Paradisus anime intelligentis (Pr. 49)


Bibliographie:
Textausgabe: Philipp Strauch [Hrsg.],
Deutsche Texte des Mittelalters Bd. XXX
Berlin [Weidmann] 1919.

Pars secunda.

49. Meister Eckhart.

Sermo.


par110_23_     XVIII. 'Sancti per fidem vicerunt regna'. sente Paulus sprichit: 'di he-
par110_24_ ligin habin ubirwondin di riche mit deme [90v] glaubin'. vier kunigriche habin
par110_25_ di heligin ubirwondin und di sulle wir auch uberwindin. daz erste riche ist
par110_26_ di werlint; der werlinde riche sal man uberwindin mit armude des geistis. daz
par110_27_ andir riche ist unsis fleischis, daz sulle wir ubirwindin mit hungere und mit
par110_28_ durste. daz dritte riche ist des tufilis, daz sulle wir ubirwindin mit jamere und
par110_29_ mit pine. daz virde riche ist unsis herrin Ihesu Christi, daz sulle wir uber-
par110_30_ windin mit craft der minne.
par110_31_     Hette der mensche alle di werlint, so sal he doch sich dunkin arm und
par110_32_ sal alle zit uzreckin di hant for di ture unsis herrin Godis und bidin umme di
par110_33_ gnade Godis, umme sin almusin, wan di gnade machit si Godis kinder. darum
par110_34_ sprichit David: 'herre, alle mine gerunge ist fon dir und noch dir'. sente Paulus
par110_35_ sprichit: 'alle dinc hon ich geachtit alse einen phul, umme daz mir Christus
par110_36_ worde'. ez ist unmuglich daz keine sele ône sunde sî, Godis gnade beware si
par111__1_ dan. der gnadin werc ist daz si di sele snel machit und gefuge zu allin got-
par111__2_ lichin werkin, wan di gnade fluzit uze eime gotlichin burnen und smeckit alse
par111__3_ Got und ist ein glichnisse Godis und machit di sele gotvar. wan sich di selbe
par111__4_ gnade und der smac wirfit in den willin, so heizit ez ein minne, und wan sich
par111__5_ di gnade und der smac wirfit in di redelichin craft, so heizit ez ein licht des
par111__6_ glaubin, und wan sich di selbe gnade und smac wirfit in di zornerinne, daz ist
par111__7_ di uf criginde craft, so heizit ez ein hoffenunge. darumme heizin es gotliche
par111__8_ tuginde daz si gotliche werc wirkin in der sele, alse man prufin mac bi dem
par111__9_ lichte der sonnen, daz si lebindige werc wirkit uf dem ertriche, wan si alle
par111_10_ dinc lebindic machit und intheldit an urme wesine. forginge daz licht, so for-
par111_11_ gingin alle dinc [91r] alse du si nicht inwarin. also ist ez in der sele, wo di
par111_12_ gnade ist und di libe, dem menschin sin licht zu tune alle dinc. daz ist ein
par111_13_ gewis zeichin, wilchim menschin swere sint zu tune gotliche werc, daz da kein
par111_14_ gnade inne ist. darumme sprichit ein meistir: 'ich inorteile di lute nicht ob si
par111_15_ gude cleidir tragin oder wol ezzin, sunder ob si di libe hon. ich inhabe mich
par111_16_ auch nicht grozir ob ich ein hart lebin habe, sundir ob ich prufe daz ich der
par111_17_ minne me habe'. ez ist ein groiz torheit daz ein mensche vile vastit und bedit
par111_18_ und groize werc tuit und alliz eine wis, und inbezzerit sine side nicht und ist
par111_19_ ungeruwic und zornic. he solde prufin, der mensche, da he allir krenkis ane
par111_20_ were und allir gebrechlichis, da solde he sinen fliez zu kerin wi he daz ubir-
par111_21_ wonde. wan der mensche wole geordint ist an sinen siden, waz he dan
par111_22_ tuit, daz behagit Gode, und also ubirwindit man di riche. rogemus.


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Autor:Niels GÜLBERG
e-mail: [email protected]
Last updated: 03.12.05