Paradisus anime intelligentis (Pr. 46)


Bibliographie:
Textausgabe: Philipp Strauch [Hrsg.],
Deutsche Texte des Mittelalters Bd. XXX
Berlin [Weidmann] 1919.

Pars secunda.

46. Meister Eckhart.

Sermo de sanctis.


par104__3_     XV. 'Beatus homo qui invenit sapienciam'. ez ist zweigirhande wisheit.
par104__4_ also ist auch zweigirhande selikeit di fon der wisheit cumit. ein wisheit ist
par104__5_ forgenclich, di ist daz man sich forsteit und kan sich richtin noch der zit, alse
par104__6_ etliche kunst ist daz man sich kan hudin for ungelucke und kan sich richtin
par104__7_ noch der zit. wer daz wole kan, der wirdit ein riche mensche und heizit selic
par104__8_ fon irdischer wisheit. aber irdische wisheit ist ein irretum ewiger wisheit. dar-
par104__9_ umme hait unse herre Got der sele zweigerleige crefte gegebin, daz si mit den
par104_10_ nidirstin creftin dine unsirme herrin Gode in der zit und daz si mit den ubirsten
par104_11_ dine unsirme herrin Gode in der ewikeit. ein meistir sprichit: 'di sele ist ein
par104_12_ punc oder ein ecke, da sich ane stozit zit und ewikeit, und di sele ist doch nicht
par104_13_ fon zit noch fon ewikeit gemachit, sunder si ist ein nature gemachit fon nichte
par104_14_ schussin un beidin'. were si fon der zit gemachit, so were si forgenclich; were
par104_15_ auch di sele fon der ewikeit gemachit, so were si unwandilhaftic. Augustinus:
par104_16_ 'di sele ist [85v] von eime also edilin himmelischin nichte daz ez lustlicher ist
par104_17_ daz wir alle unse lebitage darnoch forschin dan daz wir ez ummir bevinden'.
par104_18_ darumme ist di sele edile daz sich an si stozit beide zit und ewikeit. neigit
par104_19_ si sich uffe zitliche dinc, so wirdit si unstede; heldit si sich an di ewikeit, so
par104_20_ wirdit si stede und starc, und mit der sterke und stedikeit uberwindit si wandil-
par104_21_ haftige dinc.
par104_22_     Di andere wisheit ist ewic und di wisheit ist ein gesprinc der gotlichin
par104_23_ clarheit und ein burne gotlicher warheit, und fon dirre wisheit wirt man ewic-
par104_24_ liche selic. der zu dirre wisheit cumen wil, der muiz habin oitmudikeit und
par104_25_ stedin fliez und ein forschinde swigin. kein werc ist so vollincumen, ez in hin-
par104_26_ dere di innekeit. man mac inneclicher messe horin dan messe sprechin. wolde
par104_27_ ein pristir zu vile innekeit suchin in der messe, he mochte tun daz schedelich
par104_28_ were. der beiste rait ist daz man fore und noch innekeit suche, und wan man
par104_29_ ein tu, daz man daz redeliche tu. ermude horit ouch zu godelicher wisheit. der
par104_30_ ist nutzlichin arm der sich allir der dinge arm machit di Got nicht insint.
par104_31_     Da noch sal man mirkin wilich di lude sullin sin an di gotliche wisheit
par104_32_ cumit. fon den sprichit Salomon: 'daz ist daz si urin munt ufteit zu der wîs-
par104_33_ heit', daz bedûdit iclîche sêlige sêle. der munt ist di uberste craft der sele, da
par104_34_ di sele gelabit wirdit fon Gode. dise craft sal alle wege ufgerichtit und uf-
par104_35_ geton werdin gegin godelichime troiste, und waz sy inphehit fon Gode, daz sal
par104_36_ si gizin in di nidirsten crefte. wan wolde si Got schephin oder begrifin mit
par104_37_ [86r] den nidirsten creftin, so worde Got gesnodit und geminnerit an unsime be-
par104_38_ kentnisse, wan wir Got bi keinen dingin bekennen noch begrifin inmugin di uns
par104_39_ geginwertic sin. ein meister sprichit: 'alliz daz man fon Gode gesprechin mac
par105__1_ daz ist Got'; ein ander meister sprichit: 'alliz daz man gesprechin mac daz
par105__2_ ist Got nicht', und habin beide wor. Augustinus sprichit: 'Got ist gewalt,
par105__3_ wisheit und gude'. Dyonisius: 'Got ist uber wisheit und uber gude und uber
par105__4_ alliz daz man gesprechin mac'. darumme gibit man unsime herrin so manigin
par105__5_ namen in der schrift, daz ist durch zwei dinc: daz eine daz man sinen adil mit
par105__6_ keinen wortin begrifin inmac, daz he busin und pobin allir nature ist und eine
par105__7_ ungenaturte edilkeit hait. ettiswanne heizit man un gewalt, ettiswanne ein licht.
par105__8_ he ist pobin alle licht. darumme heizit man un dit und daz, daz ist da fon
par105__9_ daz he disir dinge kein eginliche ist. mochte man sinen adil mit keinen wortin
par105_10_ begrifin, den namen behulde he stedecliche. wer fon Gode allirmeist kan, der
par105_11_ forleukint sin allir meist, alse man prufin mac bi eime schiffe. wolde ich eime
par105_12_ wisin ein schif der ez ni gesehin hette, ich spreche ez inist nicht fon eime
par105_13_ steine noch fon eime halme. itzunt hette ich ume etwaz bewisit fon deme schiffe.
par105_14_ zwene meistere warin an urme gebeide; der eine rif unserin herrin ane bi sinir
par105_15_ gewalt und bi sinir wisheit. der andere sprach: 'swic, du lastires Got! Got ist
par105_16_ so hoch uber alliz daz wir gesprechin mugin, inwere Got so oitmudic nicht und
par105_17_ inhettinis di heiligin nicht gesprochin und in hette ez Got nicht fon un geannamit,
par105_18_ ich intorst un nummir mit wortin geloubin'. fon disime erwirdigin bekentnisse
par105_19_ cumit di sele in ein erwirdige forchte und in der forchte wirdit Got gesewit in
par105_20_ [86v] di sele, und irstirbit di sele in Gode. da fon sprichit unsir herre: 'daz wesin
par105_21_ korn invalle in di erdin und sterbe, so inmac da kein frucht uz werdin'. diz
par105_22_ sterbin sal di sele habin an deme bekentnisse Godis, daz si an ir selber fule
par105_23_ und daz ur alle dinc stinkinde werdin di Got nicht insint. so irguzit sich ur
par105_24_ Got an den gnadin und worzelit an deme glaubin und wesit an der minne. dit
par105_25_ hatte wol geprufit sente N., wi ture und wi edile ein cauf si, daz man alle
par105_26_ dinc gibit umme di wisheit. darumme forzech sente Elizabeth froliche uris
par105_27_ forstin landis und wart ein arm mensche. di schrift sprichit von ur: 'ir licht
par105_28_ forlasch des nachtis nicht', daz ist si wart in betrupnisse recht funden; darum
par105_29_ sal ir licht schinen in deme ewigin lebine. wi vollincumen ein mensche ist, for-
par105_30_ lusit he icht forgenclichis gudis, sin herze wil sich wandelin und betrubin. daz
par105_31_ ist ein gewis dinc: waz der mensche forlusit widir sinen willin, und lidit he ez
par105_32_ geduldecliche, he fordinit grozir lon wan ob he ez mit willin unsirme herrin Gode
par105_33_ gebe, wan da hette he sinen willin an. aber an der gedult gibit he beide willin
par105_34_ unde guit unsirme herrin Gode. wilich mensche wirdit in ungemache unge-
par106__1_ duldic fundin, di boisheit enist un nicht fon der pine ane cumen, sunder di bois-
par106__2_ heit wirdit geoffinbarit in der pine, und geschihit deme menschin alse deme
par106__3_ kupperen phennige: di wile daz he in deme fure nicht inlit, so schinit he clair
par106__4_ silberin; cumit he abir in daz fuir, so wirdit geoffinbarit daz he kupperen was.
par106__5_ darumme hatte unse herre Got di heiligin forsucht hi in der pine, daz si ge-
par106__6_ recht sin fundin an allin tuginden und luchtin hi in der nacht und in deme
par106__7_ ewigin lebine ewicliche.
par106__8_     [87r] Daz dritte ist wi man sal smeckin gotlicher ewigir wisheit. da
par106__9_ helfen vire dinc zu. daz erste daz ist glichnisse, daz man sich Gode glich mache
par106_10_ an luterkeit, alse daz glais oder durchschinige dinc sint der sonnen. das andere
par106_11_ ist gotlich licht, daz da durchschinet in der luterkeit der sele alse di sonne
par106_12_ durch daz glaz oder wazzir. daz dritte ist einunge, di cumit fon glichnisse alse
par106_13_ licht fon lichte. daz vierde ist maze, daz Got der sele gemezigit wirt. aber
par106_14_ Got inmac noch geminnerit noch gemerit werdin, wan he unmezic und unwandil-
par106_15_ haftic ist. mer di sele muiz irhabin und gewidit werdin, wan si cleine und
par106_16_ wandilhaftic ist. darumme sal si irhabin werdin ubir sich und gewidit etwaz
par106_17_ gegin Godis unmezikeit. bide wir etc.


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Autor:Niels GÜLBERG
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Last updated: 03.12.04