first published in: Humanitas No. 38 (2000), The Waseda University Law Association, pp.1-86 (pp.18-21)


Nishidas "Logik und Leben" (1)

Niels Gülberg


NKZ 8: 273ff., Ueda S. 177ff.

«...» Seitenzahlen der Ausgabe in NKZ 8

[...] Seitenzahlen der Ausgabe v. Ueda Shizuteru, N. K. Tetsugaku ronshû II, Iwanami bunko ao 124-5


1.

Japanisch

Was die Logik sei, darf meines Erachtens nicht von den bereits vollendeten Formen her, sondern sollte von seinem Entstehen her gedacht werden. Auch die Logik ist in der geschichtlichen Welt entstanden und kann daher auch als eine Art Gestaltungsakt bezeichnet werden. Doch wie ist sie in der geschichtlichen Welt entstanden und welche Stellung und Rolle nimmt sie in der Welt geschichtlicher Realität ein? Das soll nicht heißen, dass die Entstehung der Logik psychologisch oder soziologisch aufgefasst wird, denn diese Wissenschaften sind bereits logisch strukturiert.

Der sprachliche Ausdruck ist weder unmittelbar das Denken, noch ist das Denken unmittelbar der sprachliche Ausdruck. Doch ohne etwas in irgendeinem Sinne Sprachliches ist Denken unmöglich. Platon sagt einmal scherzhaft, dianoia sei ein stimmloses Gespräch. Das Urteil ist ein Satz. Nur [um zu bestimmen,] welcher Satz wahr, «274» welcher falsch sei, dafür bedarf es den Logiker. [178] Die Dialektik, die Platon als Methode zur Erkenntnis des Wahren bezeichnet, war bereits so etwas wie unsere heutige Logik. Diese wurde durch Aristoteles vollendet und wurde als Lehre von der Logik bis auf den heutigen Tag Grundlage wissenschaftlicher Methoden.

Zur Zeit, als eine Art Logik als Methode zur Erkenntnis des Wahren zustande kam, wurde wohl auch der Wahrheitsgehalt eines Satzes dadurch bestimmt. Doch wie Platon in den Sophistes sagt, ist der wahre Satz ursprünglich sprachlicher Ausdruck von real Existierendem. Auch Aristoteles' Logik ist keine sogenannte formale Logik, sondern steht in enger Beziehung zu seiner Metaphysik. Im Mittelbegriff eines Syllogismus findet sich eine Entsprechung zum Ursprung aller Dinge und Sachen. In der griechischen Philosophie war die Realität logoshaft, weshalb es zwischen Logos und Realität im Grunde keine Trennung gab. Jedoch ist die Realität nicht bloß logoshaft (vorstellbar) wie in der griechischen Philosophie. In der neuzeitlichen Wissenschaft ist die Realität vielmehr anti-logoshaft. In ihr müsssen sich Logos und Realität trennen. Die aristotelische Logik ist zu einer formalen Logik verkommen. Doch das Wissen muss in irgendeinem Sinne die Realität sprachlich ausdrücken und zugleich logisch sein. Selbst die Naturwissenschaften müssen logisch sein. Die kantische Philosophie ist eine Logik der Wissenschaften. Doch in der Philosophie Kants wird das Wissen bloß subjektiv, das Ding an sich wird transzendent. «275» Das Wissen verliert die Bedeutung, sprachlicher Ausdruck der Realität zu sein. Natürlich hat Kant nicht gesagt, das Wissen sei nur [179] subjektiv; dennoch suchte er den Grund der Objektivität des Wissens in der synthetischen Einheit des Bewusstseins schlechthin.

Ich will keineswegs die Objektivität der Wissenschaften bestreiten und weiß auch wohl darum, wie die Wissenschaften unser tägliches Leben bestimmen und welche bedeutende Kraft sie in der Entwicklung der geschichtlichen Welt haben. Doch wir stehen heute vor noch viel tieferen und größeren Problemen der Realität. Geschichtliche Realität lässt sich nicht durch eine bloße Gegenstandslogik begreifen. In die Gegenstandswelt der Gegenstandslogik läßt sich ein tätiges Selbst nicht einordnen. Jedoch muss die Welt geschichtlicher Realität tätige Selbste enthalten. Natürlich kann auch von einem Standpunkt der Gegenstandslogik Geschichtswissenschaft zustande kommen, wie auch Gesellschaftswissenschaften, die unser tätiges Selbst zum Gegenstand haben. Doch jene kommen nur dadurch zustande, dass sie unsere Selbste objektiv vergegenständlichen; sie sehen das tätige Selbst von dem Standpunkt des intellektuellen Selbst her. Oder sie behaupten, dass ein tätiges Selbst, das sich überall selbst begrenzt, logisch nicht gedacht werden könne. Denkendes könne Denkendes nicht denken, wie das Auge sich selbst nicht sehen kann. Doch das heißt verkürzt nichts anderes, als dass das Selbst nicht in der Weise der Gegenstandslogik gedacht werden kann. Unser Selbst ist als eine solche widersprüchliche Existenz in der geschichtlichen Welt in-seiend. Damit will ich nicht die Gegenstandslogik missachten. Logik muss auf einer Ebene überall gegenstandslogisch sein, sonst wäre sie keine Logik. Auch besagt die Begrenzung ohne Begrenzendes beim Zustandekommen des Selbsts [180]«276» nicht einfach, dass es keinen Gegenstand gäbe. Und das Nichts-Allgemeine besagt nicht, dass es überhaupt nichts gäbe. Nur ist die Welt der geschichtlichen Realität nicht etwas, in dem bereits Gewesenes zum Vorschein kommt, sondern sie muss schöpferisch sein. Für Seiendes muss das Entstehen an sich zugleich dessen Wesen, das Wesen an sich zugleich dessen Entstehen sein.

Der Logos des Herakleitos wird verschiedentlich aufgefasst. Uns sollte aber zu bedenken geben, dass er, der sagte, alle Dinge seien im Fluss und wir könnten nicht noch einmal in den gleichen Fluss treten, als erster das Wort Logos gebrauchte. Das logoshafte Unwandelbare im sich unendlich Wandelnden, darin scheint der tiefe Grund der Logik zu liegen. Logik ist eine Art Gestaltungsakt. Bevor wir mit herkömmlicher Logik die Realität begreifen, sollten wir einmal von der Realität her die Logik überdenken. Wahre Dialektik ist keine Vertiefung und Erweiterung der Formen herkömmlicher Logik, sondern muss Logisieren der Realität sein.


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Autor:Niels GÜLBERG
e-mail: guelberg@waseda.jp
Last updated: 03.1.22
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