| Bibliographie: Textausgabe: Philipp Strauch [Hrsg.], Deutsche Texte des Mittelalters Bd. XXX Berlin [Weidmann] 1919. |
32. Eckhart Rube.
Sermo de sanctis.
[Strauch 69]
(1) 'Scimus quia diligentibus deum omnia cooperantur in bonum'.
(2) dise wort sprichit sente Pauwil:
'di Got lip han, den sint alle dinc beholfen,
und mide wirkinde zu Gode':
troist und gemach und ungemach und joch sunde nicht den
di di libe habin zu einir zit und dar noch druiz vallin,
sunder den di fon Gode irwelit sin,
alse sente Pauwil sprichit:
'de Got noch sime ewigin willin irwelit hait
zu deme glichnisse des bildis sines sones,
di hait her groiz gemachit'.
(3) wa mide?
(4) mit deme geslechte allir tugindi,
alse di betudunge sprichit:
zu deme geslechte der tuginde gehorin alle di ubernaturlichin gabe,
da mide Got den menschin ordenit zu der ewigin selikeit,
und daz sint vollincumenheit gotlicher nature,
forenzilit ubernaturlichin in fornuftigin creaturen,
und daz ist daz bilde des sones, da zu wir geladin sin.
(5) daz ist in Christo zwegerhande wis
noch zwegerleige nature gotlich und menschlich.
(6) in disime geslechte so nimit man zu dem erstin gnade,
darumme daz si ist ein worzele allis disis geslechtis.
(7) waz ist gnade?
(8) gnade ist ein lutir glichnisse
und teilhaftikeit gotlicher nature,
alse si ein nature ist.
(9) aber di anderin vollincumenheit,
daz sint glichnisse gotlicher nature,
nicht alse si ist nature,
sunder alse si ist ein wisheit odir ein gude oder ein andir vollincuminheit,
alleine ez alliz in Gode ein si.
(10) und darumme so ist gnade unmezlich in der nature der sele,
alleine di anderin vollincuminheit alle sint in den creften;
wan gnade gibit ein ubernaturlich wesin,
daz gehorit der nature.
(11) aber di anderen vollincuminheit
gebin ein ubernaturlich wirkin,
daz gehorit den creftin.
(12) alleine dise gnade noch urme geslechte und nature edilir si
wan di nature der sele oder kein andir nature,
ie doch noch wise der wesunge
so ist di gnade unvollincumenir in der sele
wan di nature der sele,
wan di sele ist vollincumenir in ir selber;
wan di sele ist substancie, daz ist wesin,
gnade ein aneval des wesines.
(13) noch der gnade volgin di tuginde,
daz sint vollincumenheit
di da den namen der tuginde sunderliche habin behaldin.
(14) von tuginden sprichit Aristoteles:
'tugint ist di da vollinbrengit den de si hait,
und sin werc guit machit'.
(15) aber dit ist gesprochin gemeinliche fon tuginden
di da sint gewonnen.
(16) aber fon den ingegozzenin tuginden sprichit sente Augustinus:
'tugint
[Strauch 70]
ist ein guit aneval der sele,
den niman ubile nutzit, den Got in uns ain uns wirkit'.
(17) dise tuginde vollinbrengin di crefte der sele
zu wole wirkine und sin zweigerleige.
(18) eine gotlich, darumme daz ir werc unmittillich sin gegin Gode,
und ir sin dri:
glaube unde hoffenunge und minne.
(19) di anderin daz sin mensliche tuginde,
der werc ensin nicht unmittillich gegin Gode,
alleine Got daz ende si.
(20) und dise sin auch zweigerleige.
(21) di einin gehorin zu der fornuft,
daz ist wisheit, fornuft, cunst und cluicheit,
und di in disin sint beslozzin, di heizint fornufliche tuginde.
(22) di anderen gehorin zu den willin und zu den anderen creften;
der heubit sint genant gerechtikeit, sterke und mezikeit.
(23) in den sint file andere beslozzin
und di heizin sitliche tuginde,
wan si gehorin zu den siden.
(24) und alse di fornuft edilir und hohir ist wan di anderin crefte,
also sint di fornuftigin tuginde edilir und hoher wan di sitlichin,
wan di habin di meistirschaft uber dise.
(25) Noch den tugindin volgin di gabe des heligen geistes,
der sint sibine beschriben in Ysaia:
wisheit, fornuft, cunst, rait, sterke, mildekeit und worchte.
(26) wisheit und fornuft gehorint zu der warheit der beschauunge:
wisheit zu orteiline,
fornuft zu vindine;
cunst und rait gehorint zu der warheit der wirkunge:
cunst zu orteiline,
rait zu vindine.
(27) dise gabe sint beschriben fon den lereren also:
gabe des heligen geistes ist ein unwidirlich gebunge godis,
di den menschin machit wol bewegelich fon deme heligen geiste.
(28) wan alse di sitlichin tuginde werdin wol bewegilich
fon der fornuft,
also machin dise gabe den menschin wol bewegelich
unmittilliche von deme heligen geiste.
(29) dise gabe sint in allin creftin der sele
und tuin den menschin wirkin hohir werc dan di tuginde,
wan di tuginde tuin den menschin wirkinde tugintliche werc
in menslicher wise noch der bewegunge der fornuft;
abe di gabe tuin wirkin den menschin in gotlicher wise
noch der bewegunge des heligen geistes.
(30) di tuginde gebin eine maze und ein mittil an gebruchunge
von forgenclichin dingen gudis und ere,
gemachs und ungemachis,
aber di gabe gebin ein forsmehin
und ein hinewerfin forgenclicher dinge umme gotliche minne.
(31) di gabe sint pobin den menslichen tuginden
und sint beniden den gotlichin tuginden in eime mittile,
wan alse di fornuftlichin tuginde sint pobin den
sitlichin tuginden, alse sint di gotlichen tuginde pobin den gabin,
wan uz den gotlichen tuginden flizin alle di gabe des heligen geistes.
(32) di gotlichin tuginde machin ein einunge der sele
mit deme heligen geiste,
daz der helige geist bewege di sele.
(33) aber di gabe bereiden den menschin zu inphahine ane widersazzunge
di bewegunge des heligen geistes.
(34) Ysaias sprichit:
'Got hait mir geoffinbarit das ore,
und ich inwidersprechiz nicht und inginc nicht hindirwert'.
[Strauch 71]
(35) Philosophus de bona fortuna:
'di da werdin bewegit fon gotlicher bewegunge,
den inzimit nicht rait zu suchine fon menslicher fornuft,
sundir daz si volgin den inren bewegungen,
wan si werdin bewegit fon eime bezzerin beginne
wan menslich fornuft si'.
(36) dise dri follincuminheit,
gnade, tuginde und gabe,
di blibin in den menschin,
he slafe oder wache, he wirke oder he inwirke nicht.
(37) darumme sint si genant blibinde follincuminheit.
(38) noch den volgin di anderen, di bi dem menschin nicht inblibin,
wan alse her si geginwerticliche wirkit;
wan dit insint nicht me wan di werc di da flizin uz den erstin.
(39) under disen sint zu deme erstin di fruchte des geistes.
(40) fruchte des geistis sint genant di werc der tuginde,
darumme daz si suze sint deme der si wirkit,
wan alse liplich frucht ist das leiste unde daz suziste
daz da ist in dem menschin.
(41) darumme sprichit man
daz diz werc der tugint treit sin lon in sinem munde.
(42) sente Ambrosius:
'di werc der tuginde sint genant fruchte darumme
daz si spisin den menschen mit heliger und mit luterre wollust'.
(43) wan di werc cumen fon dem menschin
nocht der craft sinir fornuft,
so heisin ez fruchte der fornuft;
wan si aber cumin fon deme menschin
noch der craft des heligen geistes,
so heizin ez fruchte des geistes,
wan her ist ein same disir werke.
(44) wan dan dise werc nicht insint durch sich selbir,
sunder si sint geordint zu der gebruchunge Godis,
der da ist di uberste frucht,
darumme sint si blomin und fruchte mit ein andir.
(45) Salomon:
'mine blomen daz sint fruchte der ere und der hobisheit'.
(46) Disir fruchte nennit sente Paulus zvelfe,
alleine ur fil me sint, alse sente Augustinus sprichit.
(47) di erstin dri daz sint dri werc der minne, freude und vride.
(48) minne ist daz erste werc des willen
und ein eigentlich glichnisse des heiligen geistes.
(49) dar noch kumet freude fon der einunge
und geginwertikeit di di minne machit.
(50) dar noch volgit fride,
di machit vollincumen di freude mit ruwe
fon uzewendigime betrupnisse,
wan wer ganzin vride sines herzin hait in Gode,
den inmac uzewendic nicht betruben.
(51) di virde frucht ist gedult in widermude.
(52) di funfte ist lancbeidin in hoffenunge.
(53) di seiste ist gude, daz ist suzikeit des gemudis.
(54) di sibinde ist guitwillikeit, daz ist mildekeit des gudis.
(55) daz achte ist senftmudikeit.
(56) di nunde ist truwe oder glaube.
(57) di zende ist mezikeit an worten und an werkin.
(58) di elfte ist inthaldunge
oder eigin betwanc gegin den dingin di nicht forbodin insint.
(59) di zvelfte ist kuisheit,
daz ist inthaldunge fon den dingin di forbodin sint
oder frieheit fon bekorungen.
(60) Hi noch folgin di selikeit und der lon der selikeit.
(61) achte selikeit sint beschribin und sibin lon,
aber eiginliche sint der selikeit nicht dan sibine,
wan di achte enist nicht me dan ein bestedigin
und ein uzlegin der anderin sibine,
und
[Strauch 72]
darumme enhait si nicht ein sunderlichin lon alse di anderen.
(62) selikeit ist beschribin fon den lereren also:
selikeit sint hohe follincumene werc,
di da flizin uz den gabin des heligen geistes
und geberen in deme menschin eine sichere hoffenunge
di da weschit uze hohe follincumene werc.
(63) dise werc sint darumme selikeit genannt
daz si machin eine geginwertikeit
und eine sichirkeit der selikeit in der hoffenunge:
alse wan der baum wole bluwit,
so hait man hoffenunge zu der frucht.
(64) di lon der selikeit daz sint ein vollincumin anevanc
oder ein begin zu der zukunftigin selikeit
mit innewendigir sazunge der sele
an gotlicher ruwe und fride,
und sint glichit der frucht des baumes,
wan si itzunt beginnit rife zu werdine.
(65) darumme sprichit sente Ambrosius
daz alle dise lon gehorin zu deme ewigin lebine.
(66) aber sente Augustinus sprichit tifir
daz si alle gehorin zu disime lebine,
aber si werden vollebracht in der ewigen selikeit.
(67) dise selikeit mit uren lonen
beschribit sente Matheus also in deme ewangelio
und ordint si also:
'selic sint di armen an deme geiste,
wan er ist daz riche der himmele.
(68) selic sint di senftmudigin,
wan si sullin besitzin daz ertriche.
(69) selic sint di barmherzigin di nu weinin,
wan si sullin werdin getroist.
(70) selic sint di da hungeric und durstic sin
noch der gerechtikeit,
wan di sullin werdin gesedit.
(71) selic sin di barmherzigin,
wan si sullin barmherzikeit inphahin.
(72) selic sint di fon reinime herzin sin,
wan si sullin Got sehin.
(73) selic sint di fridesamen,
wan si sullin genant werdin Godis kinder.
(74) selic sint di alle anvechtunge liden umme di gerechtikeit,
wan ur ist daz riche der himmele.
(75) ermude des geistes
daz ist ein forsmehin gudis und ere fon oitmudikeit:
deme sal daz riche der himmele,
daz ist ein begin vollincumener wisheit.
(76) senftmudikeit ist ein ruwe von vihelichen begerungen
noch Godis willin:
di sal besitzin daz ertriche,
daz ist ein ruwin der begerunge an der stedikeit des ewigin erbis.
(77) weinin daz ist selic,
wan ez wirt fon willin genomin durch Got:
deme sal troist des geistis.
(78) hungir und durst zu der gerechtikeit,
daz ist ein burn
fon der Christus sprach:
'mine spise ist, daz ich tun den willin minis vadir'.
(79) barmherzikeit heizit selic,
wan si ist ain underscheit zu dem fremiden alse zu deme nehisten:
der ist gelobit Godis barmherzikeit.
(80) reinekeit des herzin daz ist lutirkeit des gemudis:
der ist gelobit gotlich beschowin beide hi und dort.
(81) fridesamkeit daz ist frieheit fon bewegungen
noch gotlichime glichnisse,
darumme sint si Godis kinder.
(82) dit sint di selikeit mit yren lonen,
di sich hi ane hebin in den heiligin vollincumenin ludin
und sullin vollebracht werdin in der ewigin selikeit.
(83) dit ist ein minninclich dinc
daz Got sine irweltin mit also luitseligir ordenunge
der vollincumminheit brengit zu sime glichnisse.
(84) wan dan
[Strauch 73]
Got dise vollincuminheit wirkit,
di insullin si nummir forlisin,
wan ez ist unmugelich daz si fon Gode mugin geschedin.
(85) hirzu muze uns helfen Christus, Marien son,
in deme gebenedigit sint alle heligen.
(86) amen.
e-mail: guelberg@waseda.jp
Last updated: 03.12.11