Paradisus anime intelligentis (Pr. 61)


Bibliographie:
Textausgabe: Philipp Strauch [Hrsg.],
Deutsche Texte des Mittelalters Bd. XXX
Berlin [Weidmann] 1919.

Pars secunda.

61. Meister Eckhart.

De dedicacionibus.


par128_22_     XXX. 'Vidi civitatem sanctan Jerusalem'. sente Johannes sach ein stat,
par128_23_ di stat bezeichint zwei dinc: daz eine, daz si veste ist, daz ir niman geschadin
par128_24_ inmac, daz andere [104v] di eintracht der lude. dise stat inhatte kein bedehuis.
par128_25_ Got was selber der tempil. man in bedarf keines lichtis, sonnen noch manen,
par128_26_ di clairheit unsis herrin irlûchtit sî. dise stat bezeichint ein iclîche sêle. sente
par128_27_ Paulus sprichit: 'di sele ist ein tempil Godis'. sente Augustinus: 'di sele ist so
par128_28_ starc daz ir niman geschadin inmac, si in wolliz dan selbir'.
par128_29_     Zu dem erstin sal man mirkin den vride der in der sele sin sal. darumme
par128_30_ ist si genant Jerusalem. Dyonisius: 'der gotliche vride durchverit und ordenit
par128_31_ und endit alle dinc, und intede der vride, so zufluzzin alle dinc und inhettin
par128_32_ keine ordenunge'. zu dem anderin male machit der vride di creature sich int-
par129__1_ gizinde und flizinde in der minne und nicht zu schadine. zu dem drittin male
par129__2_ machit he di creature dinsthaft under ein ander, daz si ein bestein hon ir ein
par129__3_ an dem anderin. daz ir ein nicht gehabin inmac an ime selber, daz beheldit ez
par129__4_ an dem anderin. darumme cumit ir eine fon der anderin. zu dem vierden male
par129__5_ machit he si widirbeugic in iren erstin orsprunc, daz ist in Got.
par129__6_     Daz andere, daz he sprichit daz di stat helic si. sente Dyonisius sprichit
par129__7_ daz heilikeit ganze lutirkeit si, vriheit und vollincuminheit. lutirkeit ist daz
par129__8_ der mensche gesundirt ist fon sundin, daz machit di sele vrie. glichnisse ist di
par129__9_ groiste wollust und freude di in deme himmilriche ist; und queme Got in di
par129_10_ sele und inwere si ime nicht glich, si worde da fon gepinigit. sente Johannes
par129_11_ sprichit: 'wer sunde tuit, der ist ein knecht der sunde'. fon den englin und fon
par129_12_ den heiligin muge wir sprechin daz si vollincumen sin, doch fon den heiligin
par129_13_ nicht genzliche, wan si noch lîbe tragin zu den lichamen di noch in der aschin
par129_14_ ligin. aber in Gode ist alleine ganze vollincuminheit. mich wonderit [105r] daz
par129_15_ sente Johannes ie gedorste sprechin, inhette he ez in deme geiste nicht gesehin,
par129_16_ daz dri personen sin, wi der vader sich irguzit mit allir vollincuminheit in di
par129_17_ geburt alse in den son und sich irguzit in den heiligen geist mit einir gude als
par129_18_ in einir minne.
par129_19_     Zu dem anderin male sprichit heilikeit also vil alse daz fon der erdin ge-
par129_20_ numin ist. Got ist icht und ein lutir wesin, und di sunde ist nicht und verre
par129_21_ fon Gode. Got geschuf di engle und di sele bi ichte, daz ist bi Gode. di sele
par129_22_ ist geschaffin alse mer alse under deme schatiwin des englis, und habin doch
par129_23_ eine gemeine nature; und alle liphaftige dinc sin geschaffin bi nichte und verre
par129_24_ von Gode. darumme daz sich di sele guzit uffen lichamen, so wirdit si fordinsterit
par129_25_ und muiz wider ufgetragin werdin mit dem lichamen zu Gode. wan di sele one
par129_26_ irdische dinc ist, so ist si hêlic. Zacheus di wile he uf der erdin was, so in-
par129_27_ mochte he unsis herrin nicht gesehin. Augustinus: 'wil der mensche lutir werdin,
par129_28_ so laze he fon irdischin dingin'. ez ist dicke gesprochin daz di sele inmac nicht
par129_29_ luter werdin, si inwerde widir getribin in ur erste lutirkeit, alse si Got ge-
par129_30_ schaffin hait; alse man fon kuppere nicht gult gemachin inkan, daz man zwir-
par129_31_ runt oder dristunt burnit, man intribiz wider uf sin erste nature. wan alle
par129_32_ dinc di fon hitze smelzin und fon kaldime hart werdin, di sint genzliche fon
par129_33_ wazzirigir nature. darumme muzin si genzliche widir getribin werdin uf wazzir
par129_34_ und beraubit genzliche der nature da si nu an sin. so hilfit der himmil und di
par129_35_ kunst dazu daz ez genzliche forwandilit wirdit zu golde. man glichit wol ysin,
par129_36_ silbere und kupphir golde: ie man ez me glichit und nicht beraubit, ie ez
par129_37_ velscher ist. also ist ez an der sele. [105v] lichtlich sint tugint zu bewisine oder
par129_38_ da fon zu sprechine, abir in der worheit zu habine sint si gar seltene.
par130__1_     Zu dem dritten male sprichit he daz dise stat nuwe sî. nuwe heizit daz
par130__2_ ungeubit ist oder daz sime beginne nahe ist. Got ist unse begin. wan mir bit
par130__3_ ume foreinit sin, so werde wir nuwe. etliche lude wenint torliche alse ob Got
par130__4_ di dinc ewicliche gemachit habe oder behaldin di wir nu sehin, und si in der
par130__5_ zit Got uns gebe. gotlich werc sulle wir forstein on erbit, alse ich uch sagin
par130__6_ wil. ich stê hi, und hette ich for drizic jarin hi gestandin und were min ant-
par130__7_ litze offinbar und inhette ez niman gesehin, ich hette doch hi gestandin, und
par130__8_ worde ein spigil bereit und hilde man un gegin mime antlitze, min antlitze
par130__9_ worfe und bildite sich dar an on min erbeit, und geschehe daz geisterin, so
par130_10_ weriz nuwe, und aber hude, so were ez noch nuwir, und also ubir drizic jar
par130_11_ oder ewiclich, so were ez ewic geweist, und ob der spigile tusint werin, daz
par130_12_ were on min erbeit. also hait Got ewicliche an ime alle bilde, nicht alse sele
par130_13_ und andir creature, sundir alse Got. an ime inist nicht nuwe noch bilde, sundir
par130_14_ alse ich gesagit habe fon deme spigile, also ist an uns beide alt und ewic. wan
par130_15_ der lichame bereit ist, so guzit Got ein sele darin und bildit si noch deme li-
par130_16_ chamen und hait ein glichnisse mit ime und fon deme glichnisse eine minne.
par130_17_ darumme inist niman, he inhabe sich selbin lip. si trigin sich di da wenin daz
par130_18_ si sich selbir nicht lip habin. wir muzin di dinc wol lip habin di uns zu Gode
par130_19_ furderin, daz ist alleine libe mit Godis libe. habe ich di libe daz ich [106r] uber
par130_20_ mer wil, und hette ich gerne ein schif, daz were allein daz ich gerne uber mer
par130_21_ were, und alse ich uber mer cume, so inbedarf ich des schiffis nicht. Plato
par130_22_ sprichit: 'waz Got ist, des inweiz ich nicht', und wil sprechin: 'di wile di sele in
par130_23_ deme libe bewondin ist, so inmac si Got nicht bekennen'. 'aber waz he nicht
par130_24_ inist, daz weiz ich wol'. alse man mirkin mac bi der sonnen, der schin niman
par130_25_ gelidin mac, he inwerde fon erst bewonden in der luft. Dyonisius: 'ist daz
par130_26_ daz gotliche licht in mich schinit, so muiz ez bewondin sin alse min sele
par130_27_ bewondin ist'. he sprichit auch: 'daz gotliche licht irschinit funfleige ludin'.
par130_28_ di erstin inphahin sin nicht. si sin alse daz vehe ist unglich zu inphahine,
par130_29_ alse man mirkin mac bi glichime: ginge ich uber ein wazzir und were ez ge-
par130_30_ mengit und trube, so inmochte ich min antlitze dar inne nicht gesehin durch
par130_31_ daz unglichnisse. den anderin irschinit wenic lichtis, alse ein blic fon eime
par130_32_ swerte, der ez wirkit. di drittin inphahin iz mê: alse einen grozin blic, der
par130_33_ licht ist und aber dinster. daz sin alle di da abe vallin fon godelicheme lichte
par130_34_ in di sunde. di vierdin inphahin ez noch me. aber bi wilin inzuhit he sich
par130_35_ durch nicht wan daz he si reize und wit mache an der begerunge. ez ist
par130_36_ gewis, der unsir iclichime sinen schôiz wolde vollin, unsir iclich machite dar-
par130_37_ umme sinen schoiz wit, daz he vile inphahin mochte. Augustinus: 'wer file in-
par130_38_ phahin wolle, der wide di begerunge'. di funftin inphahin ein groiz licht alse
par130_39_ ob ez tac si, und doch gemachit alse durch einen scranz. da fon sprichit di
par131__1_ sele in der minnen buche: 'min lieb hait mich anegesehin durch einen schranz.
par131__2_ sin antlitze daz [106v] was luistlich'. Augustinus sprach: 'herre, du gibis mir
par131__3_ undir wilin so groze suzikeit, ob si vollin queme, ist daz nicht himmilriche, so
par131__4_ inweiz ich waz himmilriche ist'. ein meister sprichit: 'wer Got irkennen wil, ist
par131__5_ he nicht gezirit mit gotlichin werkin, he wirdit widir geslagin uffe bose dinc'.
par131__6_ gehorit hi aber kein rait zu, daz man Got vollincumelich bekenne? ja, hi fon
par131__7_ sprichit di sele in Cantico: 'min lieb sach mich an durch ein venstir', daz ist
par131__8_ one hindirnisse, 'und ich wart ez gewar, he stunt bi der want', daz ist bi deme
par131__9_ lichamen, der nidervellic ist, 'und sprach: "tu mir uf, min frundinne"', daz ist,
par131_10_ wan si ist zumale min an der libe, wan he ist mir und ich bin ime alleine,
par131_11_ 'min tube': daz ist an der begerunge, 'min schone': daz ist an den werkin.
par131_12_ 'stant uf snelliche und cume zu mir, daz kalde ist forgangin', da alle dinc fone
par131_13_ sterbin. also lebint alle dinc fon dem warmin. 'der regin ist intwichin'; daz
par131_14_ ist wollust forgenclicher dinge. 'di blumen sint insprungin in unsime lande':
par131_15_ daz ist ein forsmac des ewigin lebines. 'var hine, nordin wint, der da derrit':
par131_16_ da gebudit Got der bekorunge daz si nicht di sele me hindere. 'cum, wint fon
par131_17_ sudin, und durchwê mînen gartin, daz mine worze flizin': da gebudit Got alle
par131_18_ vollincumenheit zu cumine in di sele.


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Autor:Niels GÜLBERG
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Last updated: 03.12.06