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Nishida Kitarô: "Anschauung und Wille"

in: NKZ 4: 38ff. (zuerst in: Kôza No. 10, November 1923)

«..» Seitenzahl der Ausgabe in NKZ 4


Japanisch
Ich glaube, das, was den Sinn der Anschauung, von der Plotinos einst sagte, daß es Anschauen sei, wenn die Natur Dinge schöpfe, und daß alle Dinge nach der Anschauung des Einen strebten, am besten verdeutlichen kann, ist unser Selbstbewußtsein. Im Selbstbewußtsein erkennt das Ich sich selbst als Gegenstand, und Wissen ist Tätigsein, Schöpfen; und außerhalb dieses Wissens existiert das Ich nicht. Wir glauben für gewöhnlich, bei der Empfindung gebe es kein Selbstbewußtsein. Woher aber kämen dann Farben oder Töne? Es sind keine physikalischen Ursachen, die Farben oder Töne erzeugen; physikalische Ursachen sind nichts mehr denn zur Erklärung aufgestellte Hypothesen. Auch Plotinos fragt, wie denn aus einem Stoßen oder Anstiften all' die verschiedenen Farben und Formen entstehen sollten. Was Farbe hervorruft, muß die Farbe selbst sein, was Töne hervorruft, der Ton selbst. Was völlig autonom ist, ohne von Anderem hervorgerufen zu werden, muß von selbst her tätig werden. Und daß etwas Geistiges sich aus sich selbst her bewegt und durch sich selbst schafft, muß heißen, daß es sich selbst nach und nach erkennt. Wir können einen solchen Schöpfungsakt am besten in der künstlerischen Intuition nachweisen. In der künstlerischen Intuition ist Tätigsein Sehen, und Sehen Tätigsein. «39» Plotinos dachte das Tätigsein als schwache Form der Anschauung, doch im künstlerischen Schaffensakt muß dieser Akt an sich zugleich Wissen sein. Zwar heißt es, das Tätigsein käme dem Begriff folgend auf und sein Ziel liege in der Anschauung, doch in allen teleologischen Einheiten muß das Ende in den Anfang zurückkehren. Wenn das anfängliche Ziel verwirklicht wurde, läßt sich sagen, daß das Ziel sich selbst gesehen habe. Wenn für gewöhnlich von Tätigsein die Rede ist, drängen sich Bewegungen der Außenwelt dazwischen. Schon damit allein läßt sich wie bei Plotinos von der Schwäche der Anschauung reden, von einer unvollkommenen Anschauung. Nur im Falle des inneren Willens läßt sich annehmen, daß wir in unseren Geist hineinblicken; er kann als das der Anschauung am nächsten Stehende gedacht werden. Doch bei der künstlerischen Intuition, die als Entfaltung des Willensinhaltes, welcher den intellektuellen Standpunkt transzendiert hat, angesehen werden kann, gibt es keine Außenwelt, die zwischen Anfang und Ende eingezwängt wäre. Denn es gibt weder den sogenannten Raum noch die Zeit, das Ganze wird zu einer Anschauung, die Tätigkeit an sich wird unmittelbar Sehen. Daß allgemein angenommen wird, unsere Geister transzendierten den Raum und wirkten unmittelbar aufeinander ein, muß in diesem Sinne heißen, daß sie die Tätigkeit in sich einhüllen. Daher läßt sich behaupten, daß es im Grunde des Bewußtseins Anschauung gebe. Man kann annehmen, daß je mehr sich die Tätigkeit einhüllen läßt, desto klarer das Bewußtsein wird. Bedeutung = Realität wird in der Form der teleologischen Einheit möglich. Plotinos sagt, was unmittelbar das Wahre sehen könne, [ließe vermuten], daß es jemanden gebe, der nach der Tätigkeit, die ein Schatten des Wahren sei, verlange, und er nahm an, daß, je geistiger [dieses Verlangen?] werde, desto weiter es sich von der Tätigkeit entferne und zu einer ruhenden Anschaung werde; doch daß die Anschauung klarer wird heißt nicht, die Tätigkeit zu negieren, sondern ist ein Einhüllen der Tätigkeit; Zeit und Raum verschwinden nicht, sondern werden darin eingehüllt. Auch daß wir Dinge erkennen heißt, «40» daß unser Geist tätig ist. Selbst das intellektuelle Subjekt ist nicht bloß ein Spiegel, der Dinge widerspiegelt, es muß ein Bildungsprozeß sein. Solcherart wird die Form des Erkenntnissubjekts dem Erkenntnisakt gegenüber zu einem Sollen. Ein bloß passives Subjekt ist nicht mehr denn ein negativer Grenzbegriff. Die Vertreter des Intellektualismus' nehmen zwar an, auch so etwas wie Wille und Gefühl sei, sobald es reflektiert werde, nicht mehr denn ein intellektueller Gegenstand, doch wenn sie bloß als intellektuelle Gegenstände reflektiert würden, wären sie nicht mehr denn Muskel- oder Bewegungsempfindungen. Diese sind jedoch nicht zu reflektieren, sondern können auf einem überwissentlichen Standpunkt stehend erneut erlebt werden. Was als intellektuelles Subjekt bezeichnet wird, kann nicht aus dem Willenssubjekt heraustreten, vielmehr ist es in jenem. Die Einheit des Ichs liegt in der unmittelbaren Verknüpfung zweier Akte; es ist so etwas wie Fichtes Tathandlung. Das wahre Subjekt, das wahre Ich bezeichnet in diesem Sinne Tätiges; es ist Tätigkeit ohne Tätiges. Das Ich ist einerseits ein wissendes Ich, andererseits ein tätiges Ich. Das wissende Ich ist größer als das tätige Ich und wird als jenes umhüllend gedacht, doch auch das wissende Ich ist wiederum ein tätiges Ich. Bei der künstlerischen Intuition ist das tätige Ich sogleich ein wissendes Ich, und das wissende Ich sogleich ein tätiges. Vom Standpunkt des Wissens-Ichs aus gesehen, ist dessen Inhalt unwandelbar und der Prozeß seines Erkennens wohl als äußerlich denkbar. Wie Plotinos sagt, ist der vernünftige Teil des Geistes unwandelbar und unbeweglich; was aus diesem heraustritt, ist nicht mehr denn ein Teilhabendes an diesem [Geist]. Doch bei der teleologischen Einheit lassen sich Bewegliches und Unbewegliches nicht voneinander abtrennen. Voranschreiten ist ein Sichzurückziehen, Bewegen ist Anschauen. Anschauen heißt nicht, sich von verschiedenen Beziehungen und Prozessen zu entfernen, sondern Unreines «41» zu läutern und dessen Wesen zu erfassen; es heißt, zu einer einzigen reinen Tätigkeit zu werden. Bloß mit den Augen etwas zu sehen ist keine Anschauung. Ein vollkommenes Wissen ist in diesem Sinne Anschauung. So wie ein Lichtstrahl, der nicht unendlich weit erstrahlt, kein Lichtstrahl ist, muß auch das, was aus den Teilen des unwandelbaren und unbeweglichen Ersten ausfließt, nicht ein diesem [Ersten] gegenüber Zufälliges, sondern Notwendiges sein.

Tätigsein ist in dem Sinne, daß etwas Geistiges zu sich selbst zurückkehrt, Anschauung. In einem solchen Sinne ist nicht nur Sehen Anschauen, sondern es läßt sich auch das Denken als Anschauen bezeichnen. Doch ist nicht das, was als Anschauung bezeichnet werden sollte, in dem Sinne, daß das wahrhaft Tätige sogleich Wissen sei, eher in so etwas wie dem Selbstbewußtsein unseres Willens? Unser Begehren entsteht nicht von den Dingen her. Das Begehren wird dadurch befriedigt, daß es aus sich selbst hervorgeht und zu sich zurückkehrt. Daß Wasser zum Gegenstand der Bedürfnisse des Ichs wird, geschieht durch die Bedürfnisse des Ichs. Die Bedürfnisse des Ichs sind Schöpfungen des Ichs; diese Bedürfnisse zu befriedigen heißt, das Ich objektiv zu konstituieren, d.h. objektiv das Ich zu sehen. Zwar wird angenommen, daß unsere Bedürfnisse durch Dinge befriedigt werden, doch [tatsächlich] befriedigt sich das Ich dadurch, daß es im Ich sich selbst sieht. Falls Anschauen hieße, daß etwas Geistiges sich selbst entfalte und zu sich selbst zurückkehrte, dann ließe sich wohl behaupten, daß in einem solchen Akt wahrhaft das Selbst sich selbst anschaue. Wenn wir fortwegs Farben betrachten und Töne hören, aber auch, wenn wir fortwegs die Wahrheit bedenken, ließe sich wohl annehmen, daß Farben, Töne und Wahrheiten sich fortwegs selbst anschauten. «42» Doch diese Akte sind überall für sich selbst nichts Ganzes, sie kehren nicht in ihren Anfang zurück, sie sind offene Systeme. Wenn demgegenüber der Akt zu sich selbst zurückgekehrt ist, wenn Ende und Anfang miteinander verknüpft sind, d.h. wenn der Akt selbst selbstbewußt ist, dann bildet er die Form des Willens, und in diesem können wir erstmals unsere geistigen Phänomene erkennen. Unsere geistigen Phänomene sind das, was sich der Akt selbstbewußt ist; der Akt hat sich selbst zum Gegenstand(1). Doch um den Akt als Akt zu vergegenständlichen, muß dies im Standpunkt des Aktes des Aktes geschehen; was den Akt als Akt begrenzen kann, muß der Akt des Aktes sein. Aus diesem Grunde kommen, wie Plotinos sagte, alle Dinge durch das Eine, nämlich durch das "Gute", zustande, und es läßt sich sagen, daß alle Dinge nach dem Guten strebten. In der Form des Willens kehrt das "Gute" zu sich selbst zurück, und man kann sagen, daß es sich selbst anschaut. Daß alle Akte zum Selbst zurückkehren und das Selbst anschauen, muß in der Form des Willens geschehen. So wie im Selbstbewußtsein der Reflexionsakt an sich das Selbst anschaut, ist Tätigsein ein Anschauen des Selbst. Während Tätiges und Tätigkeit als solche voneinander getrennt sind, vermag der Akt sich selbst nicht wahrhaft zu erkennen. Zum reinen Akt selbst zu werden heißt anzuschauen(2). Alles Existierendes ist Tätiges, und daß der Geist tätig ist heißt, daß er sich selbst sieht. Daß ein einziger geistiger Akt sich selbst fortwährend ansieht, ist der Wille, und daß er(3) zu seinem Ursprung zurückkehrt, ist Anschauung. Daß das Selbst sich selbst sieht, heißt, daß es sich selbst erfüllt. Nur wenn Anfang und Ende eines Aktes gegenseitig nicht übereinstimmen, d.h. wenn der Akt als solches sich nicht selbstbewußt ist, können Wille und Wissen getrennt werden. Wie Augustinus dachte, gibt es in unserem Geiste Vergangenes, «43» Gegenwärtiges und Zukünftiges, doch läßt sich behaupten, Vergangenes gebe es im Gedächtnis, Zukünftiges in der Erwartung, und Gegenwärtiges in der Anschauung. Die wahre Realität ist Gegenstand unseres Wissens und muß zugleich Gegenstand der Erwartung sein. In der Verknüpfung dieser beider Enden wird uns die vollkommene, ewige Wahrheit sichtbar. Spinozas intellektuelle Liebe muß ein - wie Plotinos sagt - unendlich aktives Gutes sein, in jeglichem Sinne muß es eine Anschauung seiner selbst sein, die nicht vergegenständlicht werden kann. Daß der Akt sich selbst anschaut, muß eher heißen, daß er das Selbst erfüllt, als daß er weiß. Wenn es irgendein Ding gibt, das dem Akt gegenüber äußerlich ist, wird es zu einem bloßen intellektuellen Gegenstand, doch im vollkommenen Wissen muß Wissen Erfüllen sein. Innerhalb des vollkommenen Wissens ist die Erfüllung des Willens enthalten. Daß der Akt sich selbst sieht, muß im Standpunkt des Willens geschehen. Plotinos sagt, der Geist habe eine doppelte Kraft; mit der einen, d.h. mit dem Denken, sehe er die Dinge, die in ihm sind, mit der anderen, d.h. mit der Anschauung, sehe er das über ihm Seiende; mit [dieser] Anschauung sehe er zunächst nur, erkenne es im Nachhinein und stimmte so mit dem Einen überein; die erstere [Kraft] sei die Anschauung des Denkens, die letztere die der Liebe (VI. Enneade, Buch 7, Kapitel 35). Wenn es heißt, der Geist sehe die Dinge, die in ihm sind, dann kann der Geist sich nicht selbst sehen; Subjekt und Objekt sind voneinander getrennt. Wenn es heißt, er sehe, was in ihm ist, sind die Dinge vom Selbst getrennt. Wenn es heißt, er sehe mit der Anschauung das über ihm Seiende, dann erkennt im Standpunkt des Aktes des Aktes der Akt sich selbst; der Akt als solcher wird sich selbstbewußt. Und daß der Akt sich derart selbst erkennt und sich mit dem Einen «44» verknüpft, ist der Prozeß des Willens. Der Wille ist der Prozeß der Anschauung im Standpunkt des Einen; es ist der Prozeß, der aus dem Einen heraustritt und in dieses Eine zurückkehrt. Vom Standpunkt des Wissens aus gesagt, läßt sich, wenn die Wahrheit angeschaut wird, die Tätigkeit vielleicht als unnütz ansehen, doch vom Standpunkt des Willens aus gesagt, muß jegliche Tätigkeit als Inhalt der Anschauung etwas sein, das nicht fehlen darf. Im Standpunkt des Einen muß alles zum Inhalt der Anschauung werden. Bei etwas, das den Raum transzendiert, hat es weder direkte noch Umwege zu geben. Denn auch der Gegensatz von Bewegung und Ruhe kommt über dem Einen zustande.

Ich denke, daß Anschauung nicht heißt, ruhig Dinge widerzuspiegeln, wie wenn man mit den Augen Dinge ansieht, sondern daß Subjekt und Objekt zu einer reinen Tätigkeit werden; daß etwas Geistiges sich selbst entfaltet. In diesem Sinne sage ich, daß Anschauen in der Form des Willens verstanden werden könne. Man kann sagen, die Anschauung sei der Gipfel des Willens. Unser Geist beginnt mit dem Willen und endet mit dem Willen. Wenn Anfang und Ende miteinander übereinstimmen und einen Kreis bilden, wird dieser [Wille] zur Anschauung. Doch um ein Tätiges in dieser Weise zu sehen, muß es ein unendlich großer Kreis sein, der dieses umhüllt. Aus diesem Grunde werden alle Dinge in dem Einen angeschaut, das alles umhüllt, aber selbst von nichts umhüllt werden kann. Um ein Bewegendes anzuhalten und zu sehen, muß es selbst ein über jenes hinaus sich Bewegendes sein. Das Eine kann in dem Sinne, das es ein sich unendlich Bewegendes umhüllt, dieses anhält und sieht, als unendliche Bewegung gedacht werden. Doch der Wille ist keine bloße Bewegung, keine bloße Veränderung, denn das Ende ist im Anfang enthalten; das Ziel an sich kann als etwas Unwandelbares und Unbewegliches gedacht werden, und dieses Unwandelbare und Unbewegliche ruft die Veränderung hervor. Ich komme nicht umhin, in den Worten Plotins, daß die Zeit ein Schatten des Ewigen sei (III. Enne«45»ade 7), einen tiefen Sinn zu entdecken. Nur das, was in sich selbst etwas Unerfülltes hegt, sieht die Zeit; was in sich selbst erfüllt ist, dort gibt es keine Zeit, dieses Ding ist ewig. Das Eine, das zum Ziel aller Dinge wird, zu dem sich alle Dinge hinbewegen, d.h. das Gute, muß unbeweglich sein, es muß etwas in sich selbst absolut Erfülltes sein, es muß so etwas wie der first mover des Aristoteles sein. Das Eine kann als unwandelbare und unbewegliche Einheit unendlicher Akte gedacht werden. Wenn ursprünglich von der Einheit der Akte die Rede ist, denken wir zwar gleich an eine statische Einheit, doch eine solche Einheit ist nicht mehr denn Hegels sogenanntes caput mortum. Ein reflektiertes Selbst ist nicht das wahre Selbst; zu einem reinen Akt zu werden heißt, Ewiges und Unwandelbares zu sehen. Das ewig Wahre, ewig Schöne kommt derart zum Vorschein. Unser unendlicher Wille ist ein Prozeß, der die Anschauung des Einen erreicht. Im Einen ist Bewegung = Ruhe, Ruhe = Bewegung. Falls man ein solches Eines als etwas Mystisches für unerklärbar hielte, bräuchte man zur Betrachtung nur zu dem Selbst, das solches denkt, zurückzukehren. Was als unwiederholbarer Lebenslauf des Selbst in der Gegenstandswelt der Erkenntnis widergespiegelt wird, ist ein Abbild des Selbst, aber kein wahrhaft tätiges Selbst. Das tätige Selbst ist den zeitlichen Veränderungen gegenüber unwandelbar. Das Ich ist Ursache des Sichfortbewegenden und dessen Ziel. Und je weniger es eine Kluft dazwischen gibt, desto mehr transzendiert das Ich die Zeit und wird zur Einheit eines reinen Aktes. Wenn diese beiden geteilt sind, d.h. wenn die Ursache der Bewegungsenergie und die des Zieles verschieden sind, dann gibt es Veränderungen in der Zeit. Weil wir alle das widergespiegelte Selbst als Selbst ansehen, nehmen wir an, daß unser Selbst im Strom der ewigen Zeit dahinströme. Bei dem Einen als Einheit aller Akte, das außer sich kein anderes Ding zuläßt und «46» das Selbst aller Dinge ist, stimmen Anfang und Ende überein, es ist ein sich unendlich Bewegendes, und zugleich muß es ewig in sich selbst stehenbleiben. Wenn die Ursache der Bewegungsenergie und die des Zieles verschieden sind, dann wird die erste, von der letzteren her gesehen, zu einem Mittel, doch in dem Bereich, in dem die erstere durch die letztere bewegt wird, läßt sich die letztere vielmehr auch als zur ersteren gehörig denken; beide [Ursachen] werden gemeinsam zu etwas, das aufeinander einwirkt. Die wahre Ursache des Zieles muß die der Bewegungsenergie umfassen. Die Ursache der Bewegungsenergie wirkt in der Zeit, doch die Ursache des Zieles wirkt außerhalb der Zeit, denn die Zeit wird zu deren Ausdruck; die Ursache der Bewegungsenergie wirkt der Zeit folgend, doch die Ursache des Zieles kann als gegen den Strom der Zeit schwimmend gedacht werden; sie kann als etwas angesehen werden, das die Zeit verkehrt. So wie angenommen wird, daß alle Dinge sich in der Zeit wandeln, doch die Zeit als solche stehenbleibt, so läßt sich auch annehmen, daß die Zeit eine formale teleologische Einheit ist, und die teleologische Einheit ist eine Zeit, die Inhalt hat. In diesem Sinne läßt sich die Zeit als solche bereits als formale Anschauung ansehen; das Ewige ist die Übereinstimmung des Voranschreitenden mit dem, was in den Ursprung zurückkehrt, die Übereinstimmung von Bewegung und Ruhe. Wie ich oben sagte, kommt in dieser Übereinstimmung eine Anschauung zustande, und in dieser Anschauung sehen wir die ewige Wahrheit. Daß das Wissen, welches auf einem Apriori geläutert wurde, in seinem jeweiligen Standpunkt als ewige Wahrheit gedacht wird, hat darin seinen Grund. Auch daß das verschiedene Kunstschöne in jedem einzelnen Standpunkt als etwas, das ewigen Wert habe, gedacht wird, hat darin seinen Grund, daß ein jedes davon als Selbstbewußtsein des Aktes im Standpunkt des Aktes des Aktes zu einer Anschauung wird. Was wir als Zeit denken, sehen wir als Form des Aktes, der von Augenblick zu Augenblick verschwindet. In einem geschlossenen System gibt es keine Zeit; nur in einem offenen System vermögen wir, die Zeit zu sehen. Die Zeit läßt sich wohl als eine Verknüpfung aus einem geschlossenen System heraus hin zu einem System im Hintergrund, welches dieses [erstere System] umfaßt, «47» ansehen. Falls wir von einer zweidimensionalen Welt her eine dreidimensionale Welt sehen würden, läßt sich wohl eine dieser [drei] Dimensionen als Zeitachse denken. Weil wir in einer dreidimensionalen Welt leben, muß eine Dimension von Minkowskis vierdimensionaler Welt als Zeitachse gedacht werden. Doch wenn sie im Standpunkt des Aktes des Aktes reflektiert wurde, wird die Zeit in einem noch höhergradigerem Standpunkt umfaßt und wird zum Prozeß der Entfaltung des Willens. Und wenn der Akt des Aktes sich selbstbewußt und schöpferisch wird, verliert der Wille seine eigene Realität und wird zu einer Anschauung. Und was eine solche Anschauung unendlich vereinheitlicht, ist das Eine; das Eine muß Anschauung der Anschauung sein.

 


Wichtigste inhaltliche Varianten der Zeitschriftenfassung (Z):

(1)

42, 4/5 Z: Plotinos hat erörtert, wie der Geist sich selbstbewußt wird, und dabei gesagt, was gedacht wird, nämlich was als Gegenstand dastehe, sei, weil ursprünglich eine Tätigkeit, ein Übereinstimmen von Denkendem und Gedachtem, so daß man auch behaupten könne, der Geist erkenne sich selbst (V. Enneade, Buch 3, Kapitel 5.).
(2)
42, 11/2 Z: Auch Plotinos sagt, der Ruhezustand des Geistes sei kein Entspannen, sondern ein Zustand angespannter Tätigkeit.
(3)
42, 13 Z: einen Kreis bildend

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Autor:Niels GÜLBERG
e-mail: guelberg@waseda.jp
Last updated: 03.5.24