Paradisus anime intelligentis (Pr. 59)


Bibliographie:
Textausgabe: Philipp Strauch [Hrsg.],
Deutsche Texte des Mittelalters Bd. XXX
Berlin [Weidmann] 1919.

Pars secunda.

59. Meister Eckhart.

De sanctis.


par125_14_     XXVIII. 'Homo quidam erat dives'. 'ez was ein rich mensche, der was
par125_15_ gezirit mit phellile und az alle tage forwenite spise und inhatte nicht namen'.
par125_16_ dit mac man zweigerhande forstan. zu dem erstin fon der grundelosin gotheit,
par125_17_ zu dem anderen male fon der zartin sele. ez was ein rich mensche. mensche
par125_18_ sprichit alse vile alse ein forstendic dinc. bi dem menschin forsteit man Got
par125_19_ in der schrift. Gregorius: 'were an Gode icht edilir ein dan daz andir, ob man
par125_20_ daz sprechin mochte, daz were forstentnisse'. wan an forstentnisse ist Got ume
par125_21_ selbir offinbar. in forstentnisse forflusit Got in sich selber und flusit uz in alle
par125_22_ dinc, und inwere an Gode nicht forstentnisse, so inmochte di drivaldikeit nicht
par125_23_ gesin, und inwere an Gode nicht forstentnisse, so inwerin nicht creaturen uz-
par125_24_ geflozzin.
par125_25_     He inhatte nicht namen, der mensche. wan alle di namen di ume
par125_26_ di sele gibit, di nimit si in uris selbis forstentnisse. Philosophus sprichit in
par125_27_ einen buche daz heizit ein Licht der lichte: 'Got ist uberwesilich und uberredi-
par125_28_ lich und uberforstentlich'. daz naturliche forstan ist icht. ich inspreche nicht
par125_29_ fon genedelichime forstane, wan ein mensche mochte also verre gezogin werdin
par125_30_ fon gnadin daz her forstunde, alse sente Pauwil forstunt, de in den dritten
par125_31_ himmil gezuckit wart und sach so getane dinc di ni[102v]man gewortin mac.
par125_32_ waz man forstan sal, daz muiz man forstan antwedir fon sinir sache oder bi
par125_33_ etlicher wise oder fon sinen werke. also inmac Got nicht irkant werdin, wan
par125_34_ he fon nimande gesachit in ist, me he ist erst des erstin. he ist auch sundir
par125_35_ wise, daz ist in siner unbekantheit. he ist auch sunder werc, daz ist in sinir
par126__1_ forborginen stillihait. hirumme blibit he unforstandin, wan he fon nîmande ge-
par126__2_ sachit ist. hirumme blibit he sundir name. wo sint nu alle di namen di ime
par126__3_ gegebin sint? also alse Got in ume selbir ist, also inmochte he sich keinir
par126__4_ creature gegebin zu forsteine, daz ist, di creature formochte ez nicht begrifin.
par126__5_ Philosophus dicit in libro qui dicitur Lumen luminum: 'Got der ist uberwesilich
par126__6_ und uberlobelich etc.'
par126__7_     Der mensche was auch riche. also ist Got riche an ume selbir und an
par126__8_ allin dingin. di richheit Godis ligit an funf dingin. he ist di erste sache. hir-
par126__9_ umme ist he uz gizinde sich in alle dinc. daz andere, daz he einvaldic ist an
par126_10_ sime wesine. hirumme ist he in richheit allir dinge. daz dritte, daz he or-
par126_11_ sprungilich ist. hirumme ist he gemêninde sich. daz vierde, daz he unwandil-
par126_12_ haftic ist. hirumme ist he daz allir begerlichiste.
par126_13_     He ist di erste sache. hirumme ist he in gizinde sich. der heidinnische
par126_14_ meistir sprichit daz di erste sache sich mê gîze in alle di sache dan di
par126_15_ anderen sachin sich in ur werc gizin. he ist auch einvaldic an sinem wesine.
par126_16_ waz ist einvaldic? Albertus: 'daz dinc ist einvaldic daz an ume ist ein ôn andir,
par126_17_ und alle fremide dinc haldin sich in daz daz he ist. da sint di creature ein in
par126_18_ deme einen und sint God in Gode. in un selbir insint si nicht'. daz dritte, daz
par126_19_ he orsprungelich ist, hirumme ist he uzflizinde in alle dinc. Albertus: 'drigir-
par126_20_ hande wîs flûzit he uz in alle dinc ge[103r]meinliche mit wesine und mit lebine
par126_21_ und mit lichte, und sundirlichin in die fornuftigin sele an mugintheit allir dinge
par126_22_ und an eime widirrucke der creature in iren erstin orsprunc'. dit ist licht der
par126_23_ lichte, wan alle gabe flizint fon deme vadere der lichte, alse sente Jacobus
par126_24_ sprichit. daz vierde, daz he unwandilhaftic ist, hirumme ist he daz begerlichiste.
par126_25_ nu mirkit wi sich Got foreinit mit den dingin. he foreinit sich mit den dingin
par126_26_ und ist doch ein an ume selbir und alle dinc an ume ein. hi fon sprichit
par126_27_ Christus: 'ir sullit gewandelit werdin in mich und ich nicht in uch'. daz cumit
par126_28_ fon sinir unwandilhaftikeit und fon sinir unmezlichkeit und fon der dinge clein-
par126_29_ heit. Salomon sprichit: 'alle dinc sint also cleine wider Gode alse ein trophe
par126_30_ wider deme wildin mere'. der einen trophin worfe in daz mer, so wandelit sich
par126_31_ der trophe in daz mer. also geschihit der selin. alse Got si in sich zûhit, so
par126_32_ wandelit si sich also daz si gotlich wirt und Got nicht sele. da forlusit di sele
par126_33_ iren namen und ire craft und nicht iren willin und ir sien. da blibit di sele
par126_34_ an Gode, alse Got an ume selbin blîbit. Albertus sprichit: 'in deme willin da der
par126_35_ mensche ane stirbit, da sal he ewicliche ane blibin'. daz funfte, daz he daz
par127__1_ vollincumeniste ist. hirumme ist he daz begerelichiste. Got ist sin selber
par127__2_ vollincumen und allir dinge. waz ist vollincuminheit an Gode? daz ist daz he
par127__3_ sines selbis alliz gut ist und allir dinge. hirumme begerint sin alle dinc, wan
par127__4_ he Got ist.


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Autor:Niels GÜLBERG
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Last updated: 03.12.06