«..» Seitenzahl der Ausgabe in NKZ 4
[..] Seitenzahl der Ausgabe v. Ueda Shizuteru, N.K. Tetsugaku ronshû I, Iwanami bunko Ao 124-4
Was bezeichnet unmittelbar Gegebenes? Wenn wir dieses Problem erörtern wollen, müssen wir zunächst seine Bedeutung erhellen. Wenn von etwas bereits Gegebenen die Rede ist, muß das heißen, es sei irgendeinem Ding gegenüber gegeben. Was hier als gegeben bezeichnet wird, hat die Bedeutung, daß es dem Ich gegenüber gegeben ist. Auch für das Ich gibt es wohl verschiedene Bedeutungen. Hier heißt Ich ein denkendes Ich, d.h. es bedeutet Denk-Ich. Daher muß mit unmittelbar Gegebenes eine Erfahrung bezeichnet sein, die vor jedem Denken ist. Selbst bei den Denkakten ließen sich wohl, falls diese bloß als psychologische Akte gedacht würden, die Denkgegenstände beherbergten, diese Denkgegenstände als ein diesem [Denken] gegenüber Gegebenes bezeichnen. Doch in diesem Falle hat Gegebenes die Bedeutung eines durch das Denken konstituierbaren Gegebenen, d.h. die Bedeutung eines dem konstitutiven Denken Gegebenen. Und dieses Gegebene ist nicht, wie etwa die bloßen Denkgegen[38]stände, etwas Irreales; es ist außerdem weder Vergangenes «10» noch etwas, was in der Zukunft geschehen wird; es bezeichnet etwas real Gegebenes. Wenn von etwas die Rede ist, das real dem Ich gegenüber gegeben ist, wird vielleicht gleich an so etwas wie die reale Welt gedacht, doch das Bewußtsein entsteht nicht kausal in einer solchen Welt; die sogenannte reale Welt ist nicht mehr denn etwas durch das Denken Konstituiertes.
Für gewöhnlich wird unmittelbar Gegebenes in der obigen Bedeutung als so etwas wie Empfindung, Wahrnehmung, oder auch künstlerische Intuition gedacht. Doch bei so etwas wie der Empfindung als einem singulären geistigen Element erkennen selbst die Psychologen an, daß es vom Denken gebildet wurde. Als konkretes Bewußtsein, das dem Denken gegenüber gegeben ist, muß zumindest so etwas wie die Wahrnehmung gedacht werden. Was ist Wahrnehmung? Die Psychologen halten sie für etwas von den Empfindungen Konstituiertes. Doch Wahrnehmung ist nicht bloß eine Verknüpfung subjektiver Sinnenelemente; in ihr muß es einen objektiven Sinn geben, es muß darin ein objektiver Gegenstand enthalten sein. Beispielsweise werden bei der Raumwahrnehmung nicht die Empfindungen räumlich konstituiert, sondern die räumliche Ausdehnung muß durch die Verknüpfung dieser Elemente bewußt werden. Die Raumwahrnehmung hat keine Ausdehnung, sondern wird sich der Ausdehnung bewußt; die Ausdehnung vereinheitlicht als Bewußtseinsinhalt die Empfindungen. Natürlich läßt sich sagen, daß der Raum in der Wahrnehmung noch nicht begrifflich bewußt geworden sei; daß ein objektiver Raum noch nicht erkannt sei. [39] Doch auch wenn man vielleicht sagen kann, daß wir ein Ding dadurch klar erkennen, daß es zum Gegenstand eines Urteils wird, so ist es doch nicht erstmals dann bewußt geworden, wenn es begrifflich «11» erkannt wurde. Beim Tatsachenwissen konstituieren wir das in der Wahrnehmung Enthaltene in der Form eines Urteils. Das in der Wahrnehmung Enthaltene ist als begriffliche Wahrnehmung latent und kann wohl auch als unklar gedacht werden, doch zu diesem Zwecke kann der Wahrnehmungsinhalt als Wahrnehmungsinhalt nicht als unklar gedacht werden; vom Standpunkt der Wahrnehmung aus läßt sich der Begriff vielmehr als deren flüchtiger Schein bezeichnen. Um es anhand des Beispiels räumlicher Wahrnehmung zu erklären: ein vom mathematischen Raum verschiedener physikalischer Raum muß den in der Wahrnehmung enthaltenen Raum begrifflich konstituiert haben; es gibt keinen vom wahrgenommenen Raum getrennten objektiven Raum. Falls man behauptete, in der Wahrnehmung würde nichts Objektives widergespiegelt, könnte so etwas wie physikalische Wahrheiten nicht zustandekommen, denn nur durch das Denken allein läßt sich keine physikalische Wahrheit konstituieren. Wie die Psychologen sagen, ließe sich das in der Wahrnehmung enthaltene Ausdehnungsbewußtsein noch nicht einmal für die innere Einheit nutzen, falls es so etwas wie die Empfindung der Muskel- und Gelenk[bewegungen] wäre, die mit anderen Empfindungselementen gleichrangig ist; folglich könnte auch so etwas wie Wahrnehmung nicht zustandekommen.
Was ist die Wahrnehmung, von der man aus Gründen wie den oben genannten annimmt, daß sie objektiven Sinn enthält? Wenn gewöhnlich von Wahrnehmung die Rede ist, wird sie als ein begrenzter Erfahrungsinhalt gedacht. Doch in welchem Sinne ist sie begrenzt? Falls sie durch Zeit, Raum und Individuum begrenzt wäre, ließe sich das wohl als begrenzter Erfahrungsinhalt bezeichnen. Doch was in einem solchen Falle Wahrnehmung genannt [40] wird, ist ein psychologisch hervorgebrachtes «12» Bewußtseinsphänomen, aber keine Wahrnehmung in dem Sinne, daß sie wahrhaft dem Denk-Ich gegenüber gegeben ist. Falls wir unser Selbst in der Welt des Raumes, der Zeit und der Kausalität vergegenständlichten und annehmen würden, daß in einer solchen Welt Ich und Ding aufeinander einwirkten und die Wahrnehmung nicht mehr sei als das Phänomen des empirischen Selbst, das dadurch entstünde, daß ein Ding auf das Ich einwirke, dann wäre [eine solche Wahrnehmung] selbstredend nicht nur durch Zeit, Raum und Individuum begrenzt, sondern könnte sogar als das Bewußtsein der sekundären Qualitäten eines Dinges gedacht werden. In einem solchen Falle hieße, daß wir über dieses nachdenken, daß wir es überschritten und die primäre Qualität erkennten; daß wir in die Gegenstandswelt des Denkens einträten. Denkakte sind sowohl Akte des Selbst, können aber auch als Akte gedacht werden, die die Wahrnehmung überschreiten und außerhalb der Wahrnehmung erkennen. Auch beim Denken lassen sich verschiedene Bedeutungen denken, doch falls es wie gewöhnlich in dem Sinne des reflektierenden Denkens verstanden wird, wäre das Denken bloß ein subjektiver Bewußtseinsakt, demgegenüber sich so etwas wie Wahrnehmung als unmittelbar Gegebenes denken ließe. Doch falls man das Denken wie in der Kantschen Philosophie im Sinne des konstitutiven Denkens verstünde, so wäre das, was dem subjektiven Bewußtsein gegenüber als objektive Welt, d.h. als Erfahrungswelt, gedacht wird, bereits konstituiert, und man käme nicht umhin, auch die subjektiven Bewußtseinsphänomene als durch das Denken konstituiert zu bezeichnen. Einem solchen Denken gegenüber ist die sogenannte Wahrnehmung etwas Konstituiertes, nichts Gegebenes. Was einem solchen Denken gegenüber gegeben ist, muß etwas sein, das vor der Erkenntniskonstitution ist; es muß so etwas wie Kants sogenanntes Ding an sich sein. Aber falls das Ding an sich [41] als etwas völlig vor der Erkenntnis [Seiendes] etwas wäre, das in keinerlei Sinne in unserem Bewußtsein enthalten ist, wäre es sogar unmöglich, es als Grenze unserer Erkenntnis «13» zu denken, denn von einer Grenze läßt sich erstmals bei dem Selbstbewußtsein eines höhergradigen Standpunktes reden; was dem konstitutiven Denken gegenüber wahrhaft gegeben ist, muß den Inhalt des konstitutiven Denkens in sich enthalten. Natürlich kann das, was dem konstitutiven Denken gegenüber gegeben ist, als bloß als Material Gegebenes gedacht werden. In einem solchen Fall ist das Gegebene zufällig; Form und Material können als einander äußerlich gedacht werden, und das Material ist dem Akt des Formens gegenüber unweigerlich völlig passiv. Doch streng gedacht, ist es undenkbar, daß Form und Material überall beziehungslos wären; es gibt kein völlig passives Material, etwas völlig Passives kann nicht Material werden. Vor allem so etwas wie die Idee der Kunst ist nicht vom Material getrennt; es gibt keine Idee des Malers getrennt von Farbe und Form, keine Idee der Musik getrennt vom Ton; die künstlerische Idee muß Einheit von Form und Material sein. Wenn es heißt, daß unser Denken die Erfahrungsinhalte als Formen der Erkenntnis konstituiert, in welchem Sinne konstituiert sie diese? Die gegebenen Erfahrungsinhalte sind nicht als bloßes Material gegeben, sie sind nicht bloß passiv. Unsere Erfahrungswelt wird durch die Beziehungen festgelegt, die in den unmittelbar gegebenen Erfahrungen enthalten sind. In diesem Sinne läßt sich annehmen, daß die Akte des konstitutiven Denkens den Charakter einer Art künstlerischen Bildungsprozesses haben. Sinnliche Qualitäten werden, wenn man sie von dem Standpunkt der Physik aus sieht, zuweilen als subjektiv oder zufällig gedacht, [42] doch durch die Objektivität, durch die Notwendigkeit der Empfindung, wird die physikalische Welt errichtet; um die physikalische Welt zu errichten, muß man annehmen, daß zwischen den Empfindungen unveränderliche Beziehungen bestehen. Und derart unveränderliche Beziehungen sind nicht nur innerhalb des Bewußtseinsbereiches eines Individuums, «14» sondern man muß annehmen, daß sie zwischen den Empfindungen jedes Menschen gemeinsam sind; erst auf diese Art läßt sich erstmals eine physikalische Welt errichten. Natürlich lassen sich die Unterschiede der Empfindungen von verschiedenen Menschen nicht unmittelbar vergleichen; bisweilen kann es vorkommen, daß das, was ein Mensch als rot empfindet, von anderen Menschen als blau empfunden wird. Doch falls sinnliche Qualitäten nur diesen Sinn hätten, käme die physikalische Welt als objektive Realität nicht zustande. Falls wir an eine einzige physikalische Welt glaubten, müßten die Unterschiede zwischen den Empfindungen zweier Menschen physiologisch erklärt werden. Daß es durch einen physiologischen Fehler des Auges Farbblindheit gibt, beweist vielmehr die Kontinuität der Empfindung selbst, daß nämlich durch die gleiche physikalische Ursache die gleichen Empfindungen hervorgerufen werden. Vielleicht können die Unterschiede der sinnlichen Qualitäten Anderer und der eigenen nicht unmittelbar miteinander verglichen werden. Doch erst wenn die objektive Kontinuität der Empfindung als solcher, daß nämlich unter allen Menschen durch die gleichen physikalischen Ursachen die gleichen Empfindungen hervorgerufen werden, anerkannt wird, läßt sich erstmals die physikalische Welt errichten. Physikalische Kausalität bedeutet nicht bloß, daß innerhalb des Bewußtseins eines Individuums die gleiche sinnliche Verknüpfung wiederholt wird, sondern es muß bedeuten, daß dies in dem Bewußtsein eines jeglichen Menschen [geschieht]. Falls man dies so denken muß, müßte für das Zustandekommen der physikalischen Welt so etwas wie die Einheit eines überindividuellen Bewußtseins, d.h. die Einheit des reinen Ichs, zum Fundament werden. Physikalische Gesetze müssen unveränderliche Beziehungen zwischen den Empfindungen sein, die von dem Standpunkt eines überindividuellen Bewußtseins aus gesehen werden. [43] Doch so gesagt, darf das überindividuelle Bewußtsein kein bloßes logisches Bewußtsein sein; wie Kant sagt, kommt das konstitutive Prinzip des Erfahrungswissens durch die Verknüpfung der Kategorien und des "Schemas" Zeit zustande; bei einem bloßen formalen Denken «15» kann selbstverständlich nicht nur keine physikalische Welt konstituiert werden, die für die innere Kontinuität der Erfahrung an sich Objektivität hätte, sondern es könnte auch nicht die mechanische Welt konstituiert werden, die auf Grundbegriffen wie Zeit, Raum und Bewegung zustande kommt. Auch wenn es in gleicher Weise als Denken bezeichnet wird, ist doch das objektive Denken, das die objektive Welt konstituiert, nicht identisch mit dem subjektiven Denken als eines Aktes des Bewußtseins. Das objektive Denken muß schöpferisch sein; die Einheit des reinen Ichs, die die Kategorien und das Schema "Zeit" synthetisiert, muß ein Schöpfungsakt sein. Aus der bloßen Verknüpfung zweier eigenständiger Formen kann keine eigenständige objektive Welt zustande kommen; ich möchte [daher] den Sinn, der sich aus der konsequenten Weiterführung der Kantschen reinen Apperzeption ergibt, in Fichtes Begriff der Tathandlung suchen. Von einer Seite her gesehen, kann der Standpunkt des formalen Denkens dem konstitutiven Denken gegenüber als allgemein gedacht werden, und der Inhalt des konstitutiven Denkens läßt sich wohl auch als bloßes Material für das formale Denken auffassen. Doch damit behauptet werden kann, daß der Inhalt des konstitutiven Denkens als objektiver Gegenstand zum Ziel des subjektiven Denkens werde und das subjektive Denken dadurch, daß es mit jenem übereinstimmt, wahr werde, muß man annehmen, daß der Standpunkt des formalen Denkens im Standpunkt des konstitutiven Denkens enthalten sei. Alles Erkennen objektiver Wahrheiten, d.h. [alle] Erkenntnisakte, müssen ein Übergehen von einem Standpunkt eines Aprioris zu einem höhergradigen Standpunkt sein, der im Standpunkt des Aprioris der Apriori jenen umfaßt. [44] Zwischen konstitutivem und reflexivem Denken gibt es meines Erachtens bereits eine Beziehung wie die obige, doch die sogenannte physikalische Welt ist nicht bloß durch das konstitutive Denken konstituiert. Damit die physikalische Welt zustande kommt, bedarf es der Verknüpfung mit der Empfindung, und eine solche Verknüpfung ist einzig auf dem Standpunkt eines willentlichen Selbstbewußtseins möglich(1); ohne das Selbstbewußtsein des Willens kommt der Begriff der Kraft nicht zustande(2). Was ich als Standpunkt des willentlichen Selbstbewußtseins bezeichne, «16» ist der Standpunkt, der die Erfahrungswelt als innere Entfaltung der Denkinhalte ansieht; es ist der Standpunkt, der in der Tiefe der Erfahrung an sich Denkinhalte sieht, welche diese transzendieren. Das Bewußtsein unseres Willens, der glaubt, die Erfahrungswelt nach eigenem Gutdünken verändern zu können, ist nichts anderes als das Selbstbewußtsein eines solchen Standpunkts. Ich habe in dem Buch "Kunst und Moral" meine Gedanken über den von mir sogenannten Standpunkt des willentlichen Subjekts bzw. des tätigen Subjekts dargelegt. Weil die Denkinhalte übersinnlich sind, können auch die Denkakte als übersinnlich gedacht werden, doch was das wirkliche Empfindungsbewußtsein transzendiert, ist der Denkgegenstand, nicht der Denkakt. Daß ich denke, muß heißen, daß im wirklichen Bewußtsein ein überwirklicher Bewußtseinsinhalt enthalten ist. Daß derart im wirklichen Bewußtsein ein überwirklicher Bewußtseinsinhalt enthalten ist, bedeutet, daß es im wirklichen Bewußtsein etwas Unwirkliches gibt, daß im wirklichen Bewußtsein ein überwirklicher Standpunkt enthalten ist; Wirklichkeit ist ein solcher Einheitspunkt. Wenn wir denken, nimmt man an, daß wir uns von der Wirklichkeit entfernen, doch tatsächlich trennen wir uns nicht von der gegenwärtigen Empfindung. Und damit ein solcher Denkakt zustande kommt, muß bereits in dessen Grund ein Apriori im weiteren Sinne anerkannt worden sein, doch [das bedeutet] nicht bloß, daß in der Wirklichkeit ein transzendenter Gegenstand enthalten sei, denn wenn die Wirklichkeit an sich gedacht wird, [45] muß das Denken den Inhalt des Willens, der die Wurzel [dieses Denkens] ist, zu seinem Ziel machen; die sogenannte Welt des Erfahrungswissens kommt auf diese Weise zustande. Unsere Bewußtseinsphänomene, denen die Immanenz des Gegenstandes wesentlich ist, kommen alle, seien sie Empfindungen oder Wahrnehmungen, im Apriori des Willens zustande. Die sogenannten Bewußtseinsphänomene sind die zuerst gegebene Erfahrungswelt; aus diesem Grunde auch werden Bewußtseinsphänomene gleich als unmittelbare oder reine Erfahrung gedacht. Doch die sogenannten Bewußtseinsphänomene sind etwas durch das Apriori des Willens «17» Konstituiertes, d.h. sie sind Projektionen des Willens; wenn der Wille als solcher sich selbst bewußt wurde, sind sie dem Willens-Ich gegenüber nichts Gegebenes, sondern Konstituiertes. Das Ich ist nicht innerhalb des sogenannten Bewußtseins, sondern das Bewußtsein innerhalb des Ichs. Die sogenannten Bewußtseinsphänomene sind nicht überall etwas in sich selbst Ganzes, in ihrem Hintergrund sind sie immer mit einer überbewußten Welt kontinuierlich verbunden. Denn wenn das Bewußtsein des Ichs zustande kommt und die Bewußtseinswelt des Ichs erkannt ist, hat das Ich bereits die Bewußtseinswelt des Ichs transzendiert. Daß wir die objektive Welt erkennen heißt, daß wir zur überbewußten Welt so voranschreiten, wie wir im Selbstbewußtsein fortgesetzt reflektieren. Diesen Prozeß nennen wir das Denken der Erfahrungsinhalte. Wenn wir die Kategorie der Qualität anwenden und sagen: "Dieses Ding ist rot", dann muß das bedeuten, daß die Farbe "Rot", die wir gerade sehen, eine objektive Qualität des Dinges ist. Und damit die Farbe "Rot", die wir gegenwärtig sehen, in irgendeinem Sinne als objektiv bezeichnet werden kann, muß jenes Ding bedeuten, daß es etwas in sich Eigenständiges ist, das von unserem subjektiven Denken und Wollen in keinerlei Weise [beeinflußt werden] kann. Selbst wenn es bloß ein Phänomen innerhalb des Bewußtseins [46] wäre, müßte es doch kausal irgendeinen objektiven Grund haben. Und daß der Erfahrungsinhalt in sich selbst Objektivität habe, muß bedeuten, daß er in sich selbst kontinuierlich ist. Natürlich lassen sich, wenn bloß von objektiv die Rede ist, nicht nur so etwas wie mathematische Prinzipien, sondern auch so etwas wie Vorstellungen an sich als objektiv bezeichnen. So etwas wie Vorstellungen an sich hat unserem Denken gegenüber keinerlei Kraft, eher lassen sie sich als Tun des objektiven Denkens denken; und bei so etwas wie mathematischen Prinzipien läßt sich klar sagen, daß sie in sich selbst «18» eine Art innere Kontinuität haben. In allen Fällen, in denen wir bestimmte faktische Wahrheiten anerkennen, ist der Grund für deren Objektivität wie bei den mathematischen Prinzipien nicht bloß eine Schöpfung der Vernunft, sondern muß gedacht werden als etwas, das eine eigenständige Kontinuität hat, die durch das Denken nicht erreichbar ist und über jenes hinausgeht. Ohne Empfindungen gibt es keine Denkakte; je nach Sichtweise werden die Empfindungen nicht nur zu Gegenständen des Denkens, sie lassen sich auch als Ursachen des Denkens denken, denn ein bloßer Gegenstand kann nicht als Akt tätig werden. Wenn aber behauptet wird, die Empfindungen hätten irgendeine Objektivität und würden die Erkenntnis beschränken, dann müssen sie etwas sein, was in sich selbst als einheitliches Kontinuum [besteht] und dem das konstitutive Denken zu folgen vermag. Auch daß angenommen wird, die Empfindung erlange dadurch Objektivität, daß auf sie das Prinzip der "Antizipation der Wahrnehmung" angewendet werde(3), hat darin seinen Grund; daß die Empfindung dem Denken gegenüber als Anspruch gegeben ist, läßt sich von einem solchen Standpunkt aus sagen. Empfindungen, von denen man sagen kann, daß sie wahrhaft unserem konstitutiven Denken gegenüber gegeben sind, müssen ein solches das Denken überschreitende Kontinuum sein. Von einer Seite her betrachtet, läßt sich annehmen, daß der Inhalt des Denkens allgemein sei und dabei das Besondere enthalte, doch in der konkreten Realität [47] ist das Allgemeine im Besonderen enthalten und wird zur Form von dessen Beziehungen, ja zum Mittel für dessen Entfaltung. In einem Standpunkt der inneren Kontinuität der Erfahrungsinhalte als solche wie dem obigen kommen die Begriffe der Zeit und der Kraft, die selbst im Hintergrund der Empfindungen eine unendliche Kontinuität erblicken, zustande und die physikalische Welt wird konstituiert. Wie ich oben sagte, liegt darin der Grund dafür, daß wir unsere subjektive Bewußtseinswelt überschreiten und an eine objektive Welt der Erfahrungsinhalte an sich glauben können. Daß ein bestimmter sinnlicher Inhalt als selbstidentisch gedacht wird, läßt sich wohl daher so denken, weil die gleiche Kategorie auf ihn angewendet wird. Doch warum «19» muß er derart als selbstidentisch gedacht werden? Falls damit gesagt wäre, daß dies unsere Freiheit sei, müßte die Objektivität der Erfahrungswelt verlorengehen. Selbst wenn dies aus dem Grund, weil er bereits durch das Denken konstituiert sei, so sein sollte, ließe sich doch die Objektivität der Erfahrungswelt nicht einfach durch das konstitutive Denken errichten; dafür bedarf es der Beschränkung der Empfindungen. Ursprünglich muß Selbstidentität eine Kategorie des die Realität erkennenden, konstitutiven Denkens sein, und eine solche Kategorie kann ohne ein Erleben des Selbstbewußtseins nicht zustande kommen. Die Kategorie des konstitutiven Denkens ist nur Form des Selbstbewußtseins des reinen Ichs. Doch wenn auf den Erfahrungsinhalt die Kategorie der Selbstidentität zutrifft und die objektive Realität konstituiert wird, muß es dort eine transzendentale Einheit geben, die Denken und Empfindung umhüllt. Und diese [Einheit] ist nicht bloß so etwas wie das reine Ich, sondern muß so etwas wie ein reiner Wille sein. Unser Selbst erkennt im sogenannten Selbstbewußtsein nicht wahrhaft sich selbst; ein bloßes intellektuelles Selbst ist noch etwas Vergegenständlichtes, [48] das wahre Selbstbewußtsein muß das Erleben an sich des Willens sein, d.h. es liegt in dem Selbstbewußtsein der Willensfreiheit. Das wahre Ich ist kein wissendes Ich, sondern ein tätiges Ich; auch Wissen muß ein Tätigsein sein. Auch Sehen, Hören, Denken sind Tätigkeiten des Ichs, das sehende bzw. hörende Ich ist ein denkendes Ich, und das Ich muß die Einheit dieser Akte sein. Denn die Einheit von Denken und Empfinden kommt in einem solchen Standpunkt des tätigen Ichs zustande. In diesem Standpunkt trifft auf den Erfahrungsinhalt die Kategorie "Identität" zu und kann als ein [mathematisches] Kontinuum gedacht werden. Weil das tätige Ich das denkende Ich enthält, muß das, was im Standpunkt des tätigen Ichs erscheint, die Kategorien des Denkens enthalten. Die Selbstidentität der Empfindungen ist die Selbstidentität des tätigen Ichs, «20» und dadurch kann die Welt der sinnlichen Kontinuität gedacht werden. Empfindungen sind dem Denken gegenüber irrational, und zugleich beschränken sie dieses und konstituieren die objektive Welt. Was im Standpunkt des Willens-Ichs zum Vorschein kommt, muß insgesamt Kraft sein; unser Wille ist ein subjektives Phänomen, und weil so etwas wie Willensfreiheit als nicht mehr denn eine Halluzination oder Illusion gedacht werden kann, mag die Behauptung, daß die Welt der Kräfte durch das Apriori des Willens konstituiert werde, als ungewöhnlich empfunden werden, doch aus einer bloßen Welt der Wahrheit geht keine Welt der Akte hervor. Denn so wie durch das transzendente Denken die Welt der Wahrheit gesehen werden kann, kann durch den Standpunkt des transzendenten Willens die Welt der Kräfte gesehen werden. Auch der subjektive Wille ist nicht mehr als ein einseitiges Phänomen, das auf diesem Standpunkt zustande kommt. Der subjektive Wille mag diesen zwar vergegenständlichen, doch den reinen Willen kann er nicht vergegenständlichen; denn auch wenn er als subjektiver Wille bezeichnet wird, kann er doch dadurch gegenständlich gesehen werden, daß man auf dem [49] Standpunkt des Akte vergegenständlichenden Willens steht.
Wenn es heißt, die Erfahrungswelt werde durch das konstitutive Denken konstituiert, dann sind die Beziehungen zwischen Form und Inhalt gegenseitig nicht zufällig. Das Apriori, welches unsere Erfahrungswelt konstituiert, muß eine innere Einheit von Denken und Empfindung sein; daß ich den Schaffensakt des Künstlers und seinen Charakter gleich behandle, hat darin seinen Grund. Zwar läßt sich bereits das konstitutive Denken als schöpferisch bezeichnen, aber es ist kein Schaffensakt, der sinnliche Inhalte enthält. Unsere Erfahrungswelt ist demgegenüber etwas, das das Denken aus den Erfahrungsinhalten konstituiert hat; es ist die Welt der durch das Denken gesehenen Erfahrungsinhalte. So wie der Künstler durch das reine Sehen die Welt der bildenden Kunst entdeckt, entdecken wir durch das konstitutive Denken die objektiven Erfahrungen. So wie der bildende Künstler mit Augen sieht, denen Hände «21» hinzugegeben sind, so sieht die Physik durch Sinnesorgane, denen das Denken hinzugegeben ist. Falls unser Wille in den Empfindungen das Denken umhüllte, kämen beide im Standpunkt des Willens zustande. Die Gegenstandswelt der Kunst wird zwar als subjektiv aufgefaßt, doch in ihren objektiven Punkten steht sie der sogenannten Gegenstandswelt der Erkenntnis in nichts nach, ja, sie kann sogar als objektiver [denn jene] gedacht werden. Daher ist das, was dem konstitutiven Denken gegenüber unmittelbar gegeben ist, nicht so etwas wie die sogenannte Wahrnehmungswelt, sondern muß eine Welt der Anschauung sein, so wie sie der Künstler sieht, d.h. sie muß die Gegenstandswelt des Willens sein. Daß wir durch das Denken nach und nach konstituieren, heißt, daß wir das bereits darin Enthaltene entdecken. Unsere Erkenntnisakte können als der Entfaltungsprozeß eines derart unmittelbar Gegebenen angesehen werden. Was allen unseren subjektiven Akten gegenüber als unmittelbar Gegebenes bezeichnet werden kann, muß [50] einerseits den Standpunkt dieser Akte umhüllen, andererseits die Gegenstandswelt eines höhergradigen Standpunktes sein, der von diesem [ersteren] aus unerreichbar ist. Dem reflexiven Denken gegenüber wird die Welt des konstitutiven Denkens in diesem Sinne zu einer gegebenen objektiven Welt, und dem konstitutiven Denken gegenüber wird die Welt des Willens in diesem Sinne zu einer gegebenen objektiven Welt. In einem bestimmten Standpunkt kann dessen Gegenstandswelt als etwas in sich selbst Ganzes angesehen werden; was von anderen Standpunkten her gegeben wird, ist diesem gegenüber nicht mehr denn äußerliches Material. Falls die Apriori eines jeden Wissens eigenständig wären und es keinen Standpunkt des Aprioris der Aprioris gäbe, der diese vereinheitlichte, gäbe es nichts, was einem Standpunkt gegenüber objektiv gegeben wäre. Was dem Wissen als objektives Ziel gegeben ist, damit sich dieses selbst vervollständige, muß im Standpunkt des Aprioris der Aprioris gegeben sein. «22» Was Form und Inhalt innerlich vereinheitlicht und ein neues Apriori konstituiert, muß dieser Standpunkt sein; dort gibt es eine Spur von einer Art künstlerischen Schöpfungsakt. Was dem Standpunkt eines Wissens gegenüber objektiv gegeben ist, muß auf einem Standpunkt, der dem eines künstlerischen Schöpfungsaktes gleicht, gegeben sein. Das Zustandekommen eines Wissens, welches Inhalt hat, geschieht nicht einfach durch den diskursiven Verstand, sondern muß durch den intuitiven Verstand geschehen. Die Kräfte und das Leben, die außen die natürliche Welt konstituieren, werden im Selbst angeschaut. Es heißt zwar, daß Gegebenes Gefordertes sei, doch ein Apriori ist in sich selbst etwas Ganzes, so daß keine Notwendigkeit besteht, etwas Anderes zu fordern. Der Anspruch der Entfaltung der Erkenntnis muß aus dem Ziel des Erkenntnisaktes als solchen im Standpunkt des Aprioris der Aprioris aufkommen. Selbst in dem Falle, daß ein mathematisches Problem dem Ich gegenüber [51] als zu lösendes gegeben wird, muß das mathematische Denken das Ich umhüllen. Falls das Ich ein Mathematiker wäre, bestünde keine Notwendigkeit, daß diesem gegenüber mathematische Probleme gegeben werden, und falls das Ich ein bloßes, durch Zeit und Raum begrenztes psychologisches Phänomen wäre, würden diesem gegenüber keine mathematischen Probleme gegeben werden. Denn daß etwas als Anspruch der Objektivität des Wissens unendlich gefordert, gegeben wird, läßt sich im Standpunkt des Aprioris der Aprioris sagen. Alle unsere Bewußtseinsphänomene kommen in diesem Standpunkt zustande; wie winzig auch ein Bewußtseinsphänomen sein mag, es enthält in sich unendliche Entfaltung, ist in seinem Wesen schöpferisch(4). Daß das dem konstitutiven Denken gegenüber objektiv Gegebene als von gleicher Qualität wie künstlerische Inhalte gedacht wird, mag vielerlei Widerspruch hervorrufen, doch damit das konstitutive Denken die objektive Erfahrungswelt konstituieren kann, muß es in dessen Grund den Standpunkt der Übereinstimmung von Subjekt und Objekt, den Standpunkt der Tathandlung «23» geben(5). Was in diesem Standpunkt gegeben ist, ist in einer Form wie die der künstlerischen Intuition gegeben.
Aus den oben erörterten Gründen ist das, was dem Denk-Ich gegenüber als unmittelbar gegebenes, objektives Etwas dasteht, nicht so etwas wie eine durch das Denken konstituierte Wahrnehmung, sondern muß so etwas wie eine künstlerische Intuition sein, in der Subjekt und Objekt übereinstimmen; das heißt, es ist keine Außenwelt, die dem Denken gegenübersteht, sondern muß dieses vielmehr umhüllen, es muß das Denk-Ich [in sich] enthalten. So etwas ließe sich wohl als sogenannte unmittelbare Erfahrung oder reine Erfahrung bezeichnen. Ein solcher unmittelbar gegebener Bewußtseinsinhalt läßt sich nicht durch die Kategorien der Zeit, des Raumes und des Individuums [52] begrenzen. Unser wirkliches Bewußtsein ist nicht bloß mit der Welt der Erkenntnisgegenstände verbunden, sondern auch sogleich mit der übererkenntnishaften Welt. Das wirkliche Bewußtsein treibt in etwas unendlich Tiefem und Großem. Daß wir dieses als etwas Begrenztes denken, hat seinen Grund darin, daß wir es mit dem konstituierten, endlichen Selbst als Mittelpunkt denken. Wir denken für gewöhnlich mit einem psychologischen Selbst, das mit unserem Leib verknüpft ist, als Mittelpunkt, doch selbstverständlich ist sich ein solches Selbst nicht etwas bewußt. Selbst wenn wir den materiellen Schatten, der dem Hintergrund des Selbst verhaftet ist, verwürfen und ein Selbst als innere Einheit des reinen Bewußtseins dächten, wäre dieses Selbst, wenn es als eine Einheit eines endlichen Bewußtseins angesehen würde, bereits ein vergegenständlichtes, kein wirklich bewußtwerdendes Selbst, kein reflektiertes Selbst; ein wirklich bewußtwerdendes Selbst ist ein Selbst, das nirgendwo reflektiert werden kann. Oder aber wenn das Selbst im Nachhinein reflektiert wurde, ließe sich, auch wenn es auf die Vergangenheit projiziert zum Gegenstand «24» würde, über es behaupten, es sei damals ein bewußtwerdendes Selbst gewesen; aber das wahre Ich ist jeden Augenblick unendlich und frei, und das Ganze eines solchen Ichs ist nicht etwas, das als Gegenstand des Gedächtnisses im Nachhinein reflektiert werden könnte. Der Inhalt eines im Nachhinein erinnerten Ichs mag endlich sein, doch daß dafür der Inhalt des vorher tätig gewesenen Subjekts endlich gewesen sei, läßt sich nicht behaupten. Daß wir das tätige Selbst für einmalig halten, hat seinen Grund darin, daß dessen Inhalt unendlich ist; genauer gesagt: es hat seinen Grund darin, daß das tätige Selbst dem vergegenständlichten Selbst gegenüber höhergradig ist. Weil es höhergradig ist, wird es zu einer unerreichbaren äußersten Grenze; seine Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit sind der Grund dafür, das Selbst als Erkenntnisgegenstand zu denken. [53] Die obigen Gedanken nahmen im Hintergrund des Bewußtseins so etwas wie ein einheitliches Subjekt an; man könnte aber auch wie die Vertreter der sogenannten reinen Erfahrung annehmen, daß es bei der unmittelbaren Erfahrung eine bloße Erfahrung gebe, die noch nicht zwischen Subjekt und Objekt unterscheide, welche in jenem Augenblick etwas Endliches seien, wie auch immer sie nachher gegenseitig in Beziehung stünden. Doch um einen Erfahrungsinhalt als endlich anzusehen, muß er durch irgendeinen Standpunkt begrenzt sein, d.h. er kann bereits nicht mehr als unmittelbare Erfahrung bezeichnet werden. Bei den Formen der Zeit und des Raumes, wie sie Kant als Formen der Anschauung denkt, wird die Erfahrung als durch diese gegeben geglaubt, und wenn wir die unmittelbare Erfahrung als etwas Begrenztes ansehen, dann deshalb, weil sie durch diese [Formen] begrenzt ist. Doch die "Zeit", die wahrhaft unmittelbare Erfahrung gibt, ist nicht die formale "Zeit", wie sie Kant meint, sondern muß vielmehr so etwas wie Bergsons sogenannte reine Dauer sein; wie ich oben sagte, ist innerhalb der gegebenen wirklichen Erfahrung etwas Überzeitliches enthalten. Oder aber selbst dann, wenn der Inhalt der unmittelbaren Erfahrung «25» nicht durch die Formen der Zeit und des Raumes begrenzt werden könnte, so ließe sich dennoch behaupten, daß man nicht umhin komme, das Bewußtgewordene einem noch nicht bewußtgewordenen unendlichen Inhalt gegenüber als endlich zu denken. Wir können, so wie die Psychologen, hinsichtlich des Bewußtseins verschiedene Grade oder Bereiche annehmen. Man nimmt an, daß das, was im Brennpunkt des Bewußtseins ist, am klarsten bewußt ist, doch nicht bloß das, was im Brennpunkt des Bewußtseins ist, wird bewußt, sondern es läßt sich denken, daß ihm in seiner Umgebung so etwas wie die von James so genannten Ränder des Bewußtseins verhaftet ist. Und wenn auch dieser Bereich noch überschritten wird, wird es zu einer völlig bewußtlosen Welt; der Inhalt einer nicht bewußtgewordenen Welt [54] kann dem endlichen Bereich unseres Bewußtseins gegenüber als unendlich gedacht werden. Doch hier kommen wir nicht umhin, in einen unauflöslichen Widerspruch zu geraten. Wie ist es uns möglich, Innen und Außen des Bewußtseins miteinander zu vergleichen und das Bewußtgewordene als endlich zu denken? Damit so etwas möglich werde, muß das Ich auf einem Standpunkt stehen, wo es das Innen und Außen des Bewußtseins vereinheitlichen und miteinander vergleichen kann. Einerseits läßt sich denken, daß das Ich nur innerhalb des Bewußtseins erkennen kann, und zugleich muß man aber auch annehmen, daß das Ich außerhalb des Bewußtseins erkennen kann(6). Für gewöhnlich nehmen wir an, daß wir durch das Denken das Außen des Bewußtseins erkennen, und denken das Innersinnliche als das Innen des Bewußtseins; selbstverständlich gibt es ohne Empfindung kein Bewußtsein, doch auch dem Denken muß als einem Bewußtsein irgendeine Empfindung einhergehen, denn dadurch, daß eine Empfindung den Denkinhalt repräsentiert, läßt dieser sich denken. Aber selbstverständlich entstehen aus den sogenannten Empfindungen keine Akte des Denkens, ja es ist sogar unmöglich, daß durch diese [Empfindungen] Denkinhalte repräsentiert werden; die sogenannten Empfindungen sind vielmehr nicht mehr denn das, was die Bewußtseinsinhalte begrenzt haben. In diesem Sinne ist das Bewußtsein nicht innerhalb der Empfindung, sondern die Empfindung innerhalb des Bewußtseins. «26» Wenn wir das Bewußtsein als etwas Begrenztes denken, muß es ein Bewußtsein geben, das dieses begrenzt. Das sogenannte Innen und Außen des Bewußtseins ist nichts mehr denn der Gegensatz der begrenzenden und der begrenzten Seite. Und was das Bewußtsein begrenzt, ist nicht außerhalb des Bewußtseins; im Hintergrund des sogenannten Bewußtseins muß es ein Bewußtsein geben, das jenes umhüllt und begrenzt. Im Grund des sogenannten Bewußtseins gibt es das Bewußtsein der Übereinstimmung von Subjekt und Objekt, d.h. es gibt eine Anschauung; das Bewußtsein reiner Aktivität und das sogenannte Bewußtsein kommen auf diesem Standpunkt zustande. Was als wahrhaft gegebene unmittelbare Erfahrung oder [55] als reine Erfahrung bezeichnet werden kann, von dem muß man annehmen, daß es in einem solchen Sinne unendlichen Inhalt enthält. Je tiefer wir in deren tiefsten Grund eindringen, desto eher gibt es dort gegebene Wirklichkeit. Diese ist, subjektiv gesagt, ein Selbst, das nicht vergegenständlicht werden kann, oder objektiv gesagt: ein unmittelbar Gegebenes, das nicht völlig reflektiert werden kann. Dort gibt es die Anschauung der Übereinstimmung von Subjekt und Objekt, das Bewußtsein reiner Aktivität, den Ursprung alles Wissens. Das dem wirklich tätigen Ich gegenüber Gegebene, oder vielmehr: das im Standpunkt der Übereinstimmung von Subjekt und Objekt Gegebene ist nicht die sogenannte Bewußtseinswelt, sondern muß etwas sein, das in deren Hintergrund die Welt des Überbewußten enthält. Wenn wir auf dem Standpunkt des tätigen Subjekts, d.h. des tätigen Selbst stehen, hat das Ich bereits die Welt des Überbewußten zum Gegenstand. Und was wahrhaft gegeben ist, ist nichts anderes als diesem tätigen Selbst gegenüber Gegebenes; was wir im Nachhinein erinnern und denken, ist insgesamt in diesem enthalten. Wenn wir Dinge sehen, nehmen wir an, daß wir nur das sehen, was im Gesichtsfeld erscheint, doch das wahre Ich ist nicht bloß ein sehendes Ich, denn ein solches Ich ist ein gedachtes Ich; ein vom denkenden Ich getrenntes, sehendes Ich, das sich selbst vergißt, muß ein mit Tätigkeit verknüpftes Ich sein, es muß so etwas wie ein mit ußerungsbewegungen verknüpftes «27» reines Sehen sein, und ein solcher Inhalt des Sehens muß überwissentlich sein. Was für gewöhnlich als sehendes Ich bezeichnet wird, wird als Einheit der Inhalte des Sehens gedacht, die sich im Nachhinein in intellektuelle Inhalte berichtigen lassen, doch ein derartiges Subjekt ist kurzgesagt nicht mehr als ein gedachtes Subjekt. Wenn ich gegenwärtig ein Ding sehe, dann habe ich als intellektuelles Subjekt einen intellektuellen Inhalt, und zugleich stehe ich als geistige Realität auf unendlichen Gründen und habe verschiedene [56] Gegenstandswelten. Das Ich wird nicht durch die "Zeit" begrenzt, sondern vielmehr wird die "Zeit" durch das Ich begrenzt; eine inhaltsleere "Zeit" ist nicht mehr denn eine bloße Koordinate, wahre "Zeit" muß persönlich sein.
2.
Wie ich oben sagte, ist das, was dem Denken gegenüber unmittelbar gegeben wird, nicht so etwas wie die sogenannte Empfindung oder die Wahrnehmung; Empfindung oder Wahrnehmung sind vielmehr durch das Denken konstituiert. Aber nicht nur solches ist [durch das Denken konstituiert]; auch bei einem endlichen Bereich des Bewußtseins läßt sich davon sprechen, daß er bereits durch das Denken konstituiert ist. Falls man natürlich Denken bloß in dem Sinne des reflektierenden Denkens verstünde, ließe sich auch die sogenannte Erfahrung diesem gegenüber als etwas Gegebenes auffassen, doch dem konstitutiven Denken gegenüber gegeben ist nicht die sogenannte Erfahrungswelt, sondern muß die Welt der Anschauung sein, in der Subjekt und Objekt übereinstimmen. Oder aber es ließe sich vielleicht als Gegenstandswelt des Standpunkts von Rickerts fraglosem Ja auffassen, doch der Standpunkt einer Anschauung, in der wahrhaft Subjekt und Objekt übereinstimmen, der Standpunkt reiner Aktivität, steht einem solchen Standpunkt [des fraglosen Jas] nicht gegenüber, «28» sondern umhüllt ihn vielmehr. Denn im Standpunkt der Übereinstimmung von Subjekt und Objekt kommt der Standpunkt, in dem sich Subjekt und Objekt gegenüberstehen, zustande. Wäre es nicht so, könnten wir uns des "fraglosen Jas" nicht bewußt werden. Oder aber es wird gefragt, wie denn der Standpunkt der Übereinstimmung von Subjekt und Objekt bewußt werden könne. Im Standpunkt der Übereinstimmung von Subjekt und Objekt ist Wissen = Handeln, [57] oder wie Fichte sagt: Tätigsein ist Wissen; wir haben in unserem Bewußtsein des Selbstbewußtseins den Beweis dafür. Weil dieser Standpunkt den intellektuellen Standpunkt umhüllt, hat er eine unendlich tiefe Gegenstandswelt, die nicht in intellektuelle Inhalte analysierbar ist, und wir können unmittelbar in die Welt künstlerischer Inhalte eindringen, ohne auf den intellektuellen Standpunkt zurückzublicken. Zwar läßt sich wohl behaupten, daß Gegebenes dadurch zum Wissen wird, daß darauf die "Kategorie des Gegebenen" angewendet werden, doch die "Kategorie des Gegebenen" ist keine bloße Form des Denkens. Um zu sagen, daß dieses Ding rot oder blau sei, muß eine Anschauung hinzugefügt werden, die über das Denken hinausgeht; was diese Kategorie zur Kategorie macht, ist die Objektivität, die Transzendenz dieser Anschauung; die Übereinstimmung mit dem Inhalt der Anschauung ist Sinn dieser Kategorie, ihr Zweck. Eine Grenze gegenüber dem Denken kommt nicht einfach aus dem Denken zustande; dort muß es stets einen Standpunkt geben, der höhergradiger ist als das Denken. Dieser Standpunkt ist nicht nur höhergradiger als das Denken, vielmehr umfaßt er dieses, denn auch das Denken kommt auf diesem Standpunkt zustande; an der Wurzel eines großen Denkens gibt es eine große Anschauung.
Wenn man die Anschauung wie oben [dargelegt] denkt, erregt das wohl zahlreichen Widerspruch. Um dessen Sinn zu klären, möchte ich ein wenig die Beziehung zum Erinnern erörtern. Für gewöhnlich nimmt man an, daß wir das, was wir angeschaut haben, im Nachhinein erinnern; selbst das, was einmal aus dem «29» Bewußtsein verschwunden ist, werde im Gedächtnis aufbewahrt und könne beliebig oft wieder ins Bewußtsein gerufen werden. Auch wenn davon die Rede ist, daß wir durch das Denken unmittelbare Erfahrungsinhalte konstituieren, müssen wir einen solchen Akt dazwischenklemmen. Augustinus hat über das Gedächtnis den tiefsten Sinn anerkannt. Wir [58] gelangten auf der Suche nach unserem Schöpfer in den Palast des Gedächtnisses, wo nicht nur alles, was wir wahrgenommen hatten, sondern auch alles Erdenkliche angesammelt sei; dieser [Palast] sei das weitläufige, unermeßliche Allerheiligste (Confessiones X. 8). Doch falls im Hintergrund des sogenannten wirklichen Bewußtseins nichts Überwirkliches enthalten wäre, wie könnten wir dann im Nachhinein dieses Bewußtsein erinnern und es in verschiedenen Beziehungen organisieren und vereinheitlichen? Falls das Bewußtsein nur ein jeweiliges in der Zeit wäre, wer verknüpfte dann vergangenes Bewußtsein mit gegenwärtigem? Falls das, was jene miteinander verknüpft, wiederum ein Bewußtsein wäre, könnte auch dieses Bewußtsein wiederum nicht außerhalb der Gegenwart treten. Was vergangenes Bewußtsein erinnert und mit gegenwärtigem Bewußtsein vergleicht, muß ein überzeitliches Bewußtsein sein. Wir müssen darin auf jeden Fall ein Bewußtsein denken, das Vergangenes anschaut, und es muß zugleich auch etwas sein, was Zukünftiges sieht. Oder aber es wird vielleicht im Grunde eines solchen Bewußtseins die Existenz irgendeines Empfindungsbewußtseins angenommen; das Bewußtsein des Bewußtseins wird vielleicht als Ränder des Bewußtseins gedacht, doch unser Bewußtsein muß stets eines sein; zwei Bewußtseine bestehen nicht gleichzeitig nebeneinander. Wenn wir Vergangenes erinnern, verliert die Empfindung ihre Bedeutung und muß zu einem konstitutiven Element werden; und wenn man weiter zum Standpunkt des Denkens voranschreitet, wird auch so etwas wie die verschiedenen Gedächtnisvorstellungen zu einem dieses konstituierenden Material; wenn ein «30» Bewußtsein klar wird, geht die Eigenständigkeit anderer Bewußtseine verloren. Auch daß für gewöhnlich angenommen wird, die Empfindung werde zur Grundlage des Bewußtseins, [bedeutet] nicht, daß die sogenannte Empfindung zur Grundlage des Bewußtseins werde, denn das konkrete Bewußtsein kommt immer in Form eines Triebes zustande, d.h. es muß Wille im weiteren Sinne [59] sein. So läßt sich dann erstmals behaupten, daß das Bewußtsein durch eine innere Einheit zustande komme, oder daß es den Gegenstand in sich enthalte. Zudem läßt sich denken, daß in der Form des Triebes oder des Willens unser Bewußtsein den sogenanten Raum, die Zeit transzendiere. Das Bewußtsein ist nicht in der sogenannten "Zeit", sondern die sogenannte "Zeit" ist im Bewußtsein; das Bewußtsein ist eine aktive Einheit, die "wahre Zeit" läßt sich im Bewußtsein nicht vergegenständlichen, zudem ist das Selbstbewußtsein einer solchen Einheit nichts anderes als unser Wille. In unserem triebhaften Bewußtsein ist das Bewußtsein von Überzeitlichem enthalten, und tatsächlich kommt das Bewußtsein der Dingkräfte durch dieses zustande; die Dingkräfte sind der "sogenannten Zeit" gegenüber unwandelbar und ewig. Wir sind im Trieb den Dingkräften nicht nur unmittelbar [verbunden], sondern hüllen diese darin ein; so wie das Ding ewig gegenwärtig ist, ist auch der Trieb ewig gegenwärtig(7). Die Gegenwart muß einerseits als etwas gedacht werden, das in diesem Moment, von dem gerade die Rede ist, bereits vergangen ist, andererseits kann sie auch, wie James sagt, als so etwas wie ein Sattelrücken gedacht werden, auf dem wir sitzen und in beide Richtungen der "Zeit" Ausschau halten können. Auch wenn von der Gegenwart des Bewußtseins die Rede ist, so ist das nicht so etwas wie ein Punkt auf einer Geraden(8). Das Bewußtsein, von dem man annehmen kann, das es seinen Gegenstand in sich enthält, ist selbst dynamisch, hat einen Inhalt, den es in sich selbst nicht einhüllen kann, enthält das Ganze in seinen Teilen. Was sich bewegt, muß sich in eine bestimmte Richtung hin bewegen, darin wird eine eindimensionale Reihe konstituiert, dadurch stehen sich Vergangenheit und Zukunft «31» einander gegenüber, und als dessen Mittelpunkt läßt sich die Gegenwart denken. Daher kommt(9) die Zeit an sich dadurch zustande, daß unser Bewußtsein in der Gegenwart des Selbst ein unendlich Tiefes enthält. [60] Ich komme nicht umhin, mich hier wiederum an die tiefen Gedanken des Augustinus zu erinnern. Er sagt, ursprünglich gebe es weder Vergangenheit, Gegenwart, noch Zukunft, sondern nur Gegenwart des Vergangenen, Gegenwart des Gegenwärtigen und Gegenwart des Zukünftigen; Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges existierten in unserem Herzen; Vergangenes wäre im Gedächtnis Gegenwärtiges in der Anschauung, Zukünftiges in der Erwartung gegenwärtig (Confessiones XI. 20). Zwar meint man, Vergangenes sei bereits vergangen und Zukünftiges noch nicht gekommen, doch die sogenannte Gegenwart ist nicht mehr denn so etwas wie ein unerreichbarer mathematischer Punkt; die wahre Gegenwart muß eine Aktivität sein, die das sogenannte Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige enthält. In diesem Standpunkt ist es jederzeit Gegenwart; das konkrete Bewußtsein ist nicht bloße Anschauung, sondern enthält auch Gedächtnis und Erwartung; nur das Ewige ist real. Die Gegenwart verweist nur auf den tiefen Grund dieser Realität; er ist ein unerreichbarer tiefer Grund, und zugleich ist das Ich stets darin. Wenn wir davon reden, von Gegenwärtigem zu Zukünftigem überzugehen, ist das nicht mehr denn der Übergang von einem kleinen Mittelpunkt zu einem großen. Wir stellen zwar stets mit der Gegenwart als Mittelpunkt die Reihenfolge von Vergangenem und Zukünftigem auf, doch dabei bewegt sich die Gegenwart nicht auf einer Linie, die von außerhalb des Ichs kommt und aus dem Ich heraustritt; die Gegenwart dringt tiefer und tiefer in das Ich ein. Konkrete Erfahrung ist so etwas wie Bergsons sogenannte innere Dauer, die in uns hineinströmt. Wenn dies durch den Standpunkt des sogenannten Bewußtseins überhaupt in der Gegenstandswelt der Erkenntnis widergespiegelt wurde, wird der Berührungspunkt zwischen einer solchen Gegenstandswelt und der inneren Zeit zur Gegenwart. Dieser Verknüpfungspunkt ist «32» als transzendentes Bewußtsein in seiner äußerlichen Richtung Erkenntnissubjekt, und in seiner innerlichen Richtung transzendenter Wille. [61] Wie Augustinus sagt, kann die Zeit stets mit der Gegenwart als Mittelpunkt gedacht werden, doch je nach Inhalt kommen verschiedene Zeiten zustande. Dadurch werden verschiedene objektive Welten konstituiert, und wenn wir eine objektive Welt sehen, gibt es im Hintergrund des Ichs stets den Strom einer solchen "Zeit". Wenn durch den Standpunkt des sogenannten Erkenntnissubjekts, d.h. durch den Standpunkt der Selbstverneinung des Willens, dieser Strom verschlossen ist, sieht man dort die objektive Gegenstandswelt; wenn dieser Strom geöffnet ist, sieht man dort die Welt des Bewußtseinsstroms, die Welt der inneren Dauer. Wenn unsere Bewußtseinsphänomene dies auf dem Standpunkt des Erkenntnissubjekts sehen, ist darauf die sogenannte Kategorie der "Zeit" angewendet worden, doch andererseits steht es immer mit Überzeitlichem in Kontakt. Daß es als eine unendliche Reihe gedacht wird, die die "Zeit" verläßt und dorthin nicht mehr zurückkehrt, zeigt seine Beziehung zu einem unendlichen Tiefen, das nicht reflektiert werden kann. Auch das intellektuelle Subjekt ist kein Punkt, sondern eine Linie. Daß wir annehmen, die subjektiven Akte des Selbst entstünden und vergingen in der Zeit, [hat seinen Grund darin,] daß wir sie von diesem unreflektierbaren, tiefen Grund aus sehen. Oder es läßt sich auch behaupten, daß so etwas wie ein die Zeit transzendierendes Bewußtsein nicht denkbar sei. Doch je tiefer wir in diesen tiefen Grund eindringen, desto mehr transzendieren wir die Zeit, uns selbst und die anderen; daß ich nicht umhin komme zu glauben, dieser Tisch existiere auch während ich schlafe, hat darin seinen Grund; in diesem Standpunkt wird ein objektives Gedächtnis möglich, denn die Allgemeingültigkeit des Gedächtnisses kommt [dort] zustande. Falls es aber so wäre, kommen wohl Zweifel darüber auf, wie es denn das Bewußtsein dieses Tisches gegeben habe, während ich schlief, und in welcher Form es denn bewußt geworden sei. Doch wenn wir uns eines Zweckes bewußt sind und etwas «33» bilden, muß man annehmen, daß dieser Zweck von Anfang an bis zum Schluß tätig [62] sei, denn es läßt sich sagen, daß der Zweck sich selbst entfalte und nach und nach vervollständige. Falls behauptet würde, unser Bewußtsein hätte keine Einheit, wäre dem nichts hinzuzufügen, doch falls man annähme, unser Bewußtsein könne durch die Einheit zustande kommen, müßte es in unserem Grunde etwas geben, das auch dann wacht, während wir sozusagen schlafen. Das Bewußtsein überhaupt ist zu jeder Zeit gegenwärtig, und auch daß wir wissen, daß es zwischen einem vorangehenden und einem nachfolgenden Bewußtsein eine Kluft gab, ist wiederum durch dieses Bewußtsein [überhaupt] möglich. Der Grund des Selbst als teleologische Einheit strömt nicht fort, sondern ist jederzeit tätig; ursprünglich bedeutet nämlich Einheit des Bewußtseins teleologische Einheit, und bei der teleologischen Einheit muß es jederzeit etwas geben, das die Wirklichkeit überschreitet und etwas intendiert. Falls es schon mit seinem bloßen Erscheinen ganz wäre, hätte es bereits kein Ziel mehr; die teleologische Einheit muß jederzeit mit dem unendlichen Grund verknüpft sein, das Selbst ist nicht mehr denn der Verknüpfungspunkt hin zu einem solchen unendlichen Strom. Beispielsweise ist das Wissen etwas, das überall unvollständig ist; es ist unendlicher Fortschritt; wenn wir eine Wahrheit denken, dann stehen wir auf dem "Willen zur Wahrheit"; dieser Wille transzendiert die Zeit und ist jederzeit gegenwärtig. Im intellektuellen Subjekt gibt es, so läßt sich wohl behaupten, noch eine Zeit, an die wir nicht denken, aber wir vermögen auf keiner Weise, uns vom Willenssubjekt zu trennen. Daß wir annehmen, wir hätten eine unbewußte Zeit gehabt, hat seinen Grund darin, daß wir auf dem Standpunkt des intellektuellen Subjekts stehen, denn das Selbst wächst auch heran, während es unbewußt ist; auch die Gewißheit, daß dieser Tisch in der letzten Nacht, während ich schlief, kontinuierlich vorhanden war, kommt darauf zustande. Vielleicht heißt es, ein solches Subjekt sei nicht mehr denn eine Hypothese, [63] doch ist eine solche Hypothese unvermeidbar, denn wenn solches gesagt «34» wird, stehen wir bereits auf einen solchen Standpunkt; wäre dies eine Hypothese, so wären alle Subjekte nicht mehr denn Hypothesen. Auch wenn man sagt, es gebe keine Bewußtseinsphänomene getrennt von der Empfindung, so ist das nicht bloß ein Empfindungsbewußtsein; im konkreten Bewußtsein muß es im Grunde der Empfindungen etwas Unendliches geben; Empfindungen sind der Prozeß der Selbstbegrenzung eines Unendlichen, sie sind etwas, das überall begrenzt werden kann. Unsere Empfindungen haben überall ein Ziel, denn das Unendliche, das im Grunde der Empfindungen enthalten ist, bewegt sich fortwährend aus ewiger Vergangenheit in ewige Zukunft. Ein solcher Akt an sich ist etwas, das keinen Augenblick stillsteht; es ist allgemein, daß es keine Zeit gibt, in der Dingkräfte nicht tätig sind. Die Psychologen nehmen an, daß der Bereich des Bewußtseins endlich sei, und daß sie dem die Annahme einer infinitesimalen Wahrnehmung entgegensetzen, hat seinen Grund darin, daß die gestrige Wahrnehmung unmittelbar mit der heutigen verbunden ist, das gestrige Denken unmittelbar mit dem heutigen, denn was diese als etwas Unterbrochenes ansieht, sei von außen her gedacht; gerade die Materie, die angenommen wird, um dieses Zwischen zu verbinden, wäre unvermeidlich eine Hypothese. Der Bereich des Bewußtseins oder dessen Grad, von denen die Psychologen sprechen, bezeichnet nicht mehr denn einen Bereich, der im Nachhinein reflektierbar ist; oder auch selbst wenn er nicht reflektierbar wäre, so bezeichnet es doch den Bereich, der die Vermutung zuläßt, daß es ein Bewußtsein gegeben habe. Doch der Grund des Bewußtseins ist solcherart unerschöpflich; was sich [davon] in die intellektuelle Gegenstandswelt tragen läßt, ist bereits vergegenständlicht; in dessen Hintergrund gibt es etwas ewig Tätiges, eine ewige Gegenwart, einen überall tiefen Grund. Wenn dieser tiefe Grund, der durch die Reflexion unerreichbar ist, reflektiert wurde, [64] wird er bisweilen als Instinkt, bisweilen auch als Dingkraft gedacht, von denen man annimmt, daß sie ohne Unterbrechung fortwährend tätig sind. Ohne Unterbrechung fortwährend tätig zu sein bezeichnet, vom Standpunkt des Wissens aus gesprochen, einen unerreichbaren «35» tiefen Grund, der durch die "Zeit" nicht zu zerteilen ist, denn die "Zeit" verschwindet darin. Wenn wir wahrhaft einen Standpunkt ohne "Zeit" erreicht haben, verschwinden die Schatten des Instinktes und der Dingkraft, die dem Bewußtsein des Selbst gegenüber zu sehen waren, und werden zu der einen Anschauung der Übereinstimmung von Subjekt und Objekt(10).
Wenn es heißt, daß wir anschauen, dann ist das, was als Inhalt der Anschauung erscheint, nicht bloß ein sogenannter sinnlicher Inhalt, sondern muß, in welchem Falle auch immer, der Inhalt einer konkreten Erfahrung sein; es muß ein Bewußtseinsinhalt des ganzen Ichs sein, der alle Standpunkte enthält, denn was im Nachhinein erinnert werden kann, gedacht werden kann, ist bereits darin enthalten; was wir im Nachhinein erinnern, denken, von dem muß man annehmen, daß es sich insgesamt aus diesem Standpunkt heraus entfaltet. Falls unser Geist im Strom des ewigen Geistes wäre, ließe sich unser Wissen, wie einst Platon gesagt hat, insgesamt als Erinnerung an die Welt der Ideen auffassen. Wie Augustinus sagt, gibt es vor der Schöpfung Gottes keine "Zeit"; auch die "Zeit" muß etwas von Gott Geschaffenes sein. In diesem Standpunkt konstituieren wir die persönliche Geschichte des Selbst, und darüber hinausgehend konstituieren wir auch die objektive Geschichte. Zwar nimmt man an, daß wir nur die Gegenwart anschauen, doch daß wir Vergangenes erinnern heißt, daß wir Vergangenes anschauen. Wie läßt sich so etwas behaupten? Es läßt sich annehmen, daß wir im Denken die Zeit überschreiten und die ewige Wahrheit [65] anschauen; der Ort, wo in diesem Falle die Wahrheit aufbewahrt ist, muß als Welt des Sollens gedacht werden. Auch Tatsachen der Vergangenheit werden als Wahrheiten in dieser Welt [des Sollens] aufbewahrt; «36» daher können wir auch vergangene Tatsachen beliebig oft erinnern. Was im Gedächtnis wiederholt wird, sind nicht die Empfindungen an sich, sondern das, was im Hintergrund der Empfindung enthalten ist; dies im Nachhinein zu erinnern heißt, daß das, was in einem solchen übersinnlichen Standpunkt enthalten ist, sich entfaltet. Natürlich ist der Inhalt des Gedächtnisses kein bloßer Denkinhalt; der Inhalt des Gedächtnisses ist bereits ein Tatsachenwissen, das durch die Teilnahme des Apriori des Willens zustande kommt; dieses wird nicht wiederholt, sondern dadurch konstituiert, daß wir tief in den tiefen Grund des Selbst eindringen; daß das Gedächtnis sich selbst aufbewahrt heißt, daß es sich selbst fortwährend anschaut. Den Gegenständen des Denkens gegenüber werden die Akte als äußerlich gedacht, doch im Inhalt des Gedächtnisses ist der Akt selbst enthalten. Der Akt reflektiert sich selbst. So wie die Historiker die Geschichte der Vergangenheit konstituieren, läßt sich auch sagen, daß durch das Wissen das Vorangehende konstituiert werde. Das erscheint zwar paradox, doch wir wissen nicht, wo die Zeit beginnt, denn wir gehen von dem Punkt der Gegenwart nur eindimensional aus und bestimmen die Reihenfolge des Vor- und Nachher. Wenn diese Linie als unwiederholbar gedacht wird, ist sie die "Zeit", und diese Unwiederholbarkeit läßt sich nur in der Beziehung zum Selbst denken. Der Grund dafür, daß das Selbst als unwiederholbar gedacht wird, liegt darin, daß Subjekt und Objekt übereinstimmen, daß Wissendes und Gewußtes eins sind. Wenn Subjekt und Objekt getrennt sind, d.h. wenn wir eine Gegenstandswelt außen sehen, [66] läßt sich diese, wie groß sie auch sein mag, als wiederholbar denken. Doch wie ich oben sagte, ist in dem Standpunkt der wahrhaften Übereinstimmung von Subjekt und Objekt alles gegenwärtig, die Zeit verschwindet darin spurlos, der Gott des creans «37» et not creata ist gleichzeitig der Gott des nec creans nec creata(11). Auch das, was im Standpunkt des Reflexionswissens als unwiederholbar gedacht wird, ist in der Anschauung mit Ende und Anfang gemeinsam vorhanden(12).
15,15 Z: denn durch die Bewegung sind Denken und Empfinden miteinander verknüpft.(2)
15,15 Was ich als...16,4...können auch die Denkakte als sinnlich gedacht werden. Z: Daß ich etwas will heißt, daß ich meine Gedanken in der Erfahrungswelt verwirklichen möchte. Der Begriff des Willens kommt aus der Verknüpfung unseres Denkens und der Erfahrungsinhalte zustande; den Willen zu verwirklichen heißt, die Erfahrungswelt nach eigenem Gutdünken zu verändern. Damit die Phänomene zustande kommen, denen wir als Willen selbstbewußt werden, muß es ein Apriori geben, welches Denken und Erfahrungsinhalte vereinheitlicht. Oder aber es ließe sich annehmen, daß ein solches Phänomen des Willens nicht mehr denn eine subjektive Halluzination sei. Doch der Wille bezeichnet weder einen bloßen Begriff, noch ist er ein Phänomen, das auf die Welt der Kräfte reduzierbar wäre. Der Wille ist kein bloßes Konglomerat aus Denken und Empfindung. Das Denken transzendiert die Erfahrung. Aus diesem Grund werden die Denkinhalte als allgemein gedacht, die Denkakte als frei. Doch was das wirkliche Empfindungsbewußtsein völlig transzendiert...(3)
18,7 Z: (hat seinen Grund darin, daß) das Denken durch die Verknüpfung mit der Empfindung Objektivität erlangt.(4)
22,13 Z: Auch daß Bewußtseinsphänomene als einmalig gedacht werden, hat darin seinen Grund.(5)
22,15/23,1 Z: Von diesem Standpunkt aus gesehen, sind die sogenannten künstlerischen Inhalte zwar partiell, lassen sich aber vielmehr als konkret und objektiv bezeichnen.(6)
25,10 Z: Die Bedeutung dessen, was Augustinus sagt, nämlich wir erkennten Gott bereits, weil wir nach ihm suchten, muß darin liegen.(7)
30,10 Z: Unsere sogenannte Zeit ist nicht die wahre Zeit, sondern nicht mehr denn eine Achse von Koordinaten in einer vierdimensionalen Welt. Dinge haben eine "Zeit des Dinges als solchen", doch die "Zeit" auf der Weltlinie ist unerkennbar.(8)
30,13 Z: Es ist kein Punkt wie der der Mathematiker.(9)
31,3 Z: das Bewußtsein der Zeit, ja (die Zeit an sich)(10)
35,3 Z: Natürlich läßt sich auch im Standpunkt der Anschauung die Unterscheidung dessen, was in die Anschauung hereingenommen und dessen, was nicht hereingenommen ist, d.h. Angeschautes und nicht Angeschautes, denken. Beispielsweise muß ein jegliches künstlerisches Schaffen einen Teil des künstlerischen Inhalts zeigen; der künstlerische Inhalt an sich muß unendlich sein. Doch in einem solchen Fall sind wir, wie im Falle des Denkens, mit einem überindividuellen Subjekt verknüpft, ein überindividuelles Subjekt ist tätig. In diesem Standpunkt hat auch das Unbewußte einen positiven Sinn, so wie das Schwarze eine Art Farbe ist. Denn wenn man die grundlegende Form des Bewußtseins im Willen sieht, bildet das Unbewußte stets einen Teil des Willens.(11)
37,1 Z: Wie einst Anaximander sagte: Der Ursprung der Dinge ist das Grenzenlose. Woraus sie entstehen, darein vergehen sie auch mit Notwendigkeit. Denn sie leisten einander Buße und Vergeltung für ihr Unrecht nach der Ordnung der Zeit.(12)
37,2 in der Ende und Anfang zusammen vorhanden sind. Z: in der das Ende im Anfang enthalten ist.