Paradisus anime intelligentis (Pr. 62)


Bibliographie:
Textausgabe: Philipp Strauch [Hrsg.],
Deutsche Texte des Mittelalters Bd. XXX
Berlin [Weidmann] 1919.

Pars secunda.

62. Ein Barfüsser-Lesemeister.

De dedicacione.


par131_21_     XXXI. 'Ecce nova facio omnia'. wan man sprichit: 'schauwit', da bewisit
par131_22_ man etwaz wondirlichis. da fon cumit wondir daz man etwaz irkennit und daz
par131_23_ nicht vollin irkennit, und darumme vragit man und forschit. wan ein meistir
par131_24_ sprichit: 'daz wonder [107r] ist alle zit ein sache forschinis und vreginis, und
par131_25_ wan di seligin in deme ewigin lebine nummir vollin irkennen, darumme sint si
par131_26_ ummir in eime wondere und in eime forschine'. der nu eine foreinunge wil habin
par131_27_ mit den in dem ewigin lebine, der muz hi ein glich nochvolgin habin des le-
par131_28_ bines, wan nicht so sere einigit alse glichheit. mit allin den werkin der uzerin
par131_29_ sinne inmuge wir Godis nicht fordinin, wan di habe wir gemeine mit dem vihe,
par131_30_ und mochte wir icht damide fordinin, so hettin unfornuftige creature Gode zu
par131_31_ forwizine, di di selbin sinne habin und joch etliche bezzir wan der mensche.
par131_32_ keine werc sint Godis werc wan fornuftige werc und di sinlichin also vil alse
par131_33_ si in fornuftikeit geschehin, wan Got ist in allin dingin, und den inmugin di
par131_34_ uzerin sinne nicht bekennin. daz man dan mit der fornuft dar inge, so be-
par131_35_ kennit man Got in allin dingin, und alse sich ein mensche kerit in sich und
par131_36_ blickit uf sich selbin, alse he ein creature ist, so inbekennit he Got nicht, abir
par132__1_ alse di fornuft alleine uf Got geit, so forwirdit der mensche in ime selbir. und
par132__2_ ie he sich me irguzit uf Got, ie he me sich selber fornichtit und in ume me zu
par132__3_ nichte wirt. wan wa ungliche dinc bi ein ander sint, da schinit ein iclich me
par132__4_ an ume selbir. exemplum de albo et nigro. und wan ni nicht unglicher wart
par132__5_ dan schepher und geschepnisse, darumme ie me ein Godis bekennit, ie me he
par132__6_ an ume selbin fornichtit und forwirdit.
par132__7_     Daz andere, daz di heligin plegin in deme ewigin lebine: alliz daz si da
par132__8_ habin, daz habin si da in einir nuwikheit und in einer vrischheit, wan da nicht
par132__9_ zit ist di da alt machit. und darumme wan alliz daz da ist nuwe und frisch,
par132_10_ darumme habin si [107v] da alle wege lust ône fordruz. aber in der zit, wi lust-
par132_11_ lich ein dinc were, werit ez zu lange, ez worde fordrozzinlich. der nu wil ein
par132_12_ nochvolgin habin des ewigin lebines, der bedarf grozis flizis daz he allewege si
par132_13_ in einir nuwikheit und in einir vrischheit. wan daz geschehe wol, alse ein
par132_14_ mensche cleinlichir wirt, daz he minnir befulichir bewegunge hait di un reize zu
par132_15_ Gode, und auch minnir strafunge. ob he etwaz tede oder forsumite waz he for
par132_16_ gehait hait, und mengit sich di nature dar in, daz he etwanne nicht konde
par132_17_ wizzin weder ez nature were oder nicht. und daz selbe daz ime ein sache
par132_18_ were einis fortgangis, ob he fliz dazu hette, daz wirt ime ein sache einis hin-
par132_19_ dirgênis. wan daz ist ein gewis dinc: di wile ein mensche lebit hi uf disim
par132_20_ ertriche, daz he sin nature nummirmê ubirwindin mac. so geschehe daz wole,
par132_21_ daz etliche dinc di ein mensche nicht tun torste; ob he strafunge da zu hette,
par132_22_ oder lazin, ob he reizzunge dar zu hette --, aber da fon daz he me mit Gode
par132_23_ foreinit wirt und cleinlicher ist, so mengit sich di nature dar in und ist vro
par132_24_ daz si daz behalde in eime schine der gnade alse ir gemach und andere dinc,
par132_25_ daz si fare, di wile ez schein in ime selber, lazin muiste. darumme bedarf der
par132_26_ mensche gar grozis flizis daz he ummer mê einen gereidin ufgerichtin willin
par132_27_ habe zu Gode, wa he daz beiste bekennin mochte; daz he dazu bereide were
par132_28_ und daz nicht lazin wolde durch kein ungemach oder traicheit, und so ist alle
par132_29_ wege nuwe und vrisch und inwirt nicht ein kaltheit noch slafheit an dem
par132_30_ menschin.
par132_31_     Daz dritte ist daz werc daz di heiligin plegin in deme ewigin lebine. daz
par132_32_ bewisit he [108r] da he sprichit: 'mach ich'. daz allir eginlichiste werc der he-
par132_33_ ligin ist minne. wan minne ist daz allir groiste werc. si ist so groiz daz nummer
par132_34_ kein mensche, di wile he hi lebit, da zu cumit daz he vollin muge irkennin waz
par132_35_ minne si. man hait wol hoffenunge da daz man in der minne si, und zêchin.
par132_36_ ez mac auch ein mensche wiszin fon Godis offinbarunge daz he in der minne si,
par132_37_ he inmac aber nicht wizzin waz minne si. wan wilich dinc man irkennin sal,
par132_38_ des sache muiz man irkennen und daz ende des dingis da zu ez ist. nu ist Got
par133__1_ alleine der eiginliche widerworf der minne, alse di varwe ist der geginworf des
par133__2_ augin. wan dan niman mac irkennen waz Got si, darumme inmac auch niman
par133__3_ irkennen waz minne si. wan minne sezit sich zumale in Got und Got in si, und
par133__4_ der des ein nochvolgin sal habin, der muiz habin eintrechticliche minne, und ie
par133__5_ di minne eintrechticlicher ist, ie si uns me in Got setzit und Got in uns. und
par133__6_ fon der einunge wirdit der mensche gotvar, also daz he gotliche werc wirkit
par133__7_ zu allin zidin, und darumme werdin alle ire werc almechtige werc. alse man
par133__8_ sprichit fon den heiligin in deme ewigin lebine daz ir werc almechtic sin, wan
par133__9_ der almechtige Got in un wirkit, wan nicht inist daz Got fordinin muge, wan
par133_10_ he fordinit sich selbe uns in uns. und dafon ist daz ein mensche daz in der
par133_11_ warin minne ist, nummer auge uf noch zu getuit, ez insi ewigis lonis wert. und
par133_12_ hifon ist auch daz daz der in der warin minne ist, ummirme for sich geit und
par133_13_ ummirme zu nimit an dem worte da he sprichit: 'alle': wi den di in dem ewigin
par133_14_ lebine sint, 'Got ist alle dinc in allin dingin' und di des ein nochvolgin sullin
par133_15_ habin, daz di nicht sullin nemen kein dinc also alse ez ist [108v] in ime selbir,
par133_16_ mer si sullin Got nemen in allin dingin und alle dinc also vil alse si uns in
par133_17_ Got tregin. he sprichit: 'alle', nicht: 'alle dinc', wan Got inist nicht ein dinc,
par133_18_ nicht daz he nicht insi, sunder he ist uber alliz daz da ist, und uber alliz daz
par133_19_ fornuft begrifin mac. da fon sprichit ein meistir: 'Got ist ein vinstirnisse, daz
par133_20_ da blibit in der sele noch alleme lichte', wan alse di sele also verre bekennit
par133_21_ daz si un nicht bekennen inmac: daz nicht bekennen ist ir meiste bekennen.
par133_22_ alse der da luchtite in ein vinstirnisse mit eime lichte, da di craft des lichtis
par133_23_ abeginge und nicht furbaz irluchtin mochte, da kente man me di groze des
par133_24_ vinstirnisses dan in deme daz beluchtit wart. di schrift sprichit daz Godis punt
par133_25_ irfullit alle dinc und sin cirkil ist nirgin. daz punt hait eine gliche verre zu
par133_26_ allin endin des cirkilis. also ist alliz daz bekentnisse daz alle creature fon Gode
par133_27_ gehabin mugin, Gode gliche verre. alse di heiligin alse verre und alse tif in
par133_28_ Got cumen mit irme bekentnisse daz si nicht furbaz inmugin, so sint si ime
par133_29_ also nahe alse du si ez zu erst begundin. daz wir hi un also bekennen daz
par133_30_ wir cumen da wir un werliche und ewicliche bekennen, des helf uns Got. amen.


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Autor:Niels GÜLBERG
e-mail: [email protected]
Last updated: 03.12.11