First part (A. & B.) first published in: Waseda-Blätter No. 4 (1997), pp. 41-66;
second part (C., D. & E.) first published in: Waseda-Blätter No. 5 (1998), pp. 44-60


Eugen Herrigels Wirken als philosophischer Lehrer in Japan

Niels Gülberg


A. Die Heidelberger Zeit
B. Herrigel an der Kaiserlichen Tôhoku Universität in Sendai
C. Herrigels wissenschaftliche Vortrags- und Publikationstätigkeit
  a. Vorträge
  b. Publikationen
    1. "Über Kants Lehre vom Primat der praktischen Vernunft" (1925)
    2. "Gelten, Wert, Sollen, Norm" (1928)
    3. "Die metaphysische Form" (1929)
D. Herrigels Beitrag zur japanischen Lask-Rezeption
E. Schluß
Danksagung
Eugen Herrigel: Schriftenverzeichnis
Japanisches Abstract


Eugen Herrigel ist den Lesern in Deutschland wie in Japan durch das kleine Buch "Zen in der Kunst des Bogenschießens" bekannt, das seit 1948 zahlreiche Auflagen und Übertragungen erlebt hat. Bei der Lektüre dieses Buches gewinnt man den Eindruck, daß sein Verfasser, ein deutscher Philosoph, der für fünf Jahre ein Lehrdeputat an einer japanischen Universität angenommen hatte, von den exotischen, ihm geheimnisvoll erscheinenden Kulturphänomenen fasziniert den ganzen Tag einer runden Strohscheibe gegenüber damit verbrachte, 'Es' schießen zu lassen. Um so größer war mein Erstaunen, Herrigels Namen im Zusammenhang mit der Rezeption eines anderen deutschen Philosophen in Japan genannt zu finden; genauere Recherchen ergaben dann, daß diese Rezeption fast ausschließlich Herrigels Wirken zu verdanken war. Bei diesem anderen Philosophen handelte es sich um Herrigels akademischen Lehrer Emil Lask (1875-1915), einen heute sowohl in Deutschland wie auch in Japan fast völlig vergessenen Namen der Philosophiegeschichte dieses Jahrhunderts. In diesem Aufsatz wird natürlich Herrigels Rolle bei der Lask-Rezeption zu Worte kommen, zugleich soll aber auch ein kleiner Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte, nämlich zur bisher noch ungeschriebenen Geschichte des Wirkens deutscher Wissenschaftler in Japan, und zur Biographie Herrigels geleistet werden. Zu diesem Zwecke möchte ich vor allem die japanischsprachigen Quellen, meist Erinnerungen japanischer Wissenschaftler oder Schüler, die in engem Kontakt mit Herrigel standen, sprechen lassen, da aus diesen Quellen ein recht lebendiges Bild der Persönlichkeit Herrigels zu fassen ist.

A. Die Heidelberger Zeit

Der 1884 in Lichtenau bei Kehl geborene Eugen Herrigel studierte in Heidelberg bis 1909 Theologie, wandte sich dann dem Studium der Philosophie zu, das er vor allem bei Wilhelm Windelband und Emil Lask durchführte und mit einer Dissertation über "Die Logik der Zahl" 1913 abschloß. Obwohl für diese frühen Jahre (1912/13) ein japanischer Wissenschaftler, der Nationalökonom und Rickert-Schüler Sôda Kiichirô (1881-1927, vgl. Abbildung Nr. 1)(1), nachweislich in Heidelberg war, ist über Kontakte nichts bekannt - während Herrigels Japan-Aufenthalt wurde Sôda dann zu einem der wichtigsten Kontaktmännern. Wie sein Lehrer Lask nahm Herrigel am 1. Weltkrieg teil, kehrte nach dem Krieg an die Universität zurück, wo er von Heinrich Rickert mit der Herausgabe der Schriften seines an der Ostfront in Galizien gefallenen Lehrers betraut wurde. Neben dieser Editionsarbeit, die 1923/24 mit dem Erscheinen der drei Bände "Gesammelte Schriften" im Verlag von J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen beendet wurde, habilitierte sich Herrigel bei Rickert mit einer noch von Lask angeregten Schrift über "Urstoff und Urform" (1922).

In diese Zeit fallen seine ersten Kontakte zu japanischen Wissenschaftlern, die sich zu Studienzwecken in Heidelberg aufhielten und vor allem durch den Namen Rickerts, dessen Schriften seit etwa 1910 in Japan intensiv rezipiert worden waren, angezogen wurden. In den Erinnerungen seiner Frau, bald vierzig Jahre später der Edition nachgelassener Aufzeichnungen Herrigels beigegeben, heißt es dazu:

"Herrigels Beziehung zu Japan war durch folgende Lebensumstände eingeleitet worden:
Im Jahre 1921 weilten in Heidelberg einige Japaner zum Studium an der Universität, unter ihnen Shûej Ôhasama (der japanische Herausgeber des später erschienenen Buches "Zen. Der lebende Buddhismus in Japan") sowie Amano, ein Professor der Philosophie. Der Umgang mit diesen Japanern erweckte Herrigels Interesse für fernöstliche Wesensart und Einstellung zum Leben. Gern kam er dem Wunsch seiner japanischen Freunde nach, mit ihnen Werke deutscher Philosophen zu lesen und zu besprechen."
(2)

Diese Darstellung ist nicht ganz falsch, doch hat die Erinnerung wohl manches zusammengeworfen, was nicht zusammengehört. Herrigels Umgang mit den japanischen Wissenschaftlern, den er in Heidelberg pflegte, bildete die Grundlage seines Wirkens in Japan, weil ihm diese Stipendiaten in Japan Zugang und Einflußnahme zur und auf die scientific society ermöglichten.

Da Japan im 1. Weltkrieg auf seiten Englands gegen Deutschland gekämpft hatte, war vor dem Versailler Friedensschluß vom Juni 1919 an keinen Deutschlandaufenthalt zu denken, erst 1920 setzte der durch den Krieg unterbrochene akademische Austausch wieder ein, wenn auch zunächst nur auf die Hauptstadt Berlin beschränkt. Die frühesten Stipendiaten, die sich in die Provinz vorwagten, kamen im Sommersemester 1921 nach Heidelberg. Für das Jahr 1921 sind zu nennen: der Bergson-Spezialist Kita Reikichi (1885-1961, vgl. Abbildung Nr. 2), der seit 1918 in Harvard studiert hatte und in Deutschland zunächst in Berlin bei Alois Riehl blieb, bevor er im April nach Heidelberg umzog, der Religionswissenschaftler Ishihara Ken (1882-1976, vgl. Abbildung Nr. 3), der ab Juli in Heidelberg zum Theologiestudium weilte, und ab September der von Gusty Herrigel bereits genannte Ôhazama Shuei (1883-1946, vgl. Abbildungen Nr. 4 und 5)(3). Alle drei wurden für Herrigel später wichtig, Kita als Dolmetscher von Herrigels Vorträgen und als Promotor der japanischen Lask-Rezeption, Ishihara als Übersetzer von Herrigels Aufsätzen und als Kollege an der kaiserlichen Universität Tôhoku in Sendai, und Ôhazama als Adept des Zen-Buddhismus, der zentrale Texte seiner Schule zum ersten Mal in die deutsche Sprache übertrug. Von den dreien kannten sich Kita und Ôhazama aus der gemeinsam verbrachten Zeit als Mittelschullehrer in Tsuchiura, Präfektur Ibaraki, wo Ôhazama seit 1907, Kita seit 1909 (bis zur Übernahme einer Dozentur an der Waseda Universität 1914) lehrte. Sie hatten Herrigel in seiner Funktion als Assistent Rickerts kennengelernt, in der er an den Seminaren Rickerts beteiligt war, aber auch als Privatlehrer. In einem Rückblick vom August 1959 erinnert sich Ishihara:

[Sommer 1921] "...und ich hatte auch Eugen Herrigel, den ich durch Rickert kennengelernt hatte, zusammen mit Kita Reikichi von der Waseda Universität, der einige Monate vor mir aus Amerika in diese Stadt [d.i. Heidelberg] gekommen war, um Privatunterricht gebeten, und so hörten wir zweimal in der Woche in der Unterkunft Kitas Vorlesungen. Zunächst lasen wir Goethes gesamten "Faust", dann die "Iphigenie", danach unterhielten wir uns über Fichte und andere philosophische Schriften und erhielten nützliche Belehrungen."(4)

Ishihara erhält auch Privatunterricht von Robert Winkler (dem Autor von "Phänomenologie und Religion - Ein Beitrag zu den Prinzipienfragen der Religionsphilosophie", Tübingen 1921), mit dem er zweimal wöchentlich Schleiermacher liest und ein Griechisch-Repetitorium erhält. Da Ishihara fast ausschließlich nur theologische Studien betreibt, bestehen im Studium kaum Berührungspunkte. Von Rickerts Veranstaltungen nimmt er nur an der Vorlesung über Goethes "Faust" im WS '21/22 und am Mystik-Seminar im SS '22 teil. Für das Sommersemester schreibt er (ebenda S. 44f.):

"Den Privatunterricht hatte ich seit dem vorherigen Semester, sofern nicht Reisen dazwischenkamen, auch in den Ferien fortgesetzt. Mit Dr. Herrigel hatte ich nach dem "Faust" die "Iphigenie", dann Nietzsches "Zarathustra" und schließlich Fichte gelesen, war mit jenem auch persönlich allmählich vertrauter geworden und war mit ihm auch öfters bei den Treffen im Hause von Professor Rickert zusammen. Die Griechisch-Übungen bei Winkler hatte ich immer fortgeführt, aber zu meiner Schande muß ich eingestehen, noch nicht einmal selbst zu wissen, welche Wirkung sie hatten."

Ende September zieht Ishihara nach Basel um, um dort für ein Semester seine theologischen Studien fortzusetzen. Ab November kommt seine Frau nach Europa, so daß er nach Semesterschluß ausgedehnte Europareisen macht, um Ende August 1923 über Amerika in das kurz zuvor durch das große Kantô-Erdbeben zerstörte Japan zurückzukehren.

Enger als zu Ishihara, der erst in Sendai seine Kontakte zu Herrigel vertiefte, gestaltete sich die Beziehung zu Kita Reikichi. Kita war der jüngere Bruder des berühmt-berüchtigten ultrarechten Nationalisten und Theoretiker des japanischen Faschismus, Kita Ikki (1883-1937), welcher wegen seiner Beteiligung an dem gescheiterten Offiziersputsch vom 26. Februar 1936 vor ein Militärgericht gestellt und schließlich hingerichtet wurde. Reikichi hatte wie sein älterer Bruder an der Waseda Universität studiert, war nach seiner Rückkehr aus Deutschland an verschiedenen privaten Universitäten als Professor tätig, gab Zeitschriften heraus und gründete 1935 eine Kunstfachhochschule (Tama bijutsu senmon gakkô), bevor er sich dann zwischen 1936 und 1955 als Mitglied des Unterhauses völlig der Politik widmete. Über seine Heidelberger Zeit hatte er kurz nach seiner Rückkehr 1923 unter dem Titel "Rickert im Mittelpunkt" Auskunft gegeben:

"Herrigel ist Lieblingsschüler des verstorbenen Lask und gerade mit der Herausgabe von Lasks Nachlaß beschäftigt, den er in Kürze in einer Gesamtausgabe veröffentlichen will. Nach Rickerts Worten ist Herrigel am bewandertsten mit [dem Denken] der Südwestdeutschen Schule; gegenwärtig lehrt er auch in Heidelberg, doch seine Schrift "Urstoff und Urform", die in Kürze erscheinen soll, ist nach Rickert "eine kritische Begründung der Mystik". Der Verfasser hatte auf Vermittlung Rickerts hin Herrigel als Privatlehrer gewonnen und mit ihm eineinhalb Jahre verschiedene Denker der Südwestdeutschen Schule, Goethe, Nietzsche, Eckhart, Fichte und anderes gemeinsam studiert; später beteiligten sich auch Dr. Ishihara [Ken] und Professor Ôhazama [Shûei] daran. Herrigel hat jetzt sieben, acht japanische Stipendiaten um sich versammelt und liest besonders über Kant und Goethe. Der Verfasser ist Herrigel für die gemeinsam verbrachte Studienzeit als den für sein Denken fruchtbarsten und anregensten Zeitabschnitt seines Lebens sehr dankbar."(5)

In einem weiteren Bericht, wohl erst 1926 geschrieben und mit einigen Ungenauigkeiten belastet, gibt Kita Auskunft über die Neuankömmlinge, die ab Sommersemester 1922 in Heidelberg studierten. Vor allem aber stellt er darin Überlegungen an, was Herrigel für seinen Japan-Aufenthalt motiviert hat:

"Vom April 1922 an kamen nach und nach zahlreiche japanische Stipendiaten nach Heidelberg. Noch vor Ôhazama war Dr. Ishihara [Ken] gekommen, und auch Dr. Kondô von der Hochschule für Medizin in Kanazawa wohnte in meiner Nähe. Im April versammelte sich eine Elite ohne gleichen, darunter Ôuchi Hyôe(6), Miki Kiyoshi(7), Yamashita von der Nihon-Universität, der Orientalist Masuda Jiryô, der Abteilungsleiter Wirtschaft der Zeitung «Nihon shinbun» Noshiro(8), Fujita [Keizô?] von der Handelshochschule in Hikone und ein Student der Universität Tôkyô, Mori(9). Wir hatten Herrigel gebeten und Vorlesungen über Goethe und Kant gehört, wobei zunächst nur drei Personen, Ishihara, Ôhazama und ich, teilnahmen, doch zu einem späteren Zeitpunkt, als die Vorlesungen in der Wohnung Ôhazamas abgehalten wurden, beteiligten sich daran neben Ôhazama auch Fujita, Masuda, Mori, Miki, Noshiro, Yamashita und andere. Daher bildeten diese Leute eine Gruppe, besuchten Burgruinen in der Nähe oder rückten bis weit nach Neckarsgmünd aus. Aber das Treffen, das in meiner Wohnung stattfand, wurde nach wie vor von einer Gruppe fortgeführt, die aus mir, Ôhazama, Herrigel, Winkler und drei oder vier weiteren Frauen bestand. Meine Geburtstagsfeier am 22. Juli 1922 war der Gipfel dieses Treffens. Vom Währungsverfall in Deutschland begünstigt, öffneten wir Champagner, das Dutzend für ganze 15 Yen, und feierten bis morgens um vier. Ein solch munteres Vergnügen war während meines Heidelberg-Aufenthaltes eine Ausnahme. Diese Treffen wurden zum Anlaß, daß Herrigel sich schließlich nach Japan sehnte, und tatsächlich hat er jetzt ein Lehramt an der Tôhoku Universität übernommen.
Es gab verschiedene Gründe dafür, daß Herrigel nach Japan kam. Herrigel war mit Ausbruch des Weltkriegs als Schatzmeister des Generalstabs an die Westfront verlegt worden, Durch den langen Kriegsdienst war er lungenkrank geworden und hatte seine Gesundheit ruiniert, doch blieb er glücklicherweise unverletzt; auch nach Friedensschluß blieb er noch lange im Dienst, um an der Truppenauflösung mitzuwirken und war schließlich nahezu sechs Jahre lang von der Universität ferngeblieben. Seinen Doktortitel hatte er noch vor dem Krieg erworben, doch Privatdozent wurde er erst während meines Aufenthaltes. Sein Lehrer Lask war im Krieg gefallen, er selbst konnte sich sechs Jahre lang nicht dem Studium widmen, das Leben als Privatdozent war erbärmlich, andererseits hatte er zahlreich Japaner als Freunde gewonnen und Japan war ihm zum Traumland geworden, weshalb er den Wunsch hatte, unbedingt einmal nach Japan zu kommen, dort in Ruhe sein eigenes System auszuarbeiten und dabei Vorlesungen zur deutschen Philosophie in Japan zu halten. Dr. Sawayanagi, der sich gerade zu der Zeit in Deutschland aufhielt, hatte durch uns von diesem Wunsch gehört, in seiner üblichen Ritterlichkeit sich Herrigels Sache angenommen und ihn an die Tôhoku Universität vermittelt. Überdies hatte Dr. Sawayanagi, als er von der Armut der Universität Heidelberg erfuhr, nach seiner Rückkehr Mochizuki Gunshirô beredet und diesen zu einer Schenkung von 3000 Yen als Windelband-Stipendium veranlaßt. Da damals 3000 Yen in Deutschland mehreren Millionen Mark entsprachen, waren die Philosophie-Professoren, insbesondere Professor Rickert, überaus erfreut. Diese lobenswerte Tat Dr. Sawayanagis und Mochizukis war neben der Tat von Kiuchi Jûshirô, der während meines Heidelberg-Aufenthaltes auf einer Besichtigungsreise durch Deutschland mich beauftragte, für die nach dem Tôkyôer Erdbeben an Büchermangel leidende Universität Tôkyô die Kant-Bibliothek, die der berühmte Philosoph Kuno Fischer zusammengetragen hatte, aufzukaufen, um sie der Universität zu stiften(10)., ein kulturelles Unternehmen, das besondere Erwähnung verdient. Ich empfinde es als eine Ehre, daß ich bei diesen löblichen Taten die Rolle eines Boten erfüllen durfte, und das ist mir jetzt noch Anlaß für schöne Erinnerungen an meinen Aufenthalt in Heidelberg."
(11)

Obwohl dieser Bericht einige Ungenauigkeiten (Miki Kiyoshi kam beispielsweise nicht im April, sondern erst Ende Juni nach Heidelberg) und Fehler enthält (zur Zeit des Erdbebens im September 1923 war Kita schon längst in Japan, hätte sich also nur mittelbar um den Ankauf der Bibliothek Fischers kümmern können), bietet er eine plausible Erklärung dafür, wie Herrigel nach Sendai kam: Als ehemaliger Rektor der Tôhoku Universität (1911 bis 1913 hatte er das erste Rektorat inne) war wohl Sawayanagi Masutarô (1865-1927) einflußreich genug, um eine Anstellung Herrigels zu erreichen.

Anders als der Germanist Robert Schinzinger, der im gleichen Kreis verkehrte (Schinzinger verdiente sich seinen Lebensunterhalt unter anderem durch Griechischstunden, die er Miki Kiyoshi gab) und durch die japanischen Professoren, "die wie Könige aus einem reichen Märchenland lebten" (Schinzinger, Erinnerungen S. 9), dazu angeregt wurde, die Inflationszeit im Ausland zu überdauern, waren es bei Herrigel, wie auch aus der Darstellung Kitas abzulesen ist, nicht nur wirtschaftliche Gründe, die ihn nach Japan drängten. Herrigel hatte, wohl schon seit seines Theologiestudiums, ein ausgeprägtes Interesse an der Mystik, und der japanische Zen-Buddhismus, wie er ihn durch seine japanischen Freunde kennenlernte, erschien ihm als eine noch lebendige Form religiöser Mystik. Kita berichtet etwa, daß ein Referat über die Mystik des Zen-Buddhismus, das er für ein Eckhart-Seminar Rickerts im Sommersemester 1922 vorbereitet hatte und von Herrigel auf Ausdrucksfehler durchsehen ließ, bei jenem auf begeisterte Zustimmung stieß (Wanderjahre, S. 70). Auch Ôhazama Shûei erwähnt in dem Vorwort seiner Übersetzung von Zen-Texten, daß Herrigel sich wesentlich an der Überarbeitung der Übersetzung beteiligt hatte, wenngleich der Hauptteil der Arbeit von August Faust geleistet worden war. Daß Ôhazama später nach seiner Rückkehr in Japan über Eckharts Mystik publizierte, mag ebenfalls auf die Anregung Herrigels zurückgehen; bei Herrigels Kollegen in Sendai, Ishihara Ken, ist die Beteiligung Herrigels an dessen Eckhart-Studien bezeugt.

Kita hatte Herrigel nur in seiner Rolle als Assistent Rickerts kennengelernt, da Herrigel sich erst im Wintersemester 1922/23 habilitierte, also kurz nach Rückkehr Kitas. Kita hatte drei Semester (SS '21 bis SS '22) an der Universität Heidelberg gehört, bei Rickert die Vorlesungen zur Einleitung in die Philosophie (SS '21), über Goethes "Faust" (WS '21/22) und über die vita contemplativa in Wissenschaft, Kunst und Mystik (SS '22). Bei den Seminaren, die Rickert Mittwoch vormittags im Wohn- und Speisezimmer seiner Privatwohnung veranstaltete, assistierten ihm im Turnus seine Doktores, im SS '21 für das Seminar zur Logik der Philosophie, das Lasks gleichnamiges Werk sowie Rickerts "System" zur Textgrundlage hatte, Robert Winkler, im WS '21/22 für das Seminar zu Hegels Logik Hermann Glockner, und im SS '22 für das Seminar zu Meister Eckhart Friedrich Kreis (Kita vermerkt, daß auch Herrigel eine solche Assistenz, allerdings noch vor Kitas Zeit - wohl im WS '20/21 - übernommen hatte; vgl. "Wanderjahre" S. 61). Für die folgenden Semester gibt ein Bericht Auskunft, den Hani Gorô für die erste nach dem 2. Weltkrieg veranstaltete Werkausgabe der Schriften seines Heidelberger Studien- und späteren Weggefährten Miki Kiyoshi, der 1945 in Polizeihaft gestorben war, schrieb. Hani (1901-1983, vgl. Abbildung Nr. 6) unterbrach sein Studium an der Universität Tôkyô und studierte von April 1922 bis Mai 1924 in Heidelberg; als Historiker, der sich schon früh für den Marxismus interessierte, waren ihm selbst die philosophischen Veranstaltungen nur am Rande interessant:

"Miki Kiyoshi kam im Frühsommer 1922 nach Heidelberg. Im frühsommerlichen schönen Heidelberg holte ich ihn zusammen mit Ôuchi Hyôe, Itoi Yasuyuki und anderen ab. Miki und ich studierten in Heidelberg hauptsächlich bei Rickert. Da ich das Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester 1922 und das für das Wintersemester 1922/23 nicht in meiner Bibliothek wiederfinde, kann ich keine genauen Angaben machen, aber damals veranstaltete Rickert an der Universität Heidelberg Vorlesungen zur Erkenntnistheorie und zu Goethe, und Seminare zu seinem "Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung" und zu Max Webers "Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre" (1922); Gundolf hielt eine Vorlesung über die deutsche Romantik, [Ernst] Hoffmann eine Vorlesung über die griechische Philosophie, Emil Lederer eine Vorlesung über die Grundlagen der Wirtschaft, Ranke und Curtius hielten Vorlesungen bzw. Seminare über Archäologie bzw. antike Kultur. Außerdem hörte ich bei Ritter eine Vorlesung zur Geschichte der Parteien in Deutschland, während Miki frühmorgens an dem Seminar Hoffmanns über antike Literatur teilnahm. Unter diesen Veranstaltungen konzentrierte Miki sich vor allem auf die Philosophie-Seminare Rickerts. Da Rickert schon betagt war, fanden seine philosophischen Seminare in seinem Eigenheim statt. In den Seminaren in Rickerts Eigenheim, zusammen mit Max Webers Haus am Fuß eines Hügels nahe des Neckarufers gelegen, nahmen auch [Karl] Mannheim, [Eugen] Herrigel und [Hermann] Glockner teil. In diesen Seminaren war Miki im Wintersemester 1922/23 als erster japanischer Student zu jener Zeit nicht bloß in den Seminaren anwesend, sondern nahm an ihnen teil und hielt Referate, wovon eines das hier abgedruckte Typoskript "Die Logik der individuellen Kausalität" ist. Dieses Referat hat einmal dadurch, daß es darauf hinwies, in welchem Punkte in dem von Rickert sogenannten Problem der individuellen Kausalität die neueste, höchste und letzte Schwierigkeit des deutschen Idealismus liege, zum anderen dadurch, daß es an dem Lösungsvorschlag von Sôda Kiichirô, der einst bei Rickert und Max Weber studiert hatte, für dieses Problem der Rickertschen Philosophie entwickelt wurde, im Seminar einen tiefen Eindruck hinterlassen und eine lebendige Diskussion hervorgerufen. Bei dieser Gelegenheit äußerte Fuksinsky (?), ob nicht das Rickertsche Problem der individuellen Kausalität durch die Weise des Weberschen Idealtyps teilweise gelöst werden könne, während Rickert seine Absicht verteidigte, das Problem der individuellen Kausalität, welches weder ein Intellektualismus noch ein Irrationalismus sei, erkenntnistheoretisch lösen zu wollen, womit das Seminar für jenen Tag beendet war, doch noch auf dem Heimweg führte ich mit einem deutschen Studenten am Neckarufer die Diskussion weiter.
Im Sommersemester gab es, wie ich anhand des Vorlesungsverzeichnisses genau angeben kann, an der Universität Heidelberg folgende Veranstaltungen: Rickert hielt eine Vorlesung "Einführung in die Erkenntnistheorie und Metaphysik" (Mo, Di 17-18 Uhr) und eine zur Kunstphilosophie (Do, Fr 17-18 Uhr) und veranstaltete ein Seminar zum Begriff der Anschauung (Mi 11-13 Uhr); Herrigel, der erstmals Privatdozent an der Heidelberger Universität geworden war, hielt eine Vorlesung über die Grundprobleme der Logik (Mo, Do 15-16 Uhr) und ein Seminar über schwierigere logische Probleme (Sa 10-12 Uhr). In dem Rickert-Seminar des Sommersemesters 1923 hielt Miki ein Referat, das hier abgedruckte Typoskript "Wahrheit und Gewißheit", und in Herrigels Übung: "Schwierigere logische Probleme (unter Bezugnahme auf Bolzano, Lotze, Windelband, Rickert, Lask)" sprach er über den "Objektivismus in der Logik". In jenem Semester hielt auch ich ein Referat in Rickerts Seminar über den "Prozeß der Individualisierung und die Intuition", und in Herrigels Übung referierte ich über den "Subjektbegriff bei Lask".
Zu jener Zeit hatten wir außer den Vorlesungen und Seminaren an der Universität auch ein Seminar unter Leitung Herrigels, das Kants "Prolegomena" als Text benutzte, und unter der Leitung Glockners ein Seminar, das Hegels "Phänomenologie des Geistes" als Text benutzte. Für diese Seminare versammelten wir uns in einem Zimmer der Wohnung, die Ôhazama Shûei im 1. Stock des Hauses der Frau Bornhausen gemietet hatte. Ein Photo, das bei einer solchen Gelegenheit aufgenommen wurde, fand sich in Mikis Nachlaß und ist diesem Band beigegeben (vgl. Abbildung Nr. 7). Außer diesen Seminaren suchte Miki jede Woche Karl Mannheim in dessen Haus auf und debattierte dort mit zwei, drei deutschen Studenten über die von Max Scheler und Ernst Cassirer angestrebte Richtung der Philosophie. Das größte und letzte Problem der Philosophie des deutschen Idealismus, das die formale Logik lösen wollte, sowie die Art und Weise dieses Lösungsversuches konnten uns nicht befriedigen, weshalb wir zu jener Zeit der Haltung von Troeltsch, der sich in seinem Hauptwerk "Der Historismus und seine Überwindung" von einem Standpunkt der Inhaltslogik dem Problem einer materialistischen Geschichtsauffassung näherte, großes Interesse entgegenbrachten.
Zu jener Zeit hatte Miki durch Vermittlung Herrigels und Rickerts bei der Frankfurter Zeitung das Manuskript "Rickerts Bedeutung für die japanische Philosophie" eingereicht, das am 27. Mai 1923 (Sonntag) veröffentlicht wurde.
Im Herbst jenes Jahres verließ Miki Heidelberg und ging nach Marburg."
(12)

Erst relativ spät, im Wintersemester 1923/24, kam der von Gusty Herrigel erwähnte Amano Teiyû nach Heidelberg. Zu diesem Zeitpunkt muß bereits die Entscheidung, daß Herrigel nach Sendai gehen wird, gefallen sein, dennoch brachte Amano die besten Voraussetzungen für eine philosophische Freundschaft mit. Amano (1884-1980, vgl. Abbildung Nr. 8), der ab 1910 an der kaiserlichen Universität Kyôto studiert hatte, war wie Miki ein Schüler Nishida Kitarôs, wurde zunächst Professor an der Oberschule in Kagoshima und hatte von 1919 bis 1926 eine Professur an der Gakushuin Universität in Tôkyô inne, bevor er an die Universität Kyôto wechselte, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1944 lehrte. Amano wurde später Unterrichtsminister (1950-52) und Präsident der Dokkyô Universität. Kurz bevor er nach Deutschland ging, hatte er den ersten Band von Kants "Kritik der reinen Vernunft" ins Japanische übersetzt, der 1921 im Verlag Iwanami erschienen war; der zweite Band wurde erst nach Herrigels Rückkehr aus Japan abgeschlossen und erschien 1930. Obwohl sich seitdem verschiedene andere Übersetzer an Kants Hauptwerk versuchten, gilt Amanos Übersetzung den japanischen Kant-Forschern auch heute noch wegen ihrer Exaktheit als wichtigstes Hilfsmittel zur Erschließung des Originals. Aus seinen Angaben ist zwar zu entnehmen, daß Amano in seiner Heidelberger Zeit eher Umgang mit August Faust (der von seinem Charakter her auch andere japanische Stipendiaten sehr ansprach) pflegte, doch boten sich auch zu Herrigel erste persönliche Kontakte, die später in Japan zu gemeinsamen Kant-Studien führten. Zudem hörte Amano bei Herrigel nur im Wintersemester 1923/24; im Sommersemester 1924, als Amano noch in Heidelberg studierte, war Herrigel bereits in Sendai.

Vierzehn Jahre nach seinem Deutschland-Aufenthalt faßte Amano für eine Zeitschrift seine Erinnerungen an Heidelberg zusammen:

"Ich blieb von 1923 bis 1924 in Heidelberg. Die damalige enge, gegenseitig einander fördernde wissenschaftliche Freundesbeziehung Rickerts und der Leute in seiner Umgebung empfand ich wahrlich als schön. 1924 wurde zwar Herrigel an die kaiserliche Tôhoku Universität nach Japan berufen, doch Glockner und Faust wohnten gemeinsam mit Rickert in einem Haus und auch Hoffmann wohnte ganz in der Nähe, so daß er nicht nur zu jeder Tageszeit herüberkommen konnte, sondern mit den anderen auch gemeinsame Studien zur antiken Literatur durchführte. Diese Studien waren, wie mir Faust desöfteren erzählte, wirklich lehrreich. [...]
Professor Hoffmann war ein überaus direkter Mensch. Als ich einmal sagte, ich hätte Homer noch nicht gelesen, meinte er, das gehe so nicht. Auf dem Nachhauseweg solle ich mir eine deutsche Übersetzung kaufen und gleich heute abend mit der Lektüre beginnen. Bei Reclam müsse es doch noch die meisterhafte Übersetzung von Voss zu haben sein. Trotzdem fühlte ich mich keineswegs beschämt. Zuweilen liebte er auch Scherze. Einmal war ich mit Herrigel zusammen bei ihm zum Essen eingeladen. Als Herrigel sagte, er wolle Hoffmann nicht benutztes Schreibmaschinenpapier überlassen, weil er es in Japan nicht brauche, meinte Hoffmann scherzend, Papier mit nach Japan zu bringen sei wie mit einer Schönheit nach Paris zu fahren. Er hatte sich wohl vorgestellt, daß in einem Land wie Japan, wo in einer im Westen kaum vorstellbaren Weise mit Schiebetüren Wände und Türen aus Papier entstehen, Papier im Überfluß vorhanden sei.
Eines Tages ging ich in Begleitung von Herrigel zum Grab von Windelband. Es war das erste Mal, daß ich einen westlichen Friedhof betrat und ich war erstaunt über die allzu großen Unterschiede zu japanischen Begräbnisstätten. Das mag auf den Unterschieden der weltanschaulichen Grundstimmungen von Christentum und Buddhismus beruhen. Vor allem empfand ich die außerordentliche Pracht der Gräber als ungewöhnlich. Etwa Kuno Fischers Grab war wirklich weitläufig. Den Grabstein Max Webers hatte Rickerts ältester Sohn (ein Bildhauer) entworfen; auch dieses Grab war ziemlich prächtig. Wir beide gingen umher, hier und dort auf den grandiosen Grabsteinen die Namen berühmter Leute entdeckend, um nach dem Grab Windelbands zu suchen. Doch jenes war selbst für Herrigel, der es bereits kannte, nicht einfach wiederzufinden, weshalb wir schließlich den Friedhofswärter fragten und endlich zu dem Grab fanden. Das Grab war so sehr schlicht, daß man nur staunen konnte, wie es das Grab eines Philosophen sein könne, der so viel geleistet hatte. Auf dem kleinen, quer liegende Grabstein gab es keinerlei Verzierungen, es war darauf nur verzeichnet:
Wilhelm Windelband
1848-1915
Ringsum gab es ebenfalls keinerlei Beiwerk, nur hinter dem Stein wuchs eine kleine Hecke. Unter den zahlreichen prächtigen Gräbern war das ein großer Kontrast. Ich wurde von der Schönheit der Schlichtheit dieses Grabes ergriffen."
(13)
Amano verdanken wir auch eine Beschreibung von Herrigel als akademischer Lehrer, der ein fesselnder Rhetor gewesen sein muß:
"Hinsichtlich der Lebendigkeit des Vorlesungsstils bewunderte ich am meisten den Privatdozenten Herrigel (gegenwärtig Professor an der Universität Erlangen). Mit dem Reichtum des Inhalts und der Geschliffenheit des Ausdrucks einhergehend verstand er zudem, die Herzen seiner Zuhörer völlig zu fesseln und sie nach Belieben zu steuern. Wir hatten in seiner Vorlesung immer das Gefühl, tatsächlich mit Fichte zusammen «Die Erfahrung am Tatort zu ergreifen» oder zusammen mit Platon in der intelligiblen Welt zu versinken.
Es war im Wintersemester 1923/24. Herrigel hatte in seiner Einführung in die Philosophie Platon als ein Beispiel des Objektivismus angeführt und dessen Ideenlehre besprochen, doch als er allmählich zum Ende kam, kamen ihm die Winterferien dazwischen. In der letzten Unterrichtsstunde bat ihn eine Gruppe Studenten, noch eine Vorlesungsstunde anzusetzen. Darauf antwortete ihnen Herrigel, daß nach den Vorschriften der Universität ab nächste Woche allgemein Ferien wären und es auch keine Heizung mehr gebe. Darauf erwiderten die Studenten, das würde sie nicht weiter stören, wenn er ihnen nur die Ideenlehre weiter erläutere. Darauf trampelten alle Studentinnen und Studenten im Hörsaal mit den Füßen, ihre Zustimmung zum Ausdruck bringend. Als Folge davon berauschten sich am Jahresende, wo draußen über die wirtschaftliche Schuttlandschaft der eisige Wind strich, die aus Armut oft zum Fasten gezwungenen Studenten an der Ideenlehre des Dozenten, dessen bläulich-weißes Antlitz tiefe Stirnfalten furchten, und auch ich vergaß zusammen mit den anderen völlig die Fesseln der Sinnenwelt."
(14)

Außer Amano hörten bei Herrigel unter anderem Baron Kuki Shûzô (1888-1941, vgl. Abbildung Nr. 8), der von 1921 bis 1929 zum Studienaufenthalt in Europa (vor allem in Paris, wo er bei Bergson hörte) weilte. Kuki war vom Oktober 1922 bis September 1923 in Heidelberg, hörte, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht, Vorlesungen vor allem bei Rickert (9 Hefte Notizen), aber auch bei Faust (5 Hefte Notizen) und Herrigel (1 Notizheft)(15). Obwohl sich in Kukis Besitz auch ein Exemplar von Herrigels Habilitationsschrift ("Urstoff und Urform") fand, scheint zwischen beiden kein besonders enger Kontakt bestanden zu haben, denn in späteren Reminiszenzen an die Heidelberger Zeit fällt bei Kuki nur Rickerts Name. Vor allem kam Kuki erst wieder nach Japan zurück, als sich Herrigel anschickte, nach Deutschland heimzukehren, so daß auch während Herrigels Japanaufenthalt keine Kontakte möglich waren. Im Wintersemester 1922/23 weilte auch Kukis Studienfreund Abe Jirô in Heidelberg, der sich aber außer für die Vorlesung Gundolfs für keine der universitären Veranstaltungen interessierte. Abe hat sich in Japan als Goethe-Forscher und Schriftsteller einen Namen gemacht, lehrte Ästhetik an der kaiserlichen Tôhoku Universität in Sendai und war damit Kollege Herrigels, seine eigene Orientierung an der Marburger Schule (insbesondere an der Kunstphilosophie Hermann Cohens) dürfte aber kaum auf Gegenliebe gestoßen sein, da Herrigel ein entschiedener Gegner der Marburger war.

In dieser Weise hatte Herrigel in den Jahren zwischen 1921 und 1924 bereits in Heidelberg persönliche Beziehungen zu japanischen Wissenschaftlern, meist Philosophen, aufgebaut, die ihm später in Japan nützlich wurden. Vor allem war das Spektrum an Akademikern weiter, als es ihm in der japanischen Akademikerwelt zugänglich gewesen wäre, denn im Ausland war die starke Cliquenbildung ("gakubatsu"), die das akademische Leben in Japan seit den Anfängen prägte, weitgehend aufgehoben. Obgleich auch schon damals die größte Zahl japanischer Stipendiaten von der kaiserlichen Universität Tôkyô, der Eliteschmiede des Landes, stammten (von den genannten Wissenschaftlern etwa Ôuchi, Hani, Ishihara, Kuki, Abe, Ôhazama), fanden sich in dem Kreis auch Stipendiaten von der kaiserlichen Universität Kyôto (Amano, Miki) oder von privaten Universitäten (wie Kita), die während ihres Auslandsaufenthaltes untereinander Beziehungen knüpften, wie es im Lande selbst kaum möglich gewesen wäre. Später erwiesen sich diese Beziehungen als tragfähige Netzwerke, die etwa für gegenseitige Hilfestellungen bei der Stellenbeschaffung wie auch für die Bereitstellung von Publikationsmöglichkeiten genutzt wurden.

B. Herrigel an der Kaiserlichen Tôhoku Universität in Sendai

Die kaiserliche Tôhoku Universität in Sendai war unter den neugegründeten staatlichen Universitäten der Meiji-Zeit eine relativ späte Gründung. Im Jahre Meiji 40, 1907, initiiert, entstand sie zunächst als eine nur auf naturwissenschaftlich-technische Fächer ausgerichtete Rumpfuniversität, die aus drei Fakultäten bestand, eine naturwissenschaftliche, eine für Ingenieurswissenschaften und eine medizinische. Philosophie wurde nur innerhalb des Rahmens eines Studium generale angeboten, die Lehrkörper gehörten zur naturwissenschaftlichen Fakultät. Die Ausrichtung der Universität spiegelte sich auch in den Lehrinhalten wider: Tanabe Hajime (1885-1962), der als einer der ersten in Sendai von 1913 bis 1919 unterrichtete, publizierte während dieser Zeit fast ausschließlich zur Wissenschaftstheorie ("Die neueren Naturwissenschaften", 1915 et al.). Nachdem Tanabe von Nishida nach Kyôto geholt worden war und sich dort dem Studium Kants und Hegels zuwandte, übernahmen in seiner Nachfolge zunächst Koyama Tomoe (ab Juli 1920) und Takahashi Satomi (ab März 1921) den Philosophieunterricht, beide waren aber eigentlich für das Fach Philosophie vorgesehen, das mit der Neugründung einer juristisch-philosophischen Doppelfakultät eingerichtet werden sollte. Eigentlicher Nachfolger Tanabes bei den Naturwissenschaftlern wurde daher der Nishida-Schüler Miyake Gôichi (1895-1982), der von Mai 1924 bis zum September 1943 an der naturwissenschaftlichen Fakultät lehrte, ehe er als Nachfolger für den bald zu emeritierenden Koyama Tomoe an die juristisch-philosophische Fakultät wechselte. Miyake beschäftigte sich während dieser Zeit hauptsächlich mit Wissenschaftstheorie und -geschichte, als repräsentative Werke dieser Epoche gelten sein "Die Entwicklung der Wissenschaft und die natürliche Welt", 1940, und die "Geistesgeschichte der Philosophie der Mathematik" 1947. Miyake trat nach Herrigels Rückkehr im Januar 1930 für zwei Jahre einen Studienaufenthalt in Deutschland an, wo er bei Husserl und Heidegger studierte. Mit seinem Wechsel zur juristisch-philosophischen Fakultät setzte er nicht nur in seiner Lehre, sondern auch in seinen Publikationen den Schwerpunkt auf Phänomenologie und Existenzialismus, veröffentlichte 1950 "Heideggers Philosophie", bevor er 1955 an die Universität Kyôto berufen wurde.

Die erwähnte Neugründung der juristisch-philosophischen Doppelfakultät und damit die Einrichtung des Fachs Philosophie als eines Studienschwerpunktes begann 1922 und erstreckte sich bis 1924. Zunächst wurde für das Fach Philosophie im August 1922 nur ein Kurs (entspricht in etwa unseren Lehrstühlen) eingerichtet, ab Juli 1924 noch zwei weitere. Die auserkorenen Amtsinhaber, die entweder in der naturwissenschaftlichen Fakultät auf ihre eigentliche Aufgabe harrten (wie Koyama und Takahashi), oder von außen gerufen worden waren (wie Ishihara Ken), wurden der Reihe nach ins Ausland geschickt, um sich für ihre neue Beschäftigung vorzubereiten. So wurde Koyama gleich nach seiner Berufung ab Februar 1921 für zwei Jahre zum Studium nach Deutschland und Frankreich entsandt. Ishihara Ken wurde nach dem Erwerb des Doktortitels mit einer Arbeit über die "Griechische Philosophie bei Clemens von Alexandria" an der Universität Tôkyô (1921) direkt nach Deutschland und in die Schweiz geschickt, bevor er nach seiner Rückkehr den zweiten Kurs übernahm, nur Takahashi mußte mit dem Antritt seines Auslandsstudiums (vom Oktober 1925 bis Februar 1928 in Heidelberg, Freiburg und Paris) warten, bis seine Kollegen aus dem Ausland zurückgekehrt waren.

Philosophie wurde in drei Kursen unterrichtet, wobei der erste Kurs die Geschichte der westlichen Philosophie der Neuzeit zum Gegenstand hatte und von Koyama Tomoe vertreten wurde, der zweite die Geschichte der antiken und mittelalterlichen westlichen Philosophie, vertreten durch Ishihara Ken, und der dritte der Einführung in die Philosophie (systematische Philosophie) gewidmet war, vertreten durch Takahashi Satomi.

Koyama Tomoe, der nach seiner Rückkehr für das Studienjahr 1923/24 als erster den neugegründeten Kurs zur Philosophie der Neuzeit übernahm, lehrte insbesondere über die Philosophie des deutschen Idealismus, über Neukantianismus und Neuhegelianismus, veröffentlichte Bücher über Kant und Hegel (beide 1928) und entwickelte eine an Hegel angelehnte "Dialektik des Selbstbewußtseins" (Veröffentlichungen u.a. "Kritik und System" und "Dialektik des Selbstbewußtseins", beide 1931, "Dialektik", "Neuhegelianismus", beide 1933, "Selbstbewußtsein und Gewißheit", "Über die Idee des Menschen" beide 1934). Er wurde erst nach seiner Emeritierung im März 1946 von Miyake Gôichi abgelöst.

Ishihara Ken (1882-1976) hatte zunächst an der Universität Tôkyô unter dem Deutschrussen Raphael von Koeber Patristik studiert und kam nach seinem Studium in Heidelberg und Basel Ende 1923 zurück nach Japan, wo er ab Juli 1924 den neueingerichteten Kurs für antike und mittelalterliche Philosophie übernahm. Unmittelbar nach seiner Rückkehr publizierte er erst über die griechische Philosophie ("Bios theoretikos", "Platons Dialog «Menon»", "Das philosophische Denken der Griechen", alle 1925), wandte sich dann der christlichen Philosophie zu (Studien zu Augustinus und zum Alten und Neuen Testament), und widmete sich mit Herrigel zusammen den Eckhart-Studien, die anknüpfend an Rickerts Eckhart-Seminar, an dem Ishihara teilgenommen hatte, zu zahlreichen Publikationen führten (u.a. "Über die Textüberlieferung von Eckharts Werken", Februar 1927, "Vergangenheit und Gegenwart der Eckhart- Forschung (1/2)", März/ April 1928). Die Beschäftigung mit der deutschen Mystik führte ihn dann später zum Studium der Reformationsgeschichte und zu Luther-Studien, mit denen er der japanischen Forschung ein völlig neues Feld erschloß. Sein Nachfolger wurde Kubo Tsutomu, der wie Ishihara bei von Koeber an der Universität Tôkyô Philosophie und klassische Philologie studiert hatte. Kubo hatte nach von Koebers Tod dessen Schriften ins Japanische übertragen (1919, 1923 und 1924 in drei Bänden im Iwanami-Verlag erschienen) und war vom Mai 1925 an für dreieinhalb Jahre in Deutschland, wo er in Frankfurt, München, Berlin und Heidelberg studierte. Nach seiner Rückkehr wurde er im April 1929 zum applizierten Professor an den zweiten Kurs berufen und lehrte dort klassische Philologie und antike Philosophie. Er machte sich als Platon-Übersetzer einen Namen und veröffentlichte bis zu seiner Emeritierung im März 1944 mehrere Bücher über Platon.

Takahashi Satomi (1886-1964) wechselte 1924 von der naturwissenschaftlichen Fakultät zum neueingerichteten Kurs zur Einführung in die Philosophie über. Takahashi hatte ebenfalls an der Universität Tôkyô zunächst Leibniz studiert und beschäftigte sich dann mit Kant, Bergson und Cohen. Er erregte schon früh Aufsehen, als er 1912 eine kritische Würdigung der im Vorjahr erschienenen "Studie über das Gute" Nishida Kitarôs veröffentlichte, auf die hin Nishida öffentlich Stellung bezog ("Antwort auf die von dem Magister Takahashi gegenüber meiner «Studie über das Gute» geäußerten Kritik"). Takahashi griff auch später, als in den 30er Jahren sich die Philosophie der Kyôto-Schule aus der Debatte zwischen Nishida und Tanabe entfaltete, in diese ein und stellte deren beiden konträren Logik-Ansätzen seine "Dialektik des Umschließens" entgegen. In Deutschland studierte Takahashi im WS 1925/26 und im SS '26 in Heidelberg bei Rickert und Jaspers, wobei er - wie früher die japanischen Stipendiaten um Ôhazama - Privatstunden von Glockner (Hegels "Große Logik") und Faust (Fichtes "Begriff der Wissenschaftslehre") erhielt, an denen auch andere Stipendiaten, darunter seit SS '26 auch Nishidas Schüler Mutai Risaku, teilnahmen. Mit Mutai zusammen ging er ab WS '26/27 für zwei Semester nach Freiburg, um bei Husserl zu studieren, und verbrachte das letzte Semester vor seiner Rückkehr mit Mutai in Paris. Als Ertrag seiner Auslandsstudien veröffentlichte er 1931 das Buch "Husserls Phänomenologie" und entwickelte in Auseinandersetzung mit Hegel und Heidegger seine eigene Philosophie fort. Nach seiner Emeritierung im März 1948 war er noch mehrere Jahre als Rektor der Tôhoku-Universität tätig. Als Nachfolger Takahashis war Suzuki Kensaburô vorgesehen, welcher als Assistent noch unter Herrigel Griechisch gelernt hatte. Suzuki wurde im Juli 1930 zum Dozenten ernannt und beschäftigte sich ausschließlich mit Hegel, dessen "Geschichtsphilosophie" (1932) und "Große Logik" (Bd. 1: 1932, Bd. 2: 1935) er für die im Iwanami-Verlag erscheinende Werkausgabe übersetzte, letztere (Bd. 3) aber wegen seines frühen Krankheitstodes (Januar 1942) nicht vollenden konnte. (Als Nachfolger wechselte Miyake von den Naturwissenschaftlern über.)

Außer diesen "Fach"-Philosophen lehrten zu Herrigels Zeit an der gleichen Fakultät als Ästhetiker Abe Jirô, der, wie oben bereits erwähnt, in Heidelberg studiert hatte, ohne philosophisch der badischen Schule zugeneigt zu sein, sowie als Romanistik-Professor Kôno Yôichi, der seit März 1928 auch Altphilologie und französische Philosophie unterrichtete und sich einen Namen als Bergson-Übersetzer machte. Als Nachfolger Kubos wechselte Kôno im Juli 1942 zum Kurs für antike und mittelalterliche Philosophie über, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1950 blieb. Als Schüler Herrigels, der dessen "Gelten, Wert, Sollen, Norm" ins Japanische übersetzte (erschienen im Februar 1928), lehrte der Husserl-Spezialist Hosoya Tsuneo (1904-1970) Pädagogik, wurde aber nach der Wegberufung Miyakes ab April 1955 für die Einleitung in die Philosophie zuständig.

Als Herrigel im Mai 1924 in Sendai ankam, hatte das Fach Philosophie also erstmals vollständig Gestalt angenommen. Herrigel wurde dem ersten Kurs (Philosophie der Neuzeit) zugeordnet, obgleich seine Hauptaufgabe darin bestand, Griechisch und Latein zu unterrichten. Jedoch hielt er auch je eine Stunde Vorlesung und eine Lektüre; letztere hat nur entfernt Ähnlichkeit mit dem, was wir unter Seminaren verstehen. Herrigel war damals keineswegs der einzige ausländische Dozent an der Fakultät; neben ihm lehrten der Franzose Claude Jacques (Französisch) und der Engländer Ralph Hodgson (englische Literatur). Wie den Mitarbeiterverzeichnissen der Jahresüberblicke der Universität für diese Jahre zu entnehmen ist, war Herrigel die ersten drei Studienjahre - wie auch die anderen ausländischen Lektoren - als Dozent (kôshi) eingestuft, die letzten zwei Studienjahre jedoch als ordentlicher Professor (kyôju). Die Gründe für diese Heraufstufung lassen sich aus den Unterlagen des Universitätsarchivs heute nicht mehr nachvollziehen, sie mag aber mit dem Erscheinen von Herrigels Habilitationsschrift im Vorjahr (1926) im Zusammenhang stehen. (Auch Ralph Hodgson erhielt, ein Jahr später als Herrigel, die gleiche "Beförderung".)

Über die erste Zeit in Sendai hat Ishihara, dem als Bekannter Herrigels von der Fakultät der Auftrag erteilt worden war, jenen im Hafen von Kobe in Empfang zu nehmen und nach Sendai zu bringen, Bericht erstattet. Obwohl die Verbindung beider in Heidelberg wegen anderweitiger Interessen wenig tief war, führte die Betreuerfunktion, die Ishihara in Sendai ausfüllte, zu einem intensiven, sowohl beruflichen wie auch privaten Umgang:

"Was ich persönlich nicht vergessen kann, ist der Umgang mit Dr. Eugen Herrigel. Daß Dr. Herrigel noch vor mir in Sendai sein Amt übernahm, habe ich schon erwähnt, doch nach fünf Jahren im Amt wurde er im Frühjahr 1929 von der Universität Erlangen als ordentlicher Professor berufen, brach am 12. Juli des gleichen Jahres in Sendai auf, bestieg am 17. Juli in Kobe das Schiff und kehrte nach Deutschland zurück. Ich hatte etwas später, im Juni 1924, in Sendai meine Stelle angetreten, doch kurz danach erkrankte Frau Herrigel schwer und verstarb am 9. Juli. Herrigels Trauer verschlug ihm die Sprache, er verfiel in völlige Schlaflosigkeit, so daß auch seine Gesundheit in Leidenschaft gezogen werden drohte, doch wir wußten nicht, wie wir ihn trösten sollten. Von September an, als das Herbstsemester begann, schien er einigermaßen wieder zu Kräften zu kommen, doch um ihn die Zeit zu vertreiben, nahm ich ihn oft zu Spaziergängen in den nahegelegenen Bergwäldern mit oder veranstaltete mit ihm, der sich gut auf die Photographiertechnik verstand und eine eigene Dunkelkammer eingerichtet hatte, Wettbewerbe im Filmeentwickeln.
Vom Herbst jenes Jahres an hatten wir die Einrichtung eines Lesekreises geplant, doch weil Herrigel sich von seiner süddeutschen Herkunft her mit dem alten Hochdeutschen sprachlich verwandt fühlte und überdies bei den Deutschen ein mystischer Zug augenfällig ist, schlug ich vor, Meister Eckhart im Original zu lesen. Zunächst begann ich, bei ihm die Besonderheiten des Mittelhochdeutschen, angefangen von den grammatikalischen, zu erlernen, danach lasen wir jede Woche einmal aus der von Pfeiffer edierten Sammlung der Predigten Eckharts. Ich hatte früher die Auswahlübersetzung Büttners gelesen, doch erkannte nun, daß der besondere altertümlich-elegante Klang des Mittelhochdeutschen und damit einhergehend die Innerlichkeit der Gedanken erst in der Ursprache wirklich erfahren werden können, und gewann auf diese Weise ein neues Interesse und ein Verständnis für den Sinn der Eckhart-Forschung. Außerdem hallte tatsächlich in den Erläuterungen Herrigels sein tiefes Nachempfinden und seine Sympathie gegenüber diesem mystischen Denker nach. Selbstverständlich habe ich aus dieser Lektüre sehr viel gelernt, und mit dem Erwachen des Interesses wählte ich die deutsche Mystik als Vorlesungsthema für den universitären Unterricht(16) und schrieb Abhandlungen darüber. Und ich erweiterte allmählich meine Studien, kam von der Frauenmystik des 12. Jahrhundert zu den mystischen Bewegungen des 14. und 15. Jahrhundert, suchte unter Heranziehen der Vorlesungen und Schriften Professor Schuberts, bei dem ich in Heidelberg studiert hatte, die innere Gefühlsbewegung der deutschen Geistesgeschichte zu erfassen, sammelte überdies die von Wackernagel und Schönbach herausgegebenen "Altdeutschen Predigten" und andere Texte und suchte insbesondere für Eckhart nach verschiedenen neuen Studien zu sprachlichen sowie gedanklichen Aspekten wie auch nach neuen Textausgaben seines Werkes und drang nach und nach in spezielle Gebiete vor."
(17)

Über Herrigels pädagogische Aktivitäten und Qualitäten hat einer seiner Schüler, Inatomi Eijirô, ausführlich berichtet, als er kurz nach Herrigels Tod zusammen mit seinem Studienkollegen Ueda Takeshi die japanische Übersetzung von Herrigels "Zen in der Kunst des Bogenschießens" vorlegte. Inatomi (1897-1975) gehörte zu den erfolgreichsten Schülern Herrigels, der bei ihm Griechisch und Philosophie studiert hatte, im März 1929 die Universität absolvierte, danach an der ersten Mittelschule in Kobe Lehrer wurde, 1931 eine Stelle als Dozent an der Universität Hiroshima fand und dort 1941 Professor wurde. Von 1951 bis 1971 war er Professor an der katholischen Sophia-Universität in Tôkyô, deren Rektor er in späteren Jahren wurde. Seine bei Herrigel erworbenen Kenntnisse nutzend, publizierte er in frühen Jahren vor allem über den Platonismus (u.a. "Über die zwei Arten von Nichts bei Plotinos", Juli 1931, "Die Kontemplation des Einen bei Plotinos", Dezember 1936, "Sokratische Ironie", Oktober 1938). Inatomis Bericht hat nachhaltig die Erinnerungen der Japaner an Herrigel geprägt; neuere Darstellungen beruhen zumeist auf ihn. In ihm tritt uns - vom Berichterstatter wohl nicht so empfunden, daher nicht intendiert - ein durchaus zwiespältiges Bild von Herrigels Persönlichkeit entgegen, einerseits der begabte Pädagoge, andererseits der scharfzüngige Zyniker, dessen an Hybris grenzendes Selbstvertrauen menschenverachtende Züge trägt:

"Herrigel war von 1924 bis 1929 über fünf Jahre lang an der kaiserlichen Universität Tôhoku zuständig für Vorlesungen zur Philosophie und klassischen Philologie. Ueda Takeshi und ich waren zwei Freunde des gleichen Studienjahres, die an jeder Unterrichtsstunde Herrigels fast ohne Absenzen teilnahmen, weshalb es zahlreiche Erinnerungen an die Persönlichkeit Herrigels gibt, doch vor allem beeindruckte uns das heftige Selbstvertrauen und der Eifer Herrigels gegenüber der Wissenschaft.
Die Vorlesungen in der Philosophie behandelten hauptsächlich den Neukantianismus, vor allem das Problem der Wertphilosophie der Heidelberger Schule, und auch in den Seminaren wurden hauptsächlich die Werke von Lotze und Lask benutzt. Soweit es die Philosophie der Heidelberger Schule betraf, war Herrigel stets von großem Selbstvertrauen erfüllt, und öfters während seiner Vorlesungen malte er die Heidelberger Schultradition wie folgt an die Tafel: Kant - Lotze - Windelband - Rickert - Lask und fügte immer nach Lask ein Fragezeichen an (- ?). Mit diesem Fragezeichen deutete er ohne Worte an, daß niemand anderes als er, Herrigel, als Vertreter dieses Erbe in Frage komme. Vor allem besaß Herrigel als Lieblingsschüler Lasks und als Herausgeber von dessen Werken hinsichtlich Lask das schier unerschütterliche Selbstvertrauen, daß er als einziger auf der Welt etwas davon verstünde.
Das Selbstvertrauen als Vetreter der Heidelberger Schule brachte auf der anderen Seite eine klare Ablehnung der Marburger Schule mit sich. Wenn wir dies und das zu Natorp oder Cohen fragten, stieß er das mit einem schier ausgespieenen «Cohen liegt völlig falsch» oder «Natorps Platon-Abhandlung ist eine perfekte Fehlleistung» beiseite. Und selbstverständlich kam ein solches Selbstvertrauen insgesamt aus seiner tiefgründigen Bewandertheit in der Philosophie Kants. Herrigel sprach oft: «Ich habe Kants erste Kritik fünfzehnmal gelesen». Und er meinte, von denen, die heute über Kant sprächen, verstünde fast niemand den wahren Geist Kants. Deshalb wolle er ein Buch mit dem Titel «Der unbekannte Kant»; schreiben.
Darüber gibt es eine Anekdote. Der heute so beliebte Karl Jaspers war in Heidelberg Studienkollege Herrigels gewesen. Ich habe davon nur indirekt gehört, aber einmal sollen Herrigel und Jaspers gemeinsam auf einer Vortragsveranstaltung gewesen sein. Zunächst stand Jaspers auf, um einen Vortrag zu halten, danach stand Herrigel auf und fragte: «Hat der Herr Vortragende denn Kants erste Kritik gelesen?», worauf Jaspers beleidigt war und bemerkte: «Ich bin nicht verpflichtet, eine derart unhöfliche Frage zu beantworten». Darauf erwiderte Herrigel: «Wer, obwohl er die erste Kritik gelesen hätte, einen derart kindischen Vortrag hielte, hätte keine Qualifikation für einen Vortragenden». Seit diesem Vorfall soll Herrigel immer bei der Bitte um einen Vortrag zur Bedingung gestellt haben, daß Jaspers nicht teilnehme.
Wer am Ende eines Studienjahres Seminarscheine bei Herrigel erwerben wollte, mußte einen einfachen Aufsatz einreichen. Damals war es üblich, daß sowohl Professoren wie auch Studenten nicht allzu viel Energien für diese einfachen Aufsätze verschwendeten. Doch wenn wir mit unserem unzulänglichen Deutsch zusammengestöpselte Aufsätze bei Herrigel einreichten, las er sie sogleich sorgfältig, ohne auch nur ein Wort auszulassen, fügte eine ausführliche Würdigung hinzu und gab sie zurück. Vor allem als ich einmal einen Aufsatz über Lasks Kategorienlehre, vermischt mit einigen kritischen Anmerkungen, einreichte, kam zwei Tage später eine Eilpost von Herrigel. Als ich erstaunt, was denn das nur sei, das Paket öffnete, war darin der vor zwei Tagen eingereichte Aufsatz. Jedes Wort war genau gelesen worden, zahlreiche Unterstreichungen und Randbemerkungen wie Ja! und Nein! füllten das Blatt. Und vor allem war zum Schluß eine Würdigung hinzugefügt worden, länger als mein eigener Aufsatz, eng mit Schreibmaschine getippt. Auf dem ersten Blick fiel mir vor Schreck das Herz in die Hose. Als ich überstürzt den Inhalt las, hieß es dort, es sei durchwegs der orthodoxe Standpunkt des Neukantianismus klar erfaßt, es gebe keine Verzerrungen, und wo ich davon mehr oder weniger abwich und etwas Eigenwilliges geschrieben hatte, wurde das mit dem bedeutungsschweren Wort selbständiges Denken beiseitegeräumt. Bis zum heutigen Tage habe ich keine vergleichbare Erfahrung gemacht, die mich wie die damalige tief berührte und mich viel über die Wissenschaft gelehrt hat.
Außer seiner Bewandertheit mit Kant verfügte Herrigel über ein tiefes Verständnis der antiken Literatur. Ueda Takeshi und ich nahmen regelmäßig an den Griechisch- und Lateinvorlesungen Herrigels teil. Im Griechischen lasen wir im Anschluß an die Grammatik für Anfänger Platons "Phaidon" und "Symposion". Im Lateinunterricht lasen wir Spinozas "Ethica" und Ciceros "De officiis". Was mir heute noch besonders im Gedächtnis bleibt, sind die Griechischstunden für Fortgeschrittene.
Zur damaligen Zeit war es in allen Universitäten so, daß in den Griechisch-Anfängerklassen zunächst die Hörer sehr zahlreich waren, wobei das Interesse am Exotischen nachhalf. Doch von Stunde zur Stunde wurden die Hörer weniger, und zum Schluß blieben fünf, sechs Leute übrig. Doch in der Fortgeschrittenenklasse waren es von Anbeginn an nur fünf, sechs Leute, und zu meiner Zeit waren damals nur drei Leute, der verstorbene Assistent Suzuki Kensaburô, Ueda Takeshi und ich, die wirklich daran interessiert waren.
Zudem fanden die Griechischstunden für Fortgeschrittene, von der Universität nur stiefkindlich behandelt, stets in der letzten Stunde von vier bis halb sechs Uhr statt. Im Sommer störte das nicht weiter, doch im Winter ist es in Sendai schon um fünf Uhr stockdunkel. Und wenn dann noch der Schnee fiel, hatte man das Gefühl, es wäre Mitternacht. Überdies war die Dampfheizung schwach, und in dem ärmlichen Holzgebäude fast ohne Heizung, in dem die Klassenzimmer untergebracht waren, pfiff der Wind durch die Ritzen. Unter diesen üblen Bedingungen, die für einen Ausländer wohl unerträglich waren, setzte Herrigel für uns drei Hörer mit großem Eifer seine Vorlesungen fort. Wenn man in Schneenächten, in einer Kälte, die einem ins Mark drang, das Profil Herrigels, das von einer bläulich-weißen Glühbirne erstrahlt wurde, sah, erinnerte es einen an einen Zen-Mönch.
Und wenn dann manchmal eine schwierige Flexionsform eines Wortes auftrat, fragte er uns: «Was ist das für eine Form?» und blickte uns unbewegt an. Wir antworteten dann mit «Aorist passivi» oder «Plusquamperfekt», doch wenn das falsch war, hieß es in barschem Ton «Nein!» und er blickte uns nach wie vor unbewegt an. Darauf ein bedrückendes, kaum auszuhaltendes Schweigen. Wenn wir dann nach mehreren Versuchen die richtige Antwort fanden, hieß es «Ja!» und die Vorlesung wurde fortgesetzt. Das geschah stets mit bloß drei Studenten als Gegenüber. Des öfteren fehlte einer, so daß nur zwei Studenten hörten. Ja, einmal fehlten sowohl Suzuki wie auch Ueda und ich war der einzige. Mir bleibt noch in Erinnerung, daß Herrigel darauf fragte: «Sie allein?», und nur für diesen Tag den Unterricht ausfallen ließ.
Mit Fortschreiten der Vorlesung begleiteten Ueda und ich Herrigel auf seinem Weg aus dem verlassenen Universitätsgelände durch die schneefrostige nächtliche Stadt mit knarrenden harten Gummistiefeln bis zu seiner Dienstwohnung in Katadairachô. Unterwegs war das Gesprächsthema immer nur auf Wissenschaftliches beschränkt, und Herrigel debattierte im Schneefall leidenschaftlich, stets mit den Händen groß ausholend und den Körper in Bewegung. Und auch vor der Dienstwohnung angelangt war das Thema noch nicht erschöpft, weshalb wir für eine Weile davor einhielten und die Debatte weiterführten, bis die Unterhaltung endlich zum Schluß gekommen war, er sich mit einem «Auf Wiedersehen» verabschiedete und den Weg hinab zu seiner Dienstwohnung ging. Die Silhouette Herrigels, wie sie in dunkler Schneenacht von der Laterne an der Dienstwohnung schwach erleuchtet wurde, bleibt mir immer noch unlösbar vor Augen.
Wenn über die Altphilologie die Rede ist, muß auch ein Wort zur Bewandertheit Herrigels in den Fremdsprachen gesagt werden. Es ist zwar selbstverständlich, daß die Ausländer uns in der Begabung für Fremdsprachen weit überlegen sind, doch mir scheint, daß Herrigel selbst für einen Ausländer besonders begabt für Fremdsprachen war. Angefangen vom Griechischen, Lateinischen und Hebräischen bis hin zu den verschiedenen modernen Sprachen Europas vermochte er alles frei zu lesen. Tatsächlich ist mir in Erinnerung, wie er einmal sagte: «Ich vermag nahezu jede europäische Sprache zu sprechen». Für mich bestand die Notwendigkeit, Holländisch zu üben, um Spinozas «Kurze Abhandlung von Gott, dem Menschen und seinem Glück» zu lesen, weshalb ich Herrigel aufsuchte, um ihn um Rat zu fragen, worauf er mir einfach antwortete: «Holländisch ist ein Mischmasch aus Englisch und Deutsch, weshalb Sie es bei zwei, drei Wochen der Übung wohl lesen können». Doch bei mir verstrichen nicht bloß zwei, drei Wochen, sondern ein, zwei Jahre, ohne daß ich mit dem Erlernen des Holländischen begann."
(18)

Es ist unklar, auf welche Studienjahre sich diese Beschreibung von Herrigels Lehrtätigkeit, die von zahlreichen späteren Darstellungen (etwa von Saitô Takaharu in seiner am 3. Dezember 1956 in der Tageszeitung "Kawakita shinpô" erschienenen Würdigung Herrigels) übernommen wurde, stützt. Die späten Griechischstunden wurden später durch einen anderen Unterricht abgelöst, denn der Stundenplan für das Studienjahr 1927/8 verweist eine folgende Verteilung:

Montag2. Stunde (9-10 Uhr):Latein für Anfänger
Dienstag2. Stunde (9-10 Uhr):Griechisch für Fortgeschrittene
Dienstag7. Stunde (16-1730 Uhr):Latein für Fortgeschrittene
Donnerstag6. Stunde (1430-16 Uhr):Philosophie (Lektüre)
Freitag2. Stunde (9-10 Uhr):Latein für Anfänger
Freitag6. Stunde (1430-16 Uhr):Philosophie (Vorlesung)
Samstag2. Stunde (9-10 Uhr):Latein für Fortgeschrittene

Über die Inhalte der philosophischen Vorlesungen (V) und Lektüren (L) geben Vorlesungsverzeichnisse Auskunft, die einmal jährlich in der philosophischen Monatsschrift der Universität Tôkyô abgedruckt wurden(19). Demnach bot Herrigel folgende Veranstaltungen an:

Nach Herrigel hatte Karl Löwith von 1937 bis Februar 1941 eine Dozentur in Sendai inne, und in dessen Nachfolge wollten ehemalige Schüler Herrigel ab 1941 noch einmal für drei Jahre an die Tôhoku-Universität holen. Obwohl Herrigel, der damals Professor in Erlangen war, dafür bereits die Genehmigung der Erlanger Universität und der zuständigen Ministerien erreicht hatte, ließ ihn der Kriegsverlauf schließlich davon absehen, die riskante Überfahrt nach Japan zu wagen.

C. Herrigels wissenschaftliche Vortrags- und Publikationstätigkeit

a. Vorträge

In dem Jahr, als Herrigel nach Japan kam, feierte man auch dort gerade den 200. Geburtstag Immanuel Kants. Daher fanden im ganzen Land Festvorträge und andere Veranstaltungen zu Kants Person und Philosophie statt. Herrigel hatte sich, kaum daß er in Sendai angekommen war, an diesen Veranstaltungen beteiligt, indem er bereits im Juni an der Tôhoku Universität einen Vortrag über Kants Primat der praktischen Vernunft hielt. Diesen Vortrag wiederholte er am Dienstag, den 18. November des gleichen Jahres, an der kaiserlichen Universität Tôkyô, der Titel lautete "Kants Lehre vom Primat der praktischen Vernunft"(20) und wurde anscheinend nicht eigens für das Publikum übersetzt. Da dieser Vortrag im darauffolgenden Jahr in der Übersetzung Ishihara Kens publiziert wurde, wird über Inhaltliches später bei den Publikationen zu erfahren sein.

Drei Tage vor der Wiederholung des "Primat"-Vortrags in Tôkyô hatte Herrigel an einem Vortragsabend der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) über "Versuche zur Metaphysik in der Gegenwart" gesprochen, ein Vortrag, der für die japanischen Zuhörer von Kita Reikichi gedolmetscht wurde(21). Über den Inhalt ließ sich nichts eruieren, doch dürfte er sich im wesentlichen mit dem folgenden Titel decken:

Nachdem Herrigel bereits im Dezember 1924 Nishida gegenüber brieflich den Wunsch geäußert hatte, nach Kyôto zu kommen, was Nishida aus verschiedenen Gründen verschob(22), hielt jener während eines einwöchigen Kyôto-Aufenthalts am Montag, den 20. April 1925 einen Vortrag vor dem Philosophischen Kreis der Universität Kyôto(23). Diesen Vortrag hat ein ungenannter Berichterstatter in der Mai-Nummer der philosophischen Monatsschrift der Universität Kyôto, "Tetsugaku kenkyû", in folgender Weise zusammengefaßt:

Versammlung der Philosophischen Vereinigung: Am 20. April (Montag) wurde ab 18 Uhr im Hörsaal 10 ein Vortrag [Eugen] Herrigels, Professor an der Tôhoku Universität, unter dem Titel
Ansätze zur Metaphysik in der gegenwärtigen deutschen Philosophie
eröffnet. Professor [Herrigel] begann seine Erörterungen anhand der beiden Linien in der Kant-Renaissance der gegenwärtigen Philosophie, der Marburger und der Südwestdeutschen Schule: während die erstere hauptsächlich auf die Deduktion der ersten Kritik Gewicht lege und folgedessen ihre Philosophie in einer transzendentalen Logik ende, die Probleme außerhalb der Erkenntnistheorie aber nicht genügend berühren könne (auf Biegen und Brechen fortgeführt, bestünde daher die Gefahr - wie in jüngster Zeit Natorp unter dem Einfluß Tagores und Goethes - in ein mystisches Dunkel zu verfallen), war es der letzteren, insbesondere bei Rickert, möglich, auch in andere Problembereiche einzudringen und eine weitreichende Wertphilosophie zu errichten, weil sie von dem Problem von Kants Dialektik ausgehe. Doch weil bei Rickert so etwas wie Kants Faktum der Vernunft bloß in der Welt des Geltens erklärt werde, würden unsere metaphysische Bedürfnisse dadurch nicht befriedigt. Andererseits könne die gegenwärtige Philosophie nicht in die Fußstapfen von Hegels Panlogismus treten, der alles idealisiere und in Metaphysik verwandle. Daher verdiene der Versuch Lasks Beachtung, der die reale Welt und die metaphysische Welt auf jeweils verschiedenen Kategorien zusammenkommen läßt. Jedoch sei eine Abbildungstheorie, die den Gegenstand bloß passiv auffasse, selbst der Welt der Metaphysik gegenüber nach Kant kaum zu rechtfertigen; ganz zu schweigen davon, daß ein bloßes Schauen oder Erleben wie in den Versuchen Husserls und Bergsons noch kein reines Philosophieren sei. Hier werde eine neue Subjektive Metaphysik erforderlich.
Mit einem solchen Vorschlag für eine neue Metaphysik beschloß Professor [Herrigel] seinen Vortrag. Danach fand im Turmzimmer des Büros der Vereinigung ein Teekränzchen statt. Neben den Professoren Nishida [Kitarô] und Hatano [Seiichi], den Dozenten Watsuji [Tetsurô] und Iwai [Shôjirô] beteiligten sich auch zahlreiche andere Mitglieder der Vereinigung und es wurde eine sehr lebendige Zusammenkunft."
(24)

Im April 1927 kündet die von Kita Reikichi herausgegebene Zeitschrift "Gakuen" ihren Abonnenten wissenschaftliche Vortragsabende in Tôkyô, Chiba und Nagano für April und Mai an; als Vortragende werden Herrigel, Miki Kiyoshi, Ôhazama Shûei, Kita Reikichi und andere genannt, jedoch keine genaueren Themen angegeben(25).

Ob mit diesen Nennungen die gesamte Vortragstätigkeit Herrigels abgedeckt ist, sei dahingestellt (insbesondere die wissenschaftlichen Aktivitäten Herrigels in Sendai lassen sich aufgrund der durch die Bombardierung erlittenen Kriegsverluste nicht genau rekonstruieren). Das Erscheinen seiner Habilitationsschrift führte in Japan seit 1927, als eine Teilübersetzung der Einleitung in der Zeitschrift "Gakuen" erschien, zu einer Auseinandersetzung mit seiner Philosophie. So referierte am 23. Juni 1928 Itô Kichinosuke, seinerzeit Ordinarius für Philosophie an der Universität Tôkyô, vor dem monatlich durchgeführten Lektürekreis des philosophischen Seminars über Herrigels Habilitation(26), drei Monate später veröffentlichte ein Graduiertenstudent derselben Universität, Katô Masayuki, eine Rezension über dieses Werk. Daß man den Autor, der ja noch in Japan weilte, selbst um Erläuterungen gebeten hat, ist daher nicht unwahrscheinlich.

b. Publikationen

Zu den Publikationen, die während Herrigels Japanaufenthalt verfaßt und veröffentlicht wurden, will ich hier nicht die bereits in Heidelberg verfaßte, aber erst (im Vorwort "Sendai, im März 1926" datiert) 1926 erschienene Habilitationsschrift "Urstoff und Urform" rechnen, da sie nicht in Japan geschrieben wurde.

1. "Über Kants Lehre vom Primat der praktischen Vernunft" (April/Mai 1925)

Der Aufsatz ist die schriftliche Form des ersten der von Herrigel in Japan gehaltenen Vorträge und erschien in der überregionalen philosophischen Fachzeitschrift des Iwanami-Verlags, "Shisô" (Das Denken), in der Übersetzung von Herrigels Sendaier Kollegen Ishihara Ken. Der Verbleib der Übersetzungsvorlage ist unbekannt, die Übersetzung recht unbeholfen (Kant bzw. der Neukantianismus gehörten nicht zu Ishiharas Arbeitsgebiet).

Mit dem Thema schließt sich Herrigel an den namhaft gewordenen Vortrag seines Lehrers Emil Lask an, den jener vor dem 3. Internationalen Kongreß für Philosophie 1908 in Heidelberg gehalten hatte ("Gibt es einen «Primat der praktischen Vernunft» in der Logik?"). Lask hatte in diesem Vortrag Kants kopernikanische Tat dahingehend interpretiert, daß sie die Gegenständlichkeit der Gegenstände von ihrer vorkantischen "Metalogizität" in Logizität verwandelt habe, wodurch der Gegenstand nicht vom Urteilen (und damit vom urteilenden Subjekt), sondern vom Transzendentallogischen, d.h. von einer als übersubjektiv zu denkenden logischen Form, abhängig sei. Da Lask die Aufhebung der Logostranszendenz von einer Aufhebung der Transzendenz des Gegenstandes gegenüber der urteilenden Subjektivität strikt trennt, läßt sich nicht das Ethische - wie bei Windelband und Rickert versucht wird - in die von ihr völlig unabhängigen Sphäre des subjektiven Erkennens hineintragen.

Wie schon in seiner Habilitationsschrift, wo er insbesondere in dem Kapitel über den Urstoff ("Urstoff und Urform", S. 66ff., insb. S. 86-107) die gleiche Thematik besprochen hatte, versucht Herrigel, die konträren Standpunkte seiner beiden Lehrer Lask und Rickert dadurch zu versöhnen, daß er einerseits wie Lask durch die Primatlehre keine Rangordnung der Sinngebiete untereinander anerkennen, sie aber dennoch in der Hinsicht gelten lassen will, daß sie die beiden Haupttypen des Philosophierens, den Objektivismus und den Subjektivismus, in eine Reihenfolge bringe:

"Kants Lehre vom Primat der praktischen Vernunft meint nicht nur keine tatsächliche Priorität des praktischen «Vermögens» vor dem theoretischen «Vermögen», es muß auch klar gemacht werden, daß sie auch keine vor der Wertrealität meinen kann. Forscht man nach ihrer letzten und zudem möglichen Bedeutung, so ist das, was diese Lehre zu erläutern versucht, nichts anderes als die Priorität der Subjektivität überhaupt vor aller Objektivität. Es ist nichts anderes als die Priorität des im absoluten Sinne «Seienden» vor dem nur dem Subjekt «gegenüber» und nur in Korrelation zu ihm «geltenden» Seienden, d.h. die Priorität des «sinnvollen» Lebens, die es allen leblosen, dinghaften Gütern des Lebens gegenüber hat".(27)

2. "Gelten, Wert, Sollen, Norm" (Februar 1928)

Zur Entstehung dieser Arbeit ließen sich keine weiteren Angaben finden, da sie aber thematisch die in Herrigels Habilitationsschrift entfaltete Diskussion fortführt ("Urstoff und Urform", S. 16-39), mag sie vielleicht auf eine der oben vermuteten Erläuterungen des Autors zu seinem Werk beruhen. Sie ist ebenfalls in "Shisô" veröffentlicht worden, der Übersetzer war Hosoya Tsuneo, und auch hier fehlt der deutsche Originaltext. Da darin Lasks Philosophie ausführlicher und vor allem explizit abgehandelt wird, soll dieser Aufsatz eingehender zusammengefaßt werden.

In diesem Aufsatz will Herrigel nachweisen, daß die vier genannten Wertbegriffe Grundbegriffe des theoretischen Philosophierens bilden. Ihm zufolge kommt jede «echte» Philosophie nicht ohne Wertbegriffe aus, insbesondere die theoretische Philosophie sei durch Wertbegriffe geleitet. Während Windelband, der selbst als einer der Gründer der Wertphilosophie gilt, das Gebiet des Theoretischen als nicht-axiologisch und daher nicht unmittelbar von Wertbegriffen beherrschbar beschrieben hatte, versucht Herrigel herauszuarbeiten, daß die «Geltung» des logischen Sachgehaltes in den Werten gründet, die dem theoretischen Gebiet erst deren Besonderheit verleihen. Nach ihm läßt sich das Theoretische als konkrete Darstellung eines besonderen Wertes, nämlich des Wahrheitswertes, ansehen.

Als zweites möchte er der Frage nachgehen, ob die vier Begriffe Wert, Gelten, Sollen und Norm, die oft synonym benutzt bzw. nicht scharf voneinander getrennt gebraucht werden, nicht besondere Unterscheidungen zeigen, nach denen sie in eine bestimmte Reihenfolge gebracht und und systematisch verwendet werden müßten. Diese zweite Fragestellung hat er wiederum von Lasks "Primat"-Vortrag übernommen(28), denn dort wurde bereits das Fordern der Werte bzw. die Norm als Modifikationen des reinen Geltens durch eine ihm hingegebene Subjektivität beschrieben.

Den Beweis, daß der Wertbegriff konstitutiv für das Theoretische sei, führt Herrigel in klassischer Weise, indem er die Argumentation der Gegner dieser Position ad absurdum führt. Jener zufolge müßte, falls der Wertbegriff konstitutiv sei, auch die Subjekt-Objekt-Relation konstitutiv für das Gebiet des Theoretischen sein, denn ohne wertverleihende Haltung wäre so etwas wie ein "absoluter" Wert reine Fiktion. Wert sei nur als nach Anerkennung Forderndes erfahrbar, setze daher eine mit ihm korrelativ verbundene Haltung als "Erlebnissubstrat" voraus, die ihn anerkenne. Eine Einführung des Wertbegriffes in das Gebiet des Theoretischen müßte daher mit einer Anerkennung der dualistisch gespaltenen Subjekt-Objekt-Relation als konstitutiv für dieses Gebiet einhergehen, doch eine solche Spaltung, die eine Einheit im Theoretischen unmöglich mache, könne wohl schwerlich als theoretisches Urphänomen angesehen werden.

Für Herrigel liegt der Fehler dieser Argumentation darin, daß sie die Wahrheit subjektabhängig mache, obwohl doch eigentlich alles Erkennen von der Wahrheit abhängig sein müsse. Das Subjekt werde nur im Nachhinein von der Wahrheit berührt, d.h. beide stünden in keiner ursprünglichen Beziehung zueinander. Zuerst müsse die Wahrheit selbst dasein, ehe sie vom Subjekt gesehen, erfaßt und begriffen werden könne. Wert, Sollen, Norm können dem theoretischen Gebiet gar nicht konstitutiv sein, denn sie bringen gerade zum Ausdruck, daß der Gegenstand ursprünglich zum Erkenntnisakt stehe. Was aber die Absolutheit der Wahrheit unverfälscht darzustellen vermag, sei der Begriff des «Geltens». Herrigel sucht hier bei seiner Argumentation Anschluß an Bolzano und Lask: das «Gelten» der Wahrheit müsse zuerst als völlig unabhängig vom Wert gedacht werden, denn die Wahrheit stehe dem Subjekt nicht als Wert gegenüber. Das Verhältnis von Wahrheit und Subjekt ist vielmehr - in Laskscher Terminologie - ein "Hingelten" gegenüber dem Subjekt, wodurch die Wahrheit dem Subjekt gegenüber zu "Gegen-Stehenden" (zum Gegenstand) wird. Denn nur die "entgegengeltende Wahrheit" werde dem Erkennen gegenüber dadurch zum "Wert", daß sie die Anerkennung ihrer Geltung fordere. Indem das Gelten zum Wert werde, werde die an sich transzendente Wahrheit immanent. Diese Rangfolge von Gelten und Wert, bei Lask nicht nur für den Bereich des Theoretischen, sondern für alle Bereiche behauptet, in denen die Begriffe Gelten, Wert und Norm eine Rolle spielen, sei konstitutiv, da jegliche "normative" Bedeutung eines Sinngebildes, sei dieses logisch, ästhetisch oder moralisch, ein "absolutes" Gelten voraussetze, das noch nicht als Norm jener Gebilde gefaßt werden könne.

Im dritten Abschnitt seiner Abhandlung geht Herrigel der Frage nach, ob diese Position der Vertreter der reinen Logik, die von ihren Voraussetzungen her notwendig erreicht werden muß, nicht auch auf anderem Weg erreicht werden könne, und er sieht in Kants transzendentaler Logik die Antwort darauf bereits gegeben. Die Ansätze scheinen völlig miteinander unvereinbar zu sein: fertige Sinngebilde bzw. Sinnganzheiten wie Bolzanos "Satz an sich" oder Lasks "übergegensätzlicher Gegenstand" liegen nicht "vor" dem Erkennen und Begreifen und werden nur passiv aufgenommen, vielmehr "gibt es" das Gegenständliche nur, insofern es begrifflich geworden ist, d.h. durch ein theoretisches Subjekt erzeugt wurde, und es ist auch nur "für" dieses Subjekt. Objektives Sein ist nur dadurch möglich, daß das theoretische Subjekt die unmittelbar erlebten Weltinhalte reflektiert und begrifflich formt, weshalb das theoretische Gebiet entgegen der Behauptung der Vertreter der reinen Logik von der Subjektivität abhängig sei. Auf den ersten Blick erscheine das als ein die Wahrheit relativierender Subjektivismus und tatsächlich habe Bolzano, der gegen Kant die unanfechtbare "Würde" und Absolutheit der Wahrheit behauptet habe, eine solche Kritik geäußert, was aber ein großes Mißverständnis sei. Gerade wenn man den Wertbegriff in die konstitutive "Struktur" des theoretischen Gebietes einführe, lasse sich das einfach veranschaulichen. Das Wesen von Kants kopernikanischer These sei nämlich erst dann erfaßbar, wenn klar wird, daß die objektive Seite des Theoretischen kein willkürliches Erzeugnis des Subjekts ist. Die Konstitution des Erkenntnisgegenstandes sei nicht von allen Normen und Maßstäben frei, sondern der Verknüpfung der Vorstellungen werden von den "Bedingungen", die befolgt werden müßten, sofern das Erkennen objektive Bedeutung haben soll, Maßstäbe gegeben. Diese "Bedingungen" wiederum, die der Subjektivität Inhalt und Richtung geben, seien aber nicht durch das Subjekt erzeugt, folglich dürfe Kants Subjektivismus nicht mit unbegrenzter Willkür gleichgesetzt werden. Während bei den reinen Logikern wie Bolzano, Lask und (der nicht explizit genannte, jedoch mitgemeinte) Husserl beim Erkennen Problem sei, wie der für sich bestehende logische Sachverhalt, nämlich der Gegenstand der Erkenntnis, durchschaut und aufgenommen werden könne, werde bei Kant Problem, wie die Forderung, der folgend der logische Sachverhalt durch die gültige Synthese erzeugt wird, entdeckt und aufgenommen werden könne. Weil die "Bedingungen" jetzt als Forderungen erlebbar und zudem die höchsten Maßstäbe des Wahren sind, mit denen das theoretische Subjekt das Wesen der Objektivität bestimmt, bringe die Bedingung dadurch ihre eigene wahre Gestalt als notwendig geltender "Wert" zum Vorschein. Wenn aber die Wertbegriff in der transzendentalen Logik eine so beherrschende Position einnimmt und nicht ein für sich bestehendes Gelten der Sinngebilde, sondern der Wert an höchster Stelle der Logik steht, dann könne der Wertbegriff nicht mehr als bloß abgeleiteter Begriff angesehen werden. In Abgrenzung zu seinem Lehrer Lask, der die Begriffe Gelten und Wert streng unterschied, behauptet daher Herrigel in Rückgriff auf Kant, daß beide in enger Beziehung untereinander stehen. Das Geltende in sich selbst ist für ihn ein unmittelbar entgegengeltender Wert, d.h. ein Wert, der die Anerkennung seiner eigenen Gültigkeit fordere. Im Rahmen der transzendentalen Logik sei ein vom Wert unabhängiger Geltungsbegriff unzulässig. Der Wert, nicht das reine Gelten, bilde die ursprüngliche "Substanz" des Logischen, weshalb die theoretischen Sinngebilde ihrem Wesen nach Wertgebilde seien; der theoretische Wahrheitswert werde in der Gestalt der logischen Synthese konkret. Folglich sei auch das Gelten bloß eine logische "Form" und damit eine "Kategorie" im Wertgebiet. Auch wenn der Wertbegriff nicht seinen Ursprung in der theoretischen Philosophie habe, bilde seine Hineinnahme keine unzulässige Verdunklung und Verunreinigung des Logischen, vielmehr werde ihm seine Daseinsberechtigung durch Kants transzendentale Logik verschafft.

Da der Wert wesentlich Anerkennung fordere, ist ihm zugleich eine ursprüngliche Beziehung zu dem inne, wohin er seine Forderung richtet. Diese Forderung ist ein vom Wert unablösbares Moment, weshalb man nicht von einem "absoluten" Wert sprechen könne, der völlig außerhalb jeglicher Beziehung zur Subjektivität stünde. Diese korrelative Stellung zum Subjekt relativiere aber nicht die Geltung des Wertes, da ihre Absolutheit unangefochten davon bleibe. Dieses ursprüngliche In-Beziehung-Stehen des Wertes erfordere einerseits ein Subjekt, das ihn erlebt und anerkennt, andererseits bleibe er dem Subjekt absolut bindend und gültig. Neben diesem "absoluten" Wert gebe es aber auch Werte, die je nach Ort oder Zeit anerkannt werden und somit relativ seien. Daß ein Wert absolut "gelte", heiße nicht, daß er seinem "Wesen" nach absolut existiere, sondern nur, daß er alle tatsächliche Anerkennung transzendierend Wert sei. Daher könne das Subjekt der transzendentalen Logik auch keinen Wert erzeugen, der absolute Gültigkeit hätte, sondern nur ein vom Wert gefordertes Sinngebilde. In dieser "Absolutheit" des Wertes habe die subjektive Aktivität ihre Grenze. So ergebe sich das Paradox, daß der Wert als Wert, sofern er vom Subjekt Hingabe fordere, diesem "immanent" sei, von seiner Gültigkeit, d.h. von seiner Wertform her, jedoch transzendent, da er von den Grenzen der subjektiven Aktivität befreit sei.

Die zweite Frage nach der Rangordnung von Gelten, Wert, Sollen und Norm, die er durch die obige Erörterung in ihren Grundlagen schon für beantwortet hält, faßt Herrigel kurz zusammen: logisch komme dem Gelten keine Priorität vor dem Wert zu, denn dieser sei kein Wert gewordenes Gelten, sondern unmittelbar "geltender" Wert, d.h. ein Wert, der das absolute Gelten als Form habe. Beim Begriff des Sollens, der seit Fichte zur Erklärung der absoluten "Verbindlichkeit" des Wertes verwendet wird, werde kaum eine Unterscheidung gemacht, obwohl in neuerer Zeit etwa Rickert mit seinem Begriff des "transzendenten Sollens" zwei Arten einander gegenübergestellt habe, nämlich das "Sollen" der Anerkennung (als transzendentes Fordern) und das Anerkennen des Sollens (als subjektive Leistung). Herrigel versucht nun, in Abgrenzung zur philosophischen Tradition dennoch eine Unterscheidung von Wert und Sollen einzuführen, indem er sich auf den Begriff des Sollens stützt, wie er in Kants "Kritik der praktischen Vernunft" verwendet wird, wo das Moralgesetz die Form des "Du sollst" des kategorischen Imperativs annimmt. Nach Herrigel darf der Begriff des Sollens nicht als Ausdruck für den fordernden Wert gebraucht werden, sondern nur dafür, die vom Wert geforderte Haltung auszudrücken. Das Sollen des kategorischen Imperativs sei ein von einer Persönlichkeit ausgehendes Fordern, während der Wert sachhaltig-unpersönlich fordere, aber nicht in der Form eines Imperativs. Für die Norm schließlich wird - wie bei Windelband, für den das "Normbewußtsein bzw. normative Bewußtsein" vom fordernden Wert beherrscht und durch den Wert "bedingt" ist - traditionell ebenfalls keine scharfe Trennung vollzogen, obwohl sie Herrigel ratsam erscheint, denn bei Norm sei die völlige Hingabe an den Wert ein Problem. Herrigel will daher die "Norm" definiert wissen als die Haltung, in der die subjektive Hingabe an den Wert sich selbst als vorbildlich zeige. Auch die Norm "fordere" wie der Wert ursprünglich Anerkennung, bringe aber einen Wertbegriff zum Ausdruck, der über die Reflexion hinweg einen bestimmten Zweck erfüllen wolle. Der Normbegriff sei daher genau gesagt der Geltungscharakter des Wertes, der in seiner theoretischen Bedeutung erhöht als Maßstab für die praktische Nachfolge aufgestellt werde.

3. "Die metaphysische Form. Eine Auseinandersetzung mit Kant" (1929)

Die großangelegte Studie zu Kant, zeitgleich mit Heideggers "Kant und das Problem der Metaphysik" (1929) erschienen, wurde laut Vorwort in "Sendai (Japan), am Ende des dritten Jahres Showa", also Ende 1928, verfaßt, der zweite Halbband über den mundus intelligibilis, der als Problemstellung im letzten Abschnitt des ersten Bandes kurz angesprochen war, wurde anscheinend nicht mehr ausgeführt.

Obwohl Herrigel bereits im Juli 1929 Japan verlassen hatte, um die Professur in Erlangen anzutreten, reichte er im Dezember den eben erschienenen Halbband bei der juristisch-philosophischen Doppelfakultät der Tôhoku Universität ein, die ihm dafür am 12. März 1930 den ersten Doktortitel (Bungaku hakushi) der Fakultät verlieh. Zwar werden in den letzten Jahren durch eine neue Direktive des Erziehungsministeriums die japanischen Universitäten dazu angehalten, den Erwerb des Doktorgrades zu erleichtern, um eine internationale Vergleichbarkeit der akademischen Abschlüsse zu erreichen, doch war die Vergabe von Doktortiteln (zumindest in den geisteswissenschaftlichen Fächern) bis in die 80er Jahre hinein eine rare Ausnahme. Während Bakkalaureat und Magister durch schriftliche Arbeiten und mündliche Prüfungen erworben wurden, schloß man den Doktorkurs in der Regel nur mit dem Erwerb der nötigen Seminarscheine ab. Der Doktortitel wurde hingegen nur für besonders herausragende wissenschaftliche Leistungen, oft sogar als Auszeichnung für ein ganzes Lebenswerk vergeben. Herrigels Kollegen in Sendai, Takahashi Satomi, der bis zu seiner Emeritierung zahlreiche Bücher geschrieben hatte, wurde erst ein Monat nach seiner Entpflichtung, am 24. April 1948, für ein bereits 1942 veröffentlichtes Buch der Titel verliehen (er war damit zum achten Doktor der Fakultät geworden). Beim Bungaku hakushi handelte es sich daher eher um eine Ehrenauszeichnung als um einen akademischen Grad, obgleich formal eine Doktorarbeit und ein Gutachterverfahren zur Vergabe nötig waren(29).

Der Inhalt dieser Arbeit braucht hier nicht eigens referiert zu werden, es sei aber auf die rasche Rezeption hingewiesen, die sie in Japan fand: die Rezension, die Theodor Celms in Heft 26 der Deutschen Literaturzeitung 1930 veröffentlicht hatte, wurde bereits ein Jahr später, im September 1931, in der Zeitschrift "Shisô", also in dem Organ, in dem Herrigel seine kleineren Arbeiten in Japan vorgestellt hatte, der japanischen Leserschaft zugänglich gemacht.

D. Herrigels Beitrag zur japanischen Lask-Rezeption

Da ich die japanische Lask-Rezeption bereits an anderer Stelle dargestellt habe(30), möchte ich, um Wiederholungen zu vermeiden, nur einige Ergänzungen machen. Daß Herrigel in Kita Reikichi einen geschäftstüchtigen Adlatus fand, der, wenn er dabei auch sehr von dem bei Herrigel in Heidelberg Gelernten zehrte, rührig wie er war, mit der Promotion Laskschen Gedankengutes schon begonnen hatte, ehe Herrigel in Kobe japanischen Boden betrat, war ebenfalls schon erwähnt worden(31). Hier will ich nur auf eine Besonderheit hinweisen: Herrigel hatte anscheinend - mangels Quellenmaterial läßt sich das nur aus Indizien mittelbar erschließen - versucht, die Lask-Rezeption in Japan von der Spitze der akademischen Hierarchie her zu beeinflussen. Ob er selbst auf diese Idee kam oder von seinen japanischen Bekannten darauf gebracht wurde, läßt sich nicht mehr feststellen, doch steht fest, daß dies sicherlich ein sehr geschickter Weg war. Anders als in Deutschland, wo unter regional gestreuten Schulen um die Meinungsführerschaft in der philosophischen Diskussion gerungen wurde, wurde (und wird) die Diskussion in Japan von den beiden akademischen Hauptzentren des Landes, den kaiserlichen (heute: staatlichen) Universitäten Tôkyô und Kyôto, institutionell gesteuert. Daß Herrigel in der ersten Zeit seines Japanaufenthalts gerade an diesen beiden Universitäten mit seiner Vortragsaktivität begann, wie oben in Abschnitt C.a. bereits erwähnt wurde, gehört in diesem Zusammenhang. Ob auch die Vorlesung zu "Lasks objektiver Logik"(32), die Tanabe Hajime im Sommersemester 1925 an der Universität Kyôto hielt, direkt auf Herrigels Anregung zurückgeht, ist nicht mehr zu eruieren, auch wenn Tanabe darin ausdrücklich auf Herrigel Bezug nimmt. (Tanabe gehörte auch zu den Abonnenten der von Kita Reikichi herausgegebenen Zeitschrift "Gakuen", die sich ab Juli 1926 um die Verbreitung von Lasks Gedankengut verdient gemacht hatte.)

Herrigel hatte aber schon von Deutschland aus versucht, auf diese Kreise Einfluß zu nehmen, indem er die eben erschienene Werkausgabe Lasks über Miki Kiyoshi an dessen Lehrer Nishida Kitarô übersenden ließ. Das mag auf eine Anregung Mikis zurückgehen, denn Miki hatte die Angewohnheit, sich durch solche Dienstleistungen bei seiner Umgebung beliebt zu machen(33). Zumindest trafen bei Nishida im Frühjahr 1924 unaufgefordert nach und nach die drei Bände der Gesamtausgabe ein(34), die sich heute in der "Nishida bunko" der Universität, die die Handbibliothek Nishidas umfaßt, befindet. Laut dem Katalog Yamashita Masaos [1. Abtlg., No. 420] hat diese Ausgabe eine undatierte Widmung Herrigels: "Herrn Prof. Nishida mit freundl. Grüßen vom Herausgeber". Nishida selbst, der durch seine zahlreichen Buchpublikationen bereits der führende, wenn auch umstrittene, Philosoph Japans war, zeigte sich zu jener Zeit jedoch nicht besonders interessiert. Auch verfügte er bereits über die Einzelausgaben der wichtigsten Schriften Lasks(35), bei denen es sich möglicherweise um die von Kiba Ryôhon in einer Sammelbestellung von 1923 aus Freiburg für zwei von Nishidas Schülern, Hisamatsu Shin'ichi und Miyake Gôichi, geschickten Exemplare handelte, die als Dubletten bei Nishida verblieben(36). Herrigel Büchergeschenk blieb zunächst ohne Folgen, und auch die erste Auseinandersetzung mit Lask, die Nishida in der für seine eigene philosophische Fortentwicklung bahnbrechenden Abhandlung "Der Ort", die im Juni 1926 erscheint, durchführt, ist unter dem Gesichtspunkt einer Lask-Rezeption eher niederschmetternd: offenkundig kannte Nishida Lasks Philosophie zu diesem Zeitpunkt nur aus zweiter Hand und nur bruchstückhaft(37). Erst nach der Veröffentlichung der "Ort"-Abhandlung bestellt er im August 1926 bei Mutai Risaku in Heidelberg die Werkausgabe Lasks(38), die er am 20. September wieder abbestellt ["Sie brauchen mir die Lask-Werkausgabe nicht mehr zu schicken"](39). Das heißt, Lask war für Nishida vorher so unwichtig gewesen, daß er sogar vergessen hatte, Lasks Werke zu besitzen.

Mag dieser Versuch, über Nishida die Lask-Rezeption in Japan zu beleben, unter inhaltlichen Aspekten als gescheitert erscheinen - Herrigel hatte auch versucht, die Personen im Umkreis Nishidas für sich und seine Sache einzunehmen; daß er Nishidas Schüler Mutai Risaku bei dessen Deutschlandstipendium zunächst in der Wohnung seines greisen Vaters in Heidelberg einquartierte, ist hierzu zu rechnen -, er bewirkte dennoch, daß an vielen philosophischen Instituten Lehrveranstaltungen Lasks Philosophie gewidmet wurden und nach und nach Übersetzungen erschienen. Ein gemeinsamer Schüler Nishidas und Tanabes legte 1929 und 1930 die Übersetzungen der "Logik der Philosophie" und der "Lehre vom Urteil" vor, so daß kurz nach dem Weggang Herrigels aus Japan die wichtigsten Werke Lasks allgemein zugänglich waren.

An der Universität Tôkyô, wo man sich auch intensiver mit Herrigel eigenständigen Arbeiten auseinandersetzte, sorgte der Ordinarius Itô Kichinosuke, der möglicherweise über persönliche Kontakte zu Herrigel verfügte, dafür, daß einer seiner Studenten Lasks Vortrag über den Primat der praktischen Vernunft in der Logik übersetzte, der als Broschüre im Iwanami-Verlag erschien.

E. Schluß

Die fünfeinhalb Jahre, die Herrigel in Japan verbracht hatte, waren für ihn beruflich erfolgreich gewesen. Er hatte die Rezeption der Philosophie seines Lehrers in Schwung gebracht, auch wenn seine eigene Interpretation, die wie bei Peter Wust und Georg Picht in Lask eine Möglichkeit der Erneuerung der Metaphysik erkennen wollte, wenig Anklang fand. Zudem hatte er nicht nur seine Habilitationsschrift publiziert, sondern auch eine großangelegte Kantstudie ausgearbeitet. Dennoch gab es nach seiner Rückkehr einen beruflichen Knick, denn außer seinen japanbezogenen Veröffentlichungen und Vorträgen und abgesehen von einem üblen wissenschaftspolitischen Pamphlet kurz nach der Machtübernahme der Nazis publizierte er keine philosophische Arbeit im engeren Sinne mehr. Selbst der angekündigte zweite Band über den mundus intelligibilis seines Kantbuches blieb unveröffentlicht.

Über die Gründe dieses Schweigens kann man nur spekulieren. Vielleicht war die Erfahrung der fremden Kultur tatsächlich so beeindruckend, daß ihm das Fachphilosophentum vernachlässigbar erschien. Eher aber dürfte der Schock über den trostlosen Zustand der Lask-Rezeption im eigenen Land, der gerade durch die Erfolge in Japan umso stärker ins Bewußtsein rücken mußte, ihm die Energie beraubt haben, den schmalen Pfad des Spezialisten einfach fortzuführen. Daß auch in Japan kurz nach seinem Weggehen die Beschäftigung mit Lasks Philosophie abstarb, blieb ihm wohl verschlossen.


Danksagung

Es sei an dieser Stelle den zahlreichen Personen und Institutionen gedankt, die durch Auskünfte und Bereitstellung von Material gerade für den biographischen Teil dieser Arbeit Wichtiges beigetragen haben. Insbesondere Herrn Privatdozent Dr. Volker Peckhaus von der Universität Erlangen-Nürnberg, dem Archiv der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, der Bibliothek der Tôhoku Universität in Sendai (für Materialien zu Herrigels Tätigkeit in Sendai), der Bibliothek der Seikei Universität in Tôkyô (für Auskünfte über Ôhazama Shûei), der Hani Gorô bunko der Städtischen Bibliothek Fujizawa und Herrn Professor Yamaryô Kenji von der Kanda gaikokugo Universität (für Auskünfte über Miki Kiyoshi und Hani Gorô) möchte ich meinen Dank aussprechen.


Anmerkungen

(1)
Sôda Kiichirô ( Abbildung Nr. 1) war Sohn des Bankiers Sôda Kinsaku und hätte sich lieber der Wissenschaft gewidmet als von seinem Vater die Bankgeschäfte zu übernehmen. Nach einem Abschluß an der Tôkyôer Handelshochschule studierte er von 1904 bis 1913 in Cambridge (1 Jahr), Freiburg, Tübingen, Berlin und Heidelberg Ökonomie, Jura, Staatswissenschaft und Philosophie, machte sich als Theoretiker des Geldwertes einen Namen ("Die neue Knappsche Geldtheorie und das Wesen des Geldes", 1906, Diss. "Geld und Wert", Tübingen 1909) und vertrat die philosophischen Ansätze der badischen Schule in der Wirtschaftslehre ("Die logische Natur der Wirtschaftsgesetze" Stuttgart 1911), obwohl er in der Einschätzung der Erkenntnis (die für ihn nicht zweckfrei war) und in der Einteilung der Wissenschaften in Opposition zu seinem Lehrer Heinrich Rickert stand. Nach seiner Rückkehr übte er neben der Banktätigkeit verschiedene Lehrämter aus, schrieb neben seinen Arbeiten zur Erkenntnisgrundlage der Ökonomie und zur Werttheorie auch über philosophische Themen und gehörte nach dem Weltkrieg zu den zahlkräftigen Förderern der notleidenden deutschen Wissenschaft. Als seine durch das Erdbeben von 1923 und die Weltwirtschaftskrise ins Strudeln geratene Privatbank im Frühjahr 1927 wegen Konkurs schließen mußte, legte er alle öffentliche Ämter nieder, starb aber im August wegen Überarbeitung.
(2)
Gusty Herrigel, "Der Weg zum Zen-Buddhismus", in: Eugen Herrigel, Der Zen-Weg. Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, München-Planegg (O. W. Barth) 1958, S.107, wieder unter "Biographisches", ebenda 51978, S. 125.
(3)
Ôhazama Shûei (auch Ôhazama Chikudô, vgl. Abbildungen Nr. 4 und 5) entstammte einer Samurai-Familie aus Yonezawa, Yamagata-ken. 1907 Studienabschluß an der Universität Tôkyô, danach Mittelschullehrer in Tsuchiura. 1911- 15 an der Mittelschule in Miyazaki, 1915-21 Professor an der Medizin. Fachhochschule Niigata, danach Auftrag, für zwei Jahre in Deutschland, England und den USA Pädagogik-Studien zu betreiben (tatsächlich blieb er vom August 1921 bis zu seiner Rückkehr Februar 1923 nur in Heidelberg). Nach seiner Rückkehr Professor an der Meiji-Fachhochschule. War von 1927 bis 1936 Professor an der Seikei High School (Seikei kôtô gakkô; jetzt: Seikei Universität, Tôkyô). Gründete das Zen-Dôjô Takuboku-ryô. In Zusammenarbeit mit August Faust und Herrigel gab er die 1925 erschienene Anthologie "Zen. Der lebendige Buddhismus in Japan" heraus, in "Gakuen" veröffentlichte er "Meister Eckharts Befreiungsgedanke" (No. 5, November 1926), in "Risô" No. 75, Juli 1937 "Sôtô-Zen und Rinzai-Zen".
(4)
Ishihara Ken, "Fünfzig Jahre Leben für die Wissenschaft" (August 1959) in: Ishihara Ken zenshû Bd. 11, S. 3-115, hier S. 35.
(5)
"Rickert im Mittelpunkt", aufgenommen in "Philosophische Wanderjahre", S. 49f.
(6)
Ôuchi Hyôe (1888-1980, vgl. Abbildung Nr. 6), Wirtschaftswissenschaftler und seinerzeits Assistenzprofessor an der kaiserlichen Universität Tôkyô, der 1920 wegen eines Artikels von Morito Tatsuo ("Studien über das gesellschaftliche Denken Kropotkins") in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Ökonomische Studien" auf Betreiben rechtskonservativer Professoren zwei Jahre vom Dienst suspendiert wurde und nach einer kurzen Arreststrafe ins Ausland ging. 1922 rehabilitiert.
(7)
Miki Kiyoshi (1897-1945, vgl. Abbildung Nr. 7), Schüler des Philosophen Nishida Kitarô, studierte von 1922 bis 1924 zunächst in Heidelberg, dann in Marburg (bei Heidegger) und schließlich in Paris, wo er Freundschaft mit dem jungen Jean Paul Sartre schloß. Nach seiner Rückkehr versuchte er, noch vor Sartre einen Existenzialismus im heideggerschen Sinne mit marxistischem Gedankengut zu verbinden. Wurde Professor an der Meiji Universität. Aus politischen Gründen verhaftet, starb er 1945 im Polizeigefängnis. Im WS 1922/23 hielt Miki in Rickerts Seminar ein Referat über "Die Logik der individuellen Kausalität", in dem er Sôda Kiichirôs Kritikpunkte an Rickerts Lehre darlegte. Im gleichen Semester hielt er bei Herrigel ein Referat über den "Objektivismus in der Logik" Bolzanos (in überarbeiteter Form unter dem Titel "Bolzanos Satz an sich" Dezember 1923 in der Zeitschrift "Shisô" No. 26 erschienen). Im SS 1923 sprach er wiederum im Seminar Rickerts über "Wahrheit und Gewißheit".
(8)
Noshiro ist unbekannt; Fehler für Kumashiro Isaburô, der bei Hani Gorô (Miki Kiyoshi chosakushû 2, vgl. Abbildung Nr. 7) erwähnt wird?
(9)
Mori ist der Jugendname Hani Gorôs (1901-1983, vgl. Abbildung Nr. 6 und Abbildung Nr. 7), der erst nach der Heirat 1926 den Familiennamen seiner Frau annahm.
(10)
Nach einem Bericht über eine Ausstellung der besten Stücke der neuerworbenen Sammlung in der Universitätsbibliothek vom 22. April 1924 umfaßte die Fischer-Bibliothek ca. 600 Bände, darunter zahlreiche Erstauflagen Kantscher Werke wie auch früher Kritiken und Kommentare, zwölf Exemplare der "Kritik der reinen Vernunft" von der ersten bis zur neunten Auflage etc.; die Sammlung müßte auch heute noch in Tôkyô verwahrt sein.
(11)
Kita, "Erinnerungen an Heidelberg", in: "Philosophische Wanderjahre" S. 319ff.
(12)
Hani Gorô: "Über vier von Miki Kiyoshi auf deutsch geschriebene Abhandlungen" (2. 2. 1949; Auszug; Miki Kiyoshi chosakushû Bd. 2, Tôkyô 1949, S. 455-60; hier S. 456ff.)
(13)
Amano Teiyû: "Die Anhänger der Heidelberger Schule", in: Risô No. 87, August 1938, S. 39, S. 40-41 (Auszüge)
(14)
Amano Teiyû: "Unvergeßliche Menschen" (zitiert nach: Ebina, S. 80)
(15)
Die Notizhefte befinden sich im Besitz der Kuki Shûzô bunko der Kônan Universität in Kobe und haben auch das große Erdbeben im letzten Jahr gut überstanden. Noch vor der Durchsicht der Korrekturfahnen hatte ich die Gelegenheit, die Notizen zu begutachten und will hier die Ergebnisse kurz nachtragen: Bei den Herrigel-Notizen handelt es sich um Vorlesungsaufzeichnungen aus dem Wintersemester 1922/23 mit dem Titel "Einführung in Kants Transzendentalphilosophie", eine Veranstaltung, die Herrigel zweistündig (Mo, Do 15-16 Uhr) anbot. Zusätzlich bot er auch eine Übung zu Kants "Prolegomena" an, an der Kuki offensichtlich nicht teilnahm. Die Aufzeichnungen erstrecken sich über 13 Vorlesungsstunden, beginnend am 2. November, brechen aber bei der 14. Stunde (am 8. Januar) ab. Da Kuki im gleichen Semester an Rickerts Seminar über die "Kritik der reinen Vernunft" teilnahm und dort bis zum Ende umfangreiche Aufzeichnungen anfertigte, läßt sich annehmen, daß ihm die intensive Textarbeit im Seminar aufschlußreicher erschien als Herrigels systematische Darstellung der theoretischen Grundlagen.
(16)
Nach "Tetsugaku zasshi" No. 471, Mai 1926, S. 103, bot Ishihara im Studienjahr 1926/27 eine Vorlesung zur Geschichte der mittelalterlichen Philosophie unter dem Titel "Das mystische Denken des Mittelalters, insbesondere Meister Eckhart" an.
(17)
Ishihara, "Fünfzig Jahre Leben für die Wissenschaft", S. 66f.
(18)
Inatomi, "Erinnerungen an Professor Herrigel", in: Yumi to zen, S. 25ff.
(19)
"Tetsugaku zasshi" No. 462, August 1925, S. 81; No. 471, Mai 1926, S. 103; No. 484, Juni 1927, S. 82; No. 496, Juni 1928, S. 82; No. 508, Juni 1929, S. 98.
(20)
Tetsugaku zasshi No. 454, November 1924, S. 75.
(21)
Wie Anm. 20; bei der OAG in Tôkyô fand sich jedoch keine Bestätigung dieser Angabe, obwohl der Jahresbericht für 1924 einen anderen Vortrag im November sehr wohl verzeichnet.
(22)
Nishida antwortet Ishihara Ken am 14. Dezember auf ein einen Tag vorher erhaltenes Schreiben Herrigels, worin er eine Verschiebung des Besuches schon allein wegen des unwirtlichen Klimas empfiehlt, vgl. den Brief No. 363 in Nishida Kitarô zenshû Bd. 18, S. 280. Ob Herrigels Schreiben noch erhalten ist, ließ sich nicht eruieren.
(23)
Eintrag in Nishida Kitarôs Tagebuch, vgl. Nishida Kitarô zenshû Bd. 17, S. 418.
(24)
Tetsugaku kenkyû Bd. 15(5) (No. 110), Mai 1925, S. 107.
(25)
Gakuen No. 10, April 1927, S. 110. Alle genannten Redner gehören zu den Autoren der Zeitschrift.
(26)
Tetsugaku zasshi No. 497, Juli 1928, S. 83.
(27)
Shisô No. 43, Mai 1925, S. 73f.
(28)
Vgl. "Urstoff und Urform", S. 34, Anm. 2.
(29)
Während das Verzeichnis über akademische Titel der Tôhoku Universität ("Gakuiroku", Berichtzeitraum September 1922 bis März 1962) für die anderen Doktorarbeiten jeweils drei bis vier Gutachter nennt, gab es bei Herrigel keine Gutachter, wodurch sich der Eindruck verstärkt, daß es sich bei der Vergabe um einen reinen "h.c."-Titel handelte.
(30)
"Tanabe Hajimes Stellung in der japanischen Lask- Rezeption", in: (The Waseda University Law Association) Humanitas No. XXXVI; erscheint im Februar 1998.
(31)
Wie Anm. 30; dort Abschnitt B.b. "Die zweite Phase (1923-1931) der japanischen Lask-Rezeption".
(32)
Die Zusammenfassung dieser Vorlesung, die Tanabe im Oktober 1925 in der Zeitschrift "Shisô" veröffentlichte, habe ich im Anhang der in Anm. 30 genannten Arbeit übersetzt.
(33)
Seinem akademischen Lehrer in der Heidelberger Zeit, Ernst Hoffmann, übersetzte er unter anderem drei Abhandlungen ins Japanische.
(34)
Einträge in Nishida Kitarôs Tagebuch vom 3. Januar, 7. Februar, 1. April 1924, vgl. Nishida Kitarô zenshû Bd. 17, S. 404, 407, 410.
(35)
Das Verzeichnis der Nishida-Bibliothek von Yamashita Masao führt in der 1. Abteilung No. 322 den anastatischen Nachdruck von Lasks Fichte-Dissertation aus dem Jahr 1914, sowie die Erstausgaben der "Logik der Philosophie", No. 422, und der "Lehre vom Urteil", No. 421, an.
(36)
Vgl. Brief No. 331 vom 9. Februar 1923, Nishida Kitarô zenshû 18: 265f.
(37)
Diese Behauptung ergibt sich aus irrtümlichen Rückübersetzungen ins Deutsche, die bei einem Blick in den Originaltext nicht hätten vorkommen dürfen, sowie aus dem völligen Ignorieren der Kategorienlehre Lasks, wie sie in "Die Logik der Philosophie" dargestellt wird, woraus zu schließen ist, daß Nishida wahrscheinlich nur Lasks zweites Werk, die "Lehre vom Urteil" kannte. Vgl. dazu näher die Analyse, die ich in japanischer Sprache vorgelegt habe in: "Taishô no ronri kara basho no ronri e - Emîru Rasuku to Nishida Kitarô -" (Von der Logik des Gegenstandes zur Logik des Ortes - Emil Lask und Nishida Kitarô), in: Kawakami Akira [Hg.], Bashoron no shujusô (Verschiedene Erscheinungsformen der Basho-Theorie), Tôkyô (Hokuju shuppan) 1997, S. 130-153, dort vor allem S. 145ff.
(38)
Brief No. 413 vom 6. August; Nishida Kitarô zenshû 18: 310.
(39)
Wie Anm. 36, S. 313.

Eugen Herrigel Schriftenverzeichnis

01.
Zur Logik der Zahl, (Diss. Heidelberg 1913), 1921
02.
Urstoff und Urform. Ein Beitrag zur philosophischen Strukturlehre (Habilitation Heidelberg 1922), (Heidelberger Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte Bd. 8), Tübingen [J. C. B. Mohr] 1926
03.
Die metaphysische Form. Eine Auseinandersetzung mit Kant. 1. Halbbd.: Der mundus sensibilis, Tübingen [J. C. B. Mohr] 1929
04.
Zen in der Kunst des Bogenschießens, Weilheim/Obb. [O. W. Barth] 201981 (1948)
05.
Der Zen-Weg. Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, in Verbindung mit Gusty Herrigel hrsgg. v. Hermann Tausend, Weilheim/Obb. [O. W. Barth] 51978 (1958)
06.
"Emil Lasks Wertsystem", in: Logos XII/1, 1923/4, S. 100-122.
07.
"Die Aufgabe der Philosophie im neuen Reich", in: Pfälzische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, 1934, S. 26- 32
08.
"Die ritterliche Kunst des Bogenschießens", in: Nippon. Zeitschrift für Japanologie Bd. 2(4), Oktober 1936, S. 193- 212
09.
"Die Tradition im japanischen Volks- und Kulturleben", in: Kulturmacht Japan, o.J. [1941], S.14-15
10.
"Das Ethos des Samurai", in: Friedrich-Alexander- Universität Erlangen. Feldpostbriefe der Philosophischen Fakultät Nr. 3, SS 1944, S. 2-14

Übersetzungen:

Für die japanischsprachigen Titel finden sich die Schriftzeichen im Anhang zum Japanischen Abstract.

11.
"Kanto no jissen risei yûi-setsu ni tsuite" (1/2) (Über Kants Primat der praktischen Vernunft), üb. v. Ishihara Ken, in: Shisô No. 42, April 1925, S. 58-77 u. No. 43, Mai 1925, S. 59-74
(basiert auf Vorträgen Herrigels, die er im Juni 1924 an der Tôhoku- Universität in Sendai und im November 1924 an der Universität Tôkyô hielt).
12.
"Gensozai to genkeishiki ni tsuite (1/2)" (Über Urstoff und Urform), üb. v. Takai Atsushi, in: Gakuen No. 7, Januar 1927, S. 75-81, u. No. 8, Februar 1927, S. 57-62
[Übersetzung von S. 1-6z.9 / 6z.10-10 z.20 der Einleitung von Herrigels Habilitationsschrift.]
13.
"Datô, kachi, tôi, kihan" (Gelten, Wert, Sollen, Norm), üb. v. Hosoya Tsuneo, in: Shisô No. 76, Februar 1928, S. 1-23
14.
Katô Masayuki (Rez.), "Oigen Herigeru no shukan shugi" (Eugen Herrigels Subjektivismus; Rezension zu Herrigels: "Urstoff und Urform. Ein Beitrag zur philosophischen Strukturlehre" 1926), in: Tetsugaku zasshi No. 499, September 1928, S. 105-109
15.
Theodor Celms (Rez.), "Oigen Herigeru 'Keijijôgakuteki keishiki'" (Eugen Herrigel, 'Die metaphysische Form'), üb. v. Tatsuno Kenjirô, in: Shisô No. 112, September 1931, S. 94-98
[dt. erschienen in: Deutsche Literaturzeitung, Heft 26, 1930]
16.
Nihon no kyûjutsu (Die japanische Bogentechnik), üb. v. Shibata Jisaburô, Iwanami bunko ao 661-1, Tôkyô [Iwanami shoten] 231995 (1982)
[Übersetzung von Herrigels "Die ritterliche Kunst des Bogenschießens", die zunächst 1936 in der Zeitschrift "Bunka" Bd. 3(9) der Tôhoku- Universität erschien, 1941 im Iwanami-Verlag in Buchform veröffentlicht und vom Übersetzer für die Taschenbuchausgabe neu überarbeitet wurde. Für die Buchausgabe von 1941 verfaßte der Jurist Komachiya Sôzô, der Herrigel bei seinem Meister Awa Kenzô eingeführt hatte, einen längeren Bericht über die gemeinsamen Schießübungen unter dem Titel "Herigeru kun to yumi" (Herrigel und das Bogenschießen, Taschenbuchausgabe S. 69-100).]
17.
Yumi to zen (Bogen und Zen), üb. v. Inatomi Eijirô u. Ueda Takeshi, Tôkyô [Fukumura shuppan] 1970 (1956).
[Übersetzung von Herrigels "Zen in der Kunst des Bogenschießens" von zwei Schülern Herrigels, die bei ihm in Sendai studiert hatten. Über Herrigels Sendai-Zeit gibt Inatomi im Vorwort ("Herigeru sensei no omoide", a.a.O. S. 19-40) Auskunft.]
18.
Zen no michi (Der Zen-Weg), üb. v. Enoki Shinkichi, Kôdansha gakujutsu bunko 988, Tôkyô [Kôdansha] 1991

Erinnerungen und andere Materialien:

19.
Miki Kiyoshi chosakushû Bd. 2, Tôkyô [Iwanami shoten] 1949
(Enthält 3 deutschsprachige Referate, die Miki in den Seminaren Rickerts und Herrigels 1922/23 hielt, sowie einen Bericht Hani Gorôs über die gemeinsame Studienzeit in Heidelberg.)
20.
(Miki Kiyoshi), "Damals: Student und Millionär in Deutschland" , in: DAAD Letter Nr. 3/September 1990, S. 15
(Enthält eine Übersetzung von Auszügen aus Mikis "Dokusho henreki", Chosakushû Bd. 1; Übersetzer unbekannt.)
21.
Inatomi Eijirô, "Kyûdô ni okeru zen" (Zen im Weg des Bogenschießens), in: ders., Nihonjin to Nihon bunka, Tôkyô [Risôsha] 1963, S. 229-247
(Zusammenfassung von Herrigels "Zen in der Kunst des Bogenschießens" mit einigen persönlichen Erinnerungen.)
22.
Mutai Risaku, "Ryûgaku jidai no Takahashi Satomi san" (Takahashi Satomi während seines Auslandstudiums), in: ders., Shisaku to kansatsu, Tôkyô [Keisô shobô] 1968, S. 170-179
(Erinnerungen Mutais an den mit Takahashi gemeinsam verbrachten Studienaufenthalt in Deutschland und Frankreich.)
23.
Ebina Kenzô, Amano Teiyû den (A. T. Biographie), Tôkyô [Nishida shoten] 1987
(Enthält S. 72-82 einen Bericht über Amanos Auslandstudium.)
24.
Amano Teiyû, "Haideruberuku gakuha no hitobito" (Die Anhänger der Heidelberger Schule), in: Risô No. 87, August 1938, S. 38-43
25.
Ishihara Ken, "Haideruberuku daigaku no omoide" (Erinnerungen an die Universität Heidelberg), in: Risô No. 87, August 1938, S. 25-32
Ishihara Ken, "Fünfzig Jahre Leben für die Wissenschaft" (August 1959) in: Ishihara Ken zenshû Bd. 11, Tôkyô [Iwanami shoten] S. 3-115
26.
Kita Reikichi, Tetsugaku angya (Philosophische Wanderjahre), Tôkyô [Shinchôsha] 1926
(Enthält S. 29-78 Erinnerungen an Gespräche mit Rickert, S. 295-330 allgemeine Erinnerungen an Heidelberg.)

Sekundärliteratur zu Herrigel:

27.
Przywara, Erich S.J., Kant heute. Eine Sichtung, München u. Berlin 1930
(Arbeitet im Kapitel "Von Kant zu Thomas" die Gegensätze in der Auffassung der kritischen Metaphysik bei Heidegger und Herrigel heraus.)
28.
Böhm, Franz J. (Rez.), "Eugen Herrigel, 'Die metaphysische Form'" , in: Logos Bd. XX/2, 1931, S. 314-318.
29.
Meyer, Hans, Abendländische Weltanschauung Bd. V: Die Weltanschauung der Gegenwart , Paderborn u. Würzburg 21966 (1950)
(Diskutiert Herrigels Stellung im Neukantianismus.)
30.
Schorcht, Claudia, Philosophie an den bayerischen Universitäten 1933-1945 , Erlangen [Harald Fischer Vlg.] 1990
(Erörtert anhand Archivmaterial Herrigels Aktivitäten im Dritten Reich; keine Angaben zu Herrigels Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1940-1945.)
31.
Thiel, Christian, "Die Erlanger Philosophie im Zeitalter der Wissenschaften" , in: Henning Kössler [Hg.], 250 Jahre Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Erlanger Forschungen Sonderreihe Bd. 4), Erlangen 1993, S. 437-446
(S. 441f. über Herrigels Lehraktivitäten in Erlangen).

Autor:Niels GÜLBERG
e-mail: guelberg@mn.waseda.ac.jp
Last updated: 98.4.15
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