Beschreibung der Quelle; aus technischen Gründen wurde das Bild in vier Teile zerlegt.)

3. Schlussbemerkung

Um dieses Beispiel einer Bildkarte genauer einzuordnen und für künftige Forschungen nutzbar zu machen, bedarf es zweierlei: einmal den Vergleich mit anderen Darstellungen des Itsukushima-Schreins, um den Stellenwert dieser Bildkarte innerhalb der engeren Tradition zu bewerten. Sowohl die Entstehungszeit wie auch Stereotypen in der Darstellung (meist bei der Darstellung real nicht existierender Gegenstände) lassen sich dadurch eher eingrenzen. Zum anderen der Vergleich mit den Bildkarten anderer Tempel und Schreine. Der Autor dieser Zeilen ist vor allem an dem zweiten Vergleich interessiert, nämlich das „Nihon sankei no ichi“ als ein Beispiel von Bilddarstellungen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert für spätere Vergleiche zu nutzen. Geplant ist, in nächster Zukunft einige weitere Beispiele vorzustellen.


Anmerkungen
(1)
Zu den Ansichtspostkarten vgl. Gülberg, Postkarten (Ansichtskarten) als Bildquellen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, erscheint vorauss. Tokyo 2009.
(2)
D. Max Moerman, Localizing Paradise. Kumano Pilgrimage and the Religious Landscape of Premodern Japan, Harvard East Asian Monographs 235, Cambridge/Mass. & London 2005
(3)
Nishiyama Masaru 西山克, Seichi no sōzōryoku – Sankei mandara wo yomu – 聖地の想像力―参詣曼荼羅を読む, Kyoto: Hōzōkan 1998
(4)
Sasaki Kōzō 佐々木剛三, Shintō mandara no zuzōgaku – Kami kara hito e – 神道曼荼羅の図像学―神から人へ, Tokyo: Pelikan 1999
(5)
Vgl. Gülberg, „Jokei und die Gottheit von Kasuga“, in: Hannelore Eisenhofer-Halim (Hg.), Wandel zwischen den Welten. FS Johannes Laube, Frankfurt a.M. 2003, S. 223-249
(6)
Sarah Thal hat einige der Bilder dieser Serie als Illustrationen in ihre Studie aufgenommen; vgl. dies., Rearranging the Landscape of THE GODS. The Politics of a Pilgrimage Site in Japan, 1573-1912, Chicago u. London 2005
(7)
Kokkai toshokan YDM49543: Hiroshima kakuchūgakkō nyūgaku shiken mondaishū, Druck vom September 1911. Als Verkaufsstelle wird die Zweigstelle des Sekizenkan in Hiroshima Shioyachō angegeben; vgl. die Internetversion des mikroverfilmten Titels (Kindai digital library).

Literatur
HINONISHI 1983
Hinonishi Shinjō 日野西眞定, Kōyasan koezu shūsei 高野山古絵図集成, Osaka: Seieisha 1983
TABI NO BUNKA KENKYUJO 2002
Tabi no bunka kenkyūjo 旅の文化研究所, Ezu ni miru Ise-mairi 絵図に見る伊勢参り, Tokyo: Kawade shobō shinsha 2002

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Kadono konzen bunko (ezu 000_01), fotografiert von Igarashi Yoshifumi.
Abb. 2: Ausschnitt aus Hiraoka Hachimangū (Hachiman gūsha) zu (Jingōji ezu) in: Fukuyama Toshio u.a. (Hg.), Jinja kozu shū, Reprint 1989 der Ausgabe Tokyo 1942, Abb. 12 Abb. 3: Ausschnitt aus Hinonishi Shinjō, Kōyasan koezu shūsei, Osaka 1983, Abb. 34 (digital überarbeitet)
Abb. 4: Ausschnitt aus Hinonishi, Abb. 39 (digital überarbeitet)
Abb. 5: Ausschnitt aus Hinonishi, Abb. 46 (digital überarbeitet)
Abb. 6: Ausschnitt aus Hinonishi, Abb. 50 (digital überarbeitet)
Abb. 7: Ausschnitt aus Hinonishi, Abb. 57 (digital überarbeitet)
Abb. 8: Ausschnitt aus Hinonishi, Abb. 94 (digital überarbeitet)
Abb. 9: Ausschnitt aus Hinonishi, Abb. 105 (digital überarbeitet)
Abb. 10: Ausschnitt aus Hinonishi, Abb. 125 (digital überarbeitet)
Abb. 11: Ausschnitt aus Hinonishi, Abb. 122 (digital überarbeitet)
Abb. 12: Ausschnitt aus einer Abbildung zum Plakat (online-PDF-Version) der Ausstellung „Kumano bikuni no shokoku teichaku“ 21. Februar-30. März 2008, Shingū shiritsu rekishi minzoku shiryōkan
Abb. 13: Abbildung zu einem Aufsatz von Naruse Fujio, „Kasagi mandara to Nihon chūsei kaiga no risōteki hyōgen“, in: Yamato bunka No. 103, April 2000 (verkleinert)
Abb. 14: Abbildung 15 aus dem Ausstellungskatalog Die Kunst des Kasuga-Glaubens (Kasuga shinkō no bijutsu), Staatliches Museum Nara, November 1997 (verkleinert)
Abb. 15: Kadono konzen bunko (ezu 078), Ausschnitt
Abb. 16: Kadono konzen bunko (ezu 027), Ausschnitt (digital überarbeitet)
Abb. 17: Aus der online-PDF-Version des Kii-koku meisho zue, Waseda University Library ru04/1833/14 (digital überarbeitet)
Abb. 18: wie Abb. 17
Abb. 19: Kadono konzen bunko (ezu 033)
Abb. 20: Kadono konzen bunko (ezu 034)
Abb. 21: Kadono konzen bunko (ezu 035)


Author: Niels GUELBERG
e-mail: guelberg@waseda.jp
First drafted: 08.06.20
Last updated: 09.03.01