Paradisus anime intelligentis (Pr. 21)


Bibliographie:
Textausgabe: Philipp Strauch [Hrsg.],
Deutsche Texte des Mittelalters Bd. XXX
Berlin [Weidmann] 1919.

Prima pars.

21. Meister Eckhart.

Sermo de tempore.


par050_37_     XXI. 'Vir meus mortuus est'. daz funkelin der fornuftikeit an der sele ist
par050_38_ daz hoiste und heizit der man und ist alse mer alse ein funkelin gotlichis lichtis
par051__1_ ein ingedruckit bilde gotlicher nature. wir lesin von einir frauwin, di bait gabe
par051__2_ von Christo. di erste gabe di Got gibit, daz ist der helige geist, in [41r] deme
par051__3_ gibit he alle sine gabe. daz ist daz lebindige wazzir. weme Christus daz gibit,
par051__4_ den ingedorstit nummir. daz wazzir ist licht und gnade und inspringit in der
par051__5_ sele und inspringit inne und tregit uf und springit in di ewikeit. nu sprach di
par051__6_ vrauwe: 'herre, gip mir daz wazzir'. Christus: 'brenge mir dinen man!' ipsa:
par051__7_ 'ich inhabe keinen'. Christus: 'du hâis wôr, du inhâis keinen, du hais abir
par051__8_ funfe gehait, und den du nu hais, der inist din nicht'. Augustinus: 'warumme
par051__9_ sprach unse herre: "du hais wôr?" he wil daz sprechin: "dine funf sinne hon dich
par051_10_ in dinir jugint gehait noch allin iren willin, nu haist du einen, deme involgis
par051_11_ du nicht"'. wan der man toit ist, so steit ez ubile. daz di sele von deme libe
par051_12_ schedit, daz tuit we. abir das sich Got von der sele schedit, daz tuit michil
par051_13_ wirs. alse di sele deme liebe daz lebin gibit, also ist Got der sele lebin. alse
par051_14_ sich di sele guzit in alle glide, also fluzit Got in alle di crefte der sele, daz si
par051_15_ ez fortgizin, mit gude und mit minnen uffe allis daz daz bi ym ist, daz si ez
par051_16_ alle gewar werdin. also fluzit he alle zit, daz ist pobin zit und in deme lebine
par051_17_ da alle dinc inne lebin. darumme sprach unse herre: 'ich gebin daz lebindege
par051_18_ wazzir, wer des trinkit, der lebit des ewigin lebinis'. nu sprichit di vrowe:
par051_19_ 'herre, min man, din knecht, der ist toit'. 'knecht' sprichit also vil alse einer
par051_20_ der da inphehit und beheldit sime herrin. beheldit he ume selber icht, so ist
par051_21_ he ein dip. fornuftikeit ist eginlicher knecht geheizin dan wille oder minne.
par051_22_ wille und minne vallin uffe Got, alse he guit ist, und inwere he nicht guit, si
par051_23_ inachtin sin nicht. fornuftikeit tridit uf in daz wesin, er si bedenkit gude oder
par051_24_ wisheit oder was des ist daz zuvellic ist, daz [41v] man Gode zu legit; dar ane
par051_25_ inkerit si sich nicht: si forsinkit in daz wesin. hi glichit sich fornuftikeit der
par051_26_ uberstin herschaft der engle. der dritte chor sint Troni, di nemint Got in sich.
par051_27_ Got ruwit an Cherubin, di bekennen Got und blibint an. Seraphin daz ist
par051_28_ der brant. disin glichit sich fornuftikeit und nimit Got in sich. mit disin
par051_29_ englin nimit fornuftikeit Got bloz alse he ist ein on undirscheit.
par051_30_     Nu spricht di vrowe: 'si cumen den wir schuldic sin, und nemen mine
par051_31_ zvene sune'. waz sin di zuene sune der sele? Augustinus sprichit fon zvein
par051_32_ antlitzen der sele. daz eine ist gekort in dise werlint und zu deme libe, und
par051_33_ in deme wirkit es tugint. daz andere ist gekerit di richte in Got. in deme ist
par051_34_ on undirlais gotlich licht und wirkit dar inne, alleine si ez nicht inweis, wan si
par051_35_ da heime nicht inist. daz funkelin der fornuft bloz in Gode genomin da lebit
par051_36_ der man. da geschihit di gebort, da wirdit der son geborn. di gebort geschihit
par052__1_ nicht eines an deme tage, mer alle zit, daz ist pobin zit und alle zit in der
par052__2_ wide, da wedir hi noch nu inist, noch nature noch gedanc. darumme spreche
par052__3_ wir 'son' und nicht 'tochtir'.
par052__4_     Nu spreche wir in eime anderen sinne fon den zvein sunen. daz eine ist
par052__5_ forstentnisse, daz andere wille. forstentnisse brichit zu dem erstin uz, aber wille
par052__6_ und minne geint dar noch. -- nu spreche wir in eime anderin sinne fon den
par052__7_ zvein anderen sunen der fornuftikeit. daz eine ist di muglichkeit, daz andere
par052__8_ ist di wirclichkeit. Philosophus: 'di sele hait in dirre craft muglichkeit alle
par052__9_ dinc zu werdine geistliche'. in der wirkinden craft glichit si sich deme vadere
par052_10_ und wirkit alle dinc in eime nuwin wesine. Got hait alle dise werlint geistliche
par052_11_ in iclichin en[42r]gile irbildit, ê di werlint an ir selber gemachit worde. der
par052_12_ engil hait zvei forstentnisse. daz eine ist ein morgin licht, daz andere ist ein
par052_13_ abintlicht. das morginlicht ist daz he alle dinc sihit in Gode. daz abintlicht
par052_14_ ist daz he di dinc sihit in sime naturlichin lichte. ginge he uz in di dinc, so
par052_15_ worde ez nacht. nu blibit he inne, darumme heizit ez ein abintlicht. wir
par052_16_ sprechin daz sich di engle frowin, so der mensche ein guit werc tuit. di meistere
par052_17_ fragin ob di engle betrubit werdin, so der mensche sunde tuit. si sprechin: 'nein',
par052_18_ wan si sehin in di gerechtikeit Godis und nemen alle dinc alse si sint in Gode.
par052_19_ darumme inmugin si sich nicht betrubin. nu glichit sich fornuftikeit in der
par052_20_ muglichin craft deme naturlichin lichte der engle, daz da ist daz abintlicht. in
par052_21_ der wirkinden craft treit si alle dinc in deme morginlichte.
par052_22_     Nu sprichit di vrowe: 'herre, man wil mir mine sune nemen'. nu ant-
par052_23_ wertit der prophete: 'intlehine vile lediger vaz wider dine nochgebure'. dise
par052_24_ nochgebure daz sint alle creature und di funf sinne und di crefte der sele und
par052_25_ sint engle. widir dise nochgebure salt du nemen ledige vaz. bide wir etc.


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Autor:Niels GÜLBERG
e-mail: guelberg@waseda.jp
Last updated: 03.12.07