Niels Gülberg (Waseda Universität, Tokyo)
Dieses Erklärungsmodell, das von der hauptsächlich doktringeschichtlich ausgerichteten Buddhologie entworfen wurde, welche die Tendenz hat, das ideengeschichtlich Neue überzubewerten, ist jedoch zu simpel; zudem verfälscht es die Bewertung dadurch, daß insbesondere für die aus den Lehren Hônens und Shinrans hervorgegangenen Schulen spätere Entwicklungen aus der Muromachizeit (15. und 16. Jahrhundert) schon in die Anfänge der frühen Kamakurazeit zurückprojiziert wurden.
So war es eigentlich recht verdienstvoll, daß Robert Morrell vor 11 Jahren eine Monographie vorlegte, die die Entwicklungen innerhalb der traditionellen buddhistischen Schulen - für die Tendai-Schule am Beispiel Jiens, für die Kegon-Schule mit Myôe, für die Hossô-Schule mit Jôkei und für die Shingon-Schule mit Kakukai - in der frühen Kamakurazeit aufzeigen wollte (MORRELL 1987). Daß er dabei jedoch diese repräsentativen Vertreter von Schulen, die in den größten Tempeln des Landes (Enryakuji auf dem Hiezan, Tôdaiji und Kôfukuji in Nara) angesiedelt waren, wider besseren Wissens zu "Minderheiten" degradiert, bedeutet letztendlich nichts anderes, als die überkommenen Fehler der buddhologischen Forschung weiterzutradieren. Mag auch die Letter "minority report" im Lande des "Non discrimination Act" verkaufsfördernd sein, im Falle Jiens, der ungeniert stolz darauf war, den mit "3000 Mönchen"(1) zahlenmäßig größten Orden des Landes anzuführen (Jôkei kann dagegen für seinen ebenfalls nicht kleinen Kôfukuji nur auf 1300 Mönche verweisen), ist diese Kennzeichnung irreführend.
Als Sohn des Regenten Fujiwara no Tadamichi (1097-1164) und jüngerer Bruder des Regenten Kujô Kanezane (1149-1207) war Jien von klein auf prädestiniert für hohe Mönchsämter; trotz persönlichem Widerwillen füllte er diese Ämter zur Zufriedenheit seiner Umgebung mit großem administrativen Geschick aus. Insbesondere im Amt des Oberhaupts der Tendai-Schule (tendai zasu), das er als erster gleich viermal ausübte, legte er den Grundstein für die jahrhundertelange Vorrangstellung seines Ordens, die erst durch Oda Nobunaga im 16. Jahrhundert mit brachialer Gewalt nachhaltig gebrochen wurde. Diese Vorrangstellung, im "Gukanshô" als Rückkehr zu den Goldenen Zeiten Ryôgens (912-985, auch "Jie daishi") ideologisiert, welcher über enge Verbindungen mit dem Regenten- (insbesondere mit Jiens Ahnherrn, dem Gründer des Kujô-Hauses, Morosuke) und mit dem Kaiserhaus verfügte(2), war Produkt eines geschickten Taktierens zwischen den politischen Machthabern: den Exkaisern Go-Shirakawa (1127-1192) und Go-Toba (1180-1239), dem Regentenhaus, das gerade unter der Leitung seines Bruders Kanezane die Macht der Exkaiser beschneiden wollte, und dem Shogunat in Kamakura. Dabei schreckte Jien auch nicht vor opportunistischen Winkelzügen zurück, wenn es denn dem Wohle seines Tempels diente: um sich die Gunst Go-Tobas zu sichern, stiftete er Genkyû 2 (1205) dem Exkaiser das Gelände seiner eigenen Klause in Shirakawa, wo dieser den Saishô shitennô'in errichten ließ, das Zentrum der Verschwörung gegen das Shogunat, doch als nach den Unruhen des Jôkyû no ran 1222 das Gelände des verbannten Exkaisers zurückgegeben wurde, schreckte er nicht davor zurück, eben dieses Shogunat um finanziellen Beistand für die Wiedererrichtung zu bitten.
Dieses Buhlen um die Gunst der Mächtigen war keine Eigenheit Jiens, sie läßt sich bei den meisten anderen Ordensvertretern auch beobachten. So haben die bereits Genannten, Jôkei und Myôe, für ihre eigenen Tempel von Go-Toba Zuwendungen erhalten, und auch diesen Spenden ging eine rege Publicity-Arbeit der Betroffenen voraus. Das mag aus heutiger Sicht mit den hohen moralischen Anforderungen, die die Genannten an das religiöse Leben stellten, nicht recht vereinbar sein, die veränderten ökonomischen Bedingungen ließen jedoch keine andere Wahl: die traditionellen Spenderkreise der hauptstädtischen Aristokratie, die über Jahrhunderte ihren "Familientempeln" ökonomische Stabilität gewährt hatten, waren durch die allmähliche Erosion des Steuerabgabensystems selbst so geschwächt, daß für Spenden nicht mehr viel übrigblieb. Die Tempel mußten daher "auf dem freien Markt" um neue Spenderschichten konkurrieren.
Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Schulen bzw. religiösen Strömungen, teils in scharfzüngigen Traktaten, teils mit Waffengewalt durch ihre Mönchssöldner (sôhei) ausgetragen, richteten sich keineswegs nur bzw. vorrangig gegen die neuen Schulen, etwa die Schule Hônens. Auch hier hat die Überbewertung der buddhologischen Ideengeschichtsschreibung zu Verzerrungen geführt. Jôkei, der für seine "Kôfukuji-Petition" berühmt ist, in welcher er die Fehler der Lehren Hônens anprangert (siehe MORRELL 1987: 66ff.), argumentierte ebenso heftig für die Überlegenheit der Ordinationsplattform der Nara-Tempel gegenüber der auf dem Hiezan wie auch für die Überlegenheit der Doktrin seiner eigenen Schule gegenüber der Tendai-Schule(3). Und der angeblich Streit abholde Jien versucht mit seinem "Gukanshô" letztlich nichts anderes, als dem Kôfukuji die Position des Familientempels der Fujiwara (und damit des Regentenhauses) streitig zu machen.
Nach außen hin durchaus auch bissig werdend, versuchte Jien auch, Streitigkeiten innerhalb des Ordens, wie sie etwa zwischen den niedrigen Mönchsrängen der dôshû und der hohen Würdenträger gang und gäbe waren, zu unterbinden, da dies den Orden nach außen hin schwächte. Angriffe auf einzelne Ordensmitglieder wehrte er jedoch mutig ab. So nahm er Hônen vor dessen Kritiker in Schutz, und Shinran hat bekanntlich bei ihm die Mönchsweihen empfangen, weshalb die simple Einreihung Jiens in die Hônen-Gegner, mit der Morrell seiner lose verknüpften Aufsatzsammlung inhaltlichen Zusammenhalt zukommen lassen will, als sträfliche Irreführung zu bezeichnen ist.
Ich will den heutigen Vortrag jedoch nicht für eine Polemik gegen ein mittelmäßiges Buch benutzen, sondern folgende Fragestellung verfolgen:
Diese Fragen möchte ich beantworten, indem ich das Augenmerk auf einen Bereich lenke, der von der japanischen Forschung zum Teil vom Material her noch nicht hinreichend erschlossen, zum Teil bisher nur oberflächlich gestriffen wurde, nämlich die kô-Organisationen, die für einen bestimmten Zweck (religiöse Erlösung, Belehrung, etc.) feste Interessentengruppen regelmäßig zusammenkommen ließen. Diese Bünde waren als neue Organisationsform nicht nur für Jien, sondern auch für seine Konkurrenten in den anderen Schulen interessant, weil sie einmal neue Spenderschichten erschlossen (sofern ein kô mit einer Laienschar organisiert wurde), zum andern mal auch innerhalb der festgefügten Orden neue Wege eröffneten, jenseits der Hierarchien kleinere Gruppen zusammenzufassen. Ich habe gerade für die zentralen Texte, die für diese Bünde verfertigt wurden, die sogenannten "kôshiki", eine umfangreichere Monographie vorgelegt, die wohl noch rechtzeitig zum Weihnachtsfest im Buchhandel zu beziehen sein wird (GÜLBERG 1999), da dort Jien aber nur am Rande zur Sprache kommt, mag die heutige Darstellung auch als eine Ergänzung dienen.
A. Genshins
"Nijûgo zanmai'e" als Vorbild für Jiens kô-Bünde
Daß Jien für seine Alltagspraxis auf Genshins "Nijûgo zanmai'e" zurückgriff, wissen wir aus Tagebucheinträgen seines Bruders Kanezane. In dessen Tagebuch "Gyokuyô" berichtet Kanezane am 15. Tag des 8. Monats Jûei 2 (1183), daß Jien mit einer kleinen Gruppe von acht Schülern in der Halle des Hosshôji (der Familientempel des Kujô-Regentenhauses, den Jiens Vater Tadamichi erbaut hatte und den Jien als Oberhaupt seit 1178 vorstand) das "Nijûgo zanmai nenbutsu", die 'Anrufung Buddhas gemäß der 25 samâdhi', durchführte, und daß er, Kanezane, mit seiner Frau an der Messe als Zuhörer teilnahm, um ein karmisches Band zu knüpfen (kechi'en). In einer Glosse verweist Kanezane darauf, daß diese Zeremonie zuerst von Genshin durchgeführt worden sei; sein Bruder Jien würde sie schon seit Jahren in seiner eigenen Klause veranstalten. Ähnliche Berichte, wenngleich nicht so ausführlich, finden sich im gleichen (Jûei 2/IX/15) und im nächsten Jahr (Jûei 3/I/15, 3/III/15), bezeichnenderweise immer am gleichen Monatstag (dem 15.). Abweichend davon wird im 2. Monat Bunji 4 (1188) am 18. Tag eine Zeremonie im Kujô-Palast Kanezanes durchgeführt; Anlaß war die 25. Wiederkehr des Todestages des Vaters Tadamichi (gestorben Chôkan 2, 1164/II/19).
In einem nicht näher datierten Gedicht von Jiens "Shûgyokushû" (No. 5086) lautet es:
"In der Nacht der 'Anrufung Buddhas gemäß der 25 samâdhi' dichtete er [=Jien], da der Himmel, der sich mehr und mehr bewölkt hatte, sich klärte und der Mond ohne Dunkel war:Auch hier wiederum fand die Zeremonie in der Vollmondnacht des 15. Tages statt.
Wegen der 'Amida Buddha' intonierenden Stimmen sind die Wolken verschwunden. Ach, heute nacht kann ich den vollen Mond sehen!"
Amida butsu to / tonauru koe ni / kumo kiete / michitaru tsuki wo / koyoi miru kana
In späteren Jahren bestimmte Jien das "Nijûgo zanmai'e" zur monatlichen Praxis im Daisenpô'in, d.h. dem Zentrum von Jiens Wirken seit 1208(4). Da auch die vor 1245 verfaßte Biographie Jiens eigens auf seine "Nijûgo zanmai'e"-Praxis verweist(5), kann man davon ausgehen, daß Jien zu Lebzeiten das "Nijûgo zanmai'e" regelmäßig praktizierte. In seinem Testament, vier Jahre vor seinem Tod (Jôkyû 3/VIII/1) geschrieben, legte er fest, daß man nach seinem Tode für sein Seelenheil (tsuizen kuyô) ebenfalls das "Nijûgo zanmai'e" durchführen solle(6).
Was war nun dieses "Nijûgo zanmai'e"? In der bereits erwähnten Darstellung der kôshiki habe ich gerade diese Zeremonie ausführlich behandelt (GÜLBERG 1999: 87-89, 101-176), weshalb ich hier nur einen kurzen Überblick geben möchte:
Der Name der Zeremonie, "Nijûgo zanmai", die fünfundzwanzig samâdhi, geht auf eine Stelle im "Nehangyô" (Kapitel "Heilige Praktiken") zurück, in der es heißt, die Bodhisattvas verweilten auf der Stufe der Furchtlosigkeit und durchbrächen mit den fünfundzwanzig samâdhi die fünfundzwanzig Existenzen, d.i. die einzelnen Daseinsbereiche der buddhistischen Kosmologie, die unter, um und über dem Weltenberg Sumeru angeordnet sind. Im Tendai-Buddhismus hatte schon Chih-I in seiner Anleitung für die Übungspraxis, "Mo-ho chih-kuan", auf eine Übungsform hingewiesen, die die fünfundzwanzig samâdhi mit der esoterischen Praxis des Intonierens der "Sechs-Silben-Dhâranî" verbindet: das Intonieren der einzelnen Dhâranî durchbreche die Hinderungen der entsprechenden Daseinsbereiche und lasse das jeweilige samâdhi erreichen.
Genshins Praxis geht auf einen Zusammenschluß von fünfundzwanzig Schülern, die bei ihm und seinem Lehrer Ryôgen gelernt hatten, zurück. Diese 25 setzten sich eineinhalb Jahre nach Ryôgens Tod zusammen, um durch gemeinsames Üben das Ziel einer Hinübergeburt in Amidas Reine Land mit größerer Sicherheit zu erreichen. Sie baten den kurz zuvor in den Mönchsstand getretenen Yoshishige no Yasutane, eine Satzung für ihre Vereinigung zu schreiben, die zwei Jahre später (988) durch eine erweiterte Satzung aus Genshins Hand ersetzt wurde.
In der Zeremonie, veranstaltet an jedem 15. Tag eines Monats (der Tag Amida Buddhas im liturgischen Kalender), werden anstatt der Dhâranî von Chih-Is Praxis je 108 Anrufungen Amidas intoniert und in einem Text der Verdienstübertragung (d.i. der kôshiki-Text) für die unerlösten Lebewesen in jedem der Sechs Wege übertragen.
Aus dem Ablauf der Zeremonie lassen sich folgende Elemente hervorheben, die für Jiens eigene kô-Bünde einflußreich waren:
Von den Forschern des Reine-Land-Buddhismus wird aus der oben erwähnten Glosse in Kanezanes Tagebuch (d.i. der Erstbeleg eines "Nijûgo zanmai'e" für Jien) und der Tatsache, daß es zwischen der Sterbeliste von Genshins Schülern(7) aus dem Jahre 1013 und Kanezanes Tagebucheintrag keine anderen Belege für Aufführungen des "Nijûgo zanmai'e" gibt, angenommen, daß erst durch Jien eine Wiederbelebung der Zeremonie durchgeführt worden war (ITÔ 1974: 310ff., SATÔ 1979: 480), tatsächlich läßt sich aber diese Lücke von 180 Jahren schließen, wenn die Rezeptionszeugnisse von Genshins Praxis aus dem 11. und frühen 12. Jahrhundert mit herangezogen werden: Yôkan (1033-1111) hat in einem Abschnitt seines wahrscheinlich um 1080 entstandenen "Sanji nenbutsu kanmon shiki" Genshins kôshiki in komprimierter Fassung untergebracht (vgl. GÜLBERG 1999: 189, 194-196), und das 1114 entstandene "Junji ôjô kôshiki" Shingens zitiert eindeutig aus der Satzung in der Fassung Yasutanes. Auch würde eine Wiederbelebung durch Jien nicht erklären, wieso in dem kurz nach Kanezanes Bericht entstandenen "Hôbutsushû" Genshins "Nijûgo zanmai'e" (Satzungs- wie auch kôshiki-Text) eine derart prominente Rolle spielt(8), denn in setsuwa wird für gewöhnlich nur auf das referiert, was dem Publikum schon wohlbekannt ist. Natürlich ist Jien auch dafür bekannt, alte Zeremonien ausgegraben und wiederbelebt zu haben, so das von Ennin verfaßte "Saihô sanpô", das Jien 1197 in einer alten Handschrift aus dem Jahre 1051 entdeckte, abschrieb und mit seinen Schülern häufig praktizierte (SATÔ 1979: 482-487), beim "Nijûgo zanmai'e" kann man jedoch eher eine lebendige Tradition annehmen.
B. Jiens kôshiki
Bisher hatte ich Jien als Praktizierender dargestellt, die lebenslange Praxis von kôshiki beschränkte sich bei Jien aber nicht nur auf bereits bestehende kôshiki, vielmehr ließ er weitere kôshiki für ähnliche Veranstaltungen von anderen schreiben und schrieb auch selbst einige Werke. Neben diesen kôshiki gibt es für weitere kô-Bünde Satzungen, die Auskünfte über die konkrete Praxis geben und auch von der bisherigen Jien-Forschung zum Teil berücksichtigt worden sind ("Tendai kangaku kô"), darüber werde ich im nächsten Abschnitt Genaueres sagen. Zuerst sollen aber die kôshiki, die direkt auf Jien zurückgehen, aus unerfindlichen Gründen jedoch von der Forschung bisher übersehen wurden, zur Sprache kommen.
a. Shari hôon'e und Hôon kôshiki
Das Shari hôon'e ist die einzige Veranstaltung, die bislang von der Forschung berücksichtigt wurde, da bei dieser Gelegenheit zahlreiche Gedichte verfaßt wurden. Vor allem TANI 1992 hatte sich die Mühe gemacht, das zahlreiche Quellenmaterial zu sichten, ohne jedoch auf die bei der Gelegenheit aufgeführten kôshiki einzugehen. Shari kô, d.h. Veranstaltungen zur Verehrung von Buddhareliquien, veranstaltete das Regentenhaus der Kujô bereits zu Zeiten Tadamichis. Zwischen 1183 und 1212 lassen sich aus verschiedenen Quellen (Teikas "Meigetsu ki", Nagakanes "Sanchô ki", Kanezanes "Gyokuyô" und dem "Mon'yô ki") Veranstaltungen nachweisen, bei denen es zu Musik- und Tanzaufführungen und zum Verfassen von chinesischer und japanischer Lyrik kam. Ich habe bereits anderenorts (GÜLBERG 1999: 98f.) darauf hingewiesen, daß bei den Shari kô (auch Shari'e) eine andere Traditionslinie (die der Lesungen über einen bestimmten Sutrentext, wie etwa die "Hokke hakkô", 'Acht Lesungen über das Lotus-Sutra') zugrundeliegt als bei den "normalen" kôshiki. Allerdings hat Jien in die Veranstaltung des Regentenhauses auch die Aufführung von kôshiki eingebunden.
Bei der Entwicklung des Shari hôon'e zu Jiens Zeiten lassen sich hinsichtlich der kôshiki vier Stufen feststellen:
b. "Jinushi gongen kôshiki" und "Sannô kôryakushiki"
Das erste datierbare kôshiki, das Jien selbst verfaßt hat, ist das "Jinushi gongen kôshiki" vom 6. Tag des 8. Monats Jôgen 3 (1209). Ich bin bei der Erfassung der kôshiki-Handschriften des Daigoji auf eine Abschrift von 1794 gestoßen, der Jien-Forschung stünde aber im Prinzip noch eine viel bessere Überlieferungsstufe zur Verfügung, denn Shibuya Ryôtai hatte in seinem Verzeichnis der existierenden Tendai-Schriften auf eine Abschrift aus der Kamakurazeit aufmerksam gemacht, die sich im Besitz von Jiens ehemaligen Wohnsitz, im Shôren'in, befindet(14).
Das "Jinushi gongen kôshiki" ist kein rein buddhistisches Werk, sondern gehört zu den "jingi kôshiki", kôshiki, die die japanischen Himmels- und Erdgottheiten zum zentralen Verehrungsgegenstand haben. Diese kôshiki entwickelten sich, wie ich bereits andernorts (GÜLBERG 1999: 83) dargelegt habe, erst im späten 12. Jahrhundert; Jiens kôshiki gehören daher zu den ersten ihrer Gattung (Jôkei hatte rund 15 Jahre vorher, seit 1195, mehrere kôshiki zur Verehrung der Gottheit von Kasuga geschrieben, 1205 verfaßte Myôe ein "Kasuga" und ein "Sumiyoshi daimyôjin kôshiki", vgl. GÜLBERG 1999: 56-57, 63).
Das "Jinushi gongen kôshiki" ist ein Werk in drei Abschnitten. Im Darlegungsteil wird die Sannô-Gottheit der sieben Schreine als Manifestation Shakyamunis als Beschützer des "Groß-Hie", d.i. wohl des gesamten Hiezan, der "herabgelassenen Spur" (suijaku) des Medizinmeister-Buddhas (Yakushi), der Beschützer des "Klein-Hie", d.i. der Gegend der Haupthalle des Enryakuji (konpon chûdô), gegenübergestellt. Im ersten Abschnitt ist der Urstand (honji), d.i. der Medizinmeister-Buddha, Thema, der in seinen Tugenden gepriesen wird. Im zweiten Abschnitt wird die "Herabgelassene Spur" gepriesen, wobei Jinushi gongen als der "Große Schrein" (ômiya) neben den Schrein des Jûzenji gongen gestellt wird. Der dritte Abschnitt ist, wie üblich, der Verdienstübertragung gewidmet.
Das zweite Werk, das "Sannô kôryakushiki", ist leider nur in einer späten Abschrift erhalten, die zwar einen Verfasservermerk enthält, aber nicht die ursprüngliche Datierung. Die Handschrift befindet sich in der großen shômyô-Sammlung Gyosan sôsho, die der Mönch Kakushû (1817-1883) aufgrund früherer Sammlungen zusammengetragen hat, und hat eine auf 1519 datierte Nachschrift. Sowohl "Kokusho sômokuroku" wie auch Shibuyas Verzeichnis weisen diese Abschrift aus. In dem kôshiki werden sämtliche Gottheiten, die an verschiedenen Orten des Hiezan verehrt werden, sehr knapp und bündig vorgestellt. Ob Jien bereits sein Werk als "verkürztes kôshiki" bezeichnet hat, oder ob dieser Titel in Abgrenzung zu den zahlreichen anderen Werken mit ähnlichem Titel und Inhalt(15) nachträglich modifiziert wurde, ist unklar. Die Entstehungszeit ist unbekannt, da es sich aber, wie beim vorherigen Werk bemerkt, um den Beschützer des "Groß-Hie" handelt, könnten beide Werke als Komplemente entstanden sein. In einem Gelübde (ganmon) zur Weihung des Daisenpô'in, datiert auf Jôgen 2 (1208)/X/24, wird für den 24. Tag den Monats ein Sannô kô vorgesehen, daher ist das vorliegende kôshiki wahrscheinlich für diesen Anlaß geschrieben worden(16).
c. "Jûzenji kôshiki"
Über den Inhalt dieses Werkes kann ich nichts sagen, da ich es selbst nicht begutachten konnte. Shibuya Ryotai hat aber in seinem Verzeichnis das Nachwort mitgeteilt, wonach Jien das Werk am 12. Tag des 10. Monats Kenryaku 1 (1211) für die Eigenpraxis umschrieb, nachdem zuvor schon Schüler von ihm Änderungen an dem Werk vorgenommen hatten. Das Werk muß also schon früher, und damit wohl in Zusammenhang mit den voran genannten beiden Werken entstanden sein(17).
d. "Jie daishi kôshiki"
Dieses Werk, das vor rund zwanzig Jahren in einer Originalschrift Jiens entdeckt wurde und in der Quellensammlung "Dai Nihon shiryô" nun seit über 15 Jahren auch gedruckt vorliegt, ist von der Jien-Forschung immer noch nicht wahrgenommen worden. Zwar ist die Handschrift fehlerhaft, weil der Beginn (Darlegungsteil und ein Teil des ersten Abschnitts) verlorengegangen ist, dennoch kann man an dem Werk ein gutes Bild davon gewinnen, wie Jien den im "Gukanshô" wegen seiner geschickten Leitung der Tendai-Schule hochgelobten Ryôgen sah. Natürlich müßte dazu das Werk genauer mit den zahlreichen Jie daishi kôshiki verglichen werden, die früher (Genshins und Kakuchôs Werke) oder zeitgleich (Shôshins (ca. 1129-nach 1214) Werke) entstanden sind, aber auch nachfolgende Werke, die vielleicht unter Einfluß Jiens entstanden sind, könnten Aufschluß über den heute verlorengegangenen Teil geben(18).
Das Werk ist im Kolophon auf den 7. Monat Kenpô 2 (1214) datiert, es heißt dort aber, daß Jien es bereits im Vorjahr, also 1213, geschrieben habe. Im ersten Abschnit (bzw. in dem noch erhaltenen Teil des ersten Abschnitts) werden Ryôgens Leistungen zu Lebzeiten gepriesen, im zweiten die Nutzen, die er noch nach seinem Tode bringt, und der dritte Abschnitt dient wiederum der Verdienstübertragung. Interessant ist, daß er in diesem dritten Abschnitt einen Bogen zu dem "kangaku kô'e", dem 'Bund zur Beförderung der Gelehrsamkeit', schlägt und die Hoffnung zum Ausdruck bringt, daß mit Ryôgens Hilfe dieser Bund bis in die ferne Zukunft der drei Versammlungen, in denen der künftige Buddha Maitreya das Gesetz erneut predigen wird, fortbestehen soll.
e. "Jôbodai kôshiki"
Für dieses Werk sind ausführliche Regularien zur Durchführung im "Mon'yô ki" 96 (Zuzôbu 12, S. 53b-54c) zu finden, auch wissen wir, daß ein "Jôbodai kô" im Tempel von Jiens Lehrer und Vorgänger Zengen (1113-1192), im Hyakkô'in, jeden Monat zum Gedenken des Todestages Zengens (er starb am 13. Tag des 12. Monats) stattfand ("Mon'yô ki" 90, Zuzôbu 12, S. 4b), und in der Hauptklause (honbô) des Shôren'in (ebenda, S. 6c). Bei meinen Recherchen stieß ich im Daigoji auf eine Handschrift dieses Werkes, die in einer Sammelhandschrift aus der Muromachizeit mit verschiedenen anderen kôshiki zusammengebunden war und leider - für mich - nur schwer entzifferbar ist. Das Werk ist ein klassisches "tsuizen kuyô"-kôshiki, um für das Seelenheil des Toten zu beten. Es setzt sich aus fünf Abschnitten zusammen, die je einen der fünf Erhabenen (goson) - Vairocana, Shakyamuni, Amitâbha, Maitreya und den Bodhisattva Ksitigarbha - zum Gegenstand haben. Datiert ist das Kolophon auf Kenpô 3 (1215)/IV/19. Warum das Werk erst so lange nach Zengens Tod entstand, ist unklar. Übrigens sind kôshiki zum Seelenheil speziell einer Person wahrscheinlich im Mittelalter eine häufigere Erscheinung gewesen, doch dürften viele dieser Werke verlorengegangen sein, denn außer den engsten Verwandten wird sich kaum jemand finden, der eine solche Zeremonie weitertradiert. Beim "Jôbodai kôshiki" war es einmal die Rolle, die Zengen innerhalb der Tendai-Schule spielte, zum anderen die Autorschaft Jiens, die diese Zeremonie über längere Zeit am Leben erhielt. Zenjakus "Gakkô shiki", für das Seelenheil seines Freundes Kamo no Chômei geschrieben, wurde durch einen späteren Bearbeiter so verändert, daß nicht mehr die Einzelperson Chômei, sondern jeder beliebige andere Tote damit verehrt werden konnte.
f. "Hôon Amida kôshiki"
Nach dem "Mon'yô ki" 90, Zuzôbu 12, S. 6c, fand in der Hauptklause (honbô) des Shôren'in jeden Monat am 10. Tag ein "Hôon Amida kô" zum Gedenken an die Mutter Jiens, die Nonne Yama'i, statt. Jiens leibliche Mutter, die Dame Kaga, starb bekanntlich Hôgen 1 (1156)/II/10, als Jien gerade zwei Jahre alt war. Der Todesgedenktag stimmt also mit dem Todestag der leiblichen Mutter überein. Allerdings war die Nonne Yama'i Jiens Ziehmutter, eine Tochter Fujiwara no Michisues ("Sonpi bunmyaku" Bd. 1, S. 148) und Witwe des Mittleren Kabinettsrats Tsunesada. Über das Todesdatum der Ziehmutter sind keine Angaben bekannt. Nur weiß man, daß die Nonne sehr vermögend war und Jien die Einkünfte aus ihrem Landbesitz hinterlassen hatte, damit dieser nach ihrem Tod für ihr Seelenheil bete (vgl. Jiens "Daisenpô'in kishô", datiert auf das Jahr Ken'ei 1, 1206; "Mon'yô ki" 91, Zuzôbu 12, S. 11c).
Auf eine kamakurazeitliche Abschrift eines "Hôon Amida kôshiki" im Besitz des Shôren'in Yoshimizu, d.h. von Jiens Tempel, hatte Shibuya in seinem Verzeichnis aufmerksam gemacht(19), eine Bearbeitung läßt noch auf sich warten.
g. Unsicheres
Unter dem biographischen Material, das zu Jiens Todestag in "Dai Nihon shiryô" abgedruckt ist, findet sich auch ein Hinweis auf ein "Monju kôshiki" in Besitz des Sanbô'in, das auf Kenpô 3 (1214)/IV/19 datiert ist. In einer Glosse wird vermerkt: "Dai sanbu no okugaki", 'Kolophon des dritten Teils'. Sanbô'in könnte einen der zahlreichen Tempel auf dem Kôyasan bezeichnen, doch wird auch ein zentraler Tempel des Daigoji mit diesem Namen benannt. Zudem fällt das Datum auf, wie auch der Wortlaut des Kolophons, der völlig mit dem oben unter e. zitierten "Jôbodai kôshiki" übereinstimmt. Wie ich dort schon beschrieben habe, handelt es sich beim "Jôbodai kôshiki" um einen Text in einer Sammelhandschrift (Daigoji 207/47), die besteht aus (1) einem "Monju kôshiki" in 4 Abschnitten, Abschrift aus dem Jahr 1443, aus (2) einem "Monju kôshiki" in 5 Abschnitten, das von Jôkei verfaßt wurde, aus (3) einem "Kannon kôshiki" in 3 Abschnitten, das Jôkeis Nachwort aus dem Jahr 1201 wiedergibt, aus (4) dem "Jôbodai kôshiki" Jiens und aus zwei weiteren "Daikoku kôshiki", von denen das letzte eine Abschrift aus dem Jahr 1493 ist. Da die Sammelhandschrift den Außentitel "Monju kôshiki (sono ta)" trägt, das zweite Monju kôshiki kein Kolophon hat, ist das Kolophon Jiens das dritte unter den Kolophonen dieser Handschrift, so daß der "Dai Nihon shiryô"-Eintrag wahrscheinlich nicht auf ein noch unbekanntes weiteres kôshiki Jiens, sondern auf das "Jôbodai kôshiki" verweist.
Aufschlußreicher erscheint mir hingegen ein Dokument, das auf den 4. Monat Kenryaku 3 (1213) datiert ist und für die zweite Haupthalle neben dem Daisanpô'in, der Shijôkôdô-Halle, in Jiens Tempel für jeden Monat die Durchführung von vier verschiedenen kôshiki festlegt(20): am 3. Tag ein "Jie daishi kô" (vgl. oben d.), am 8. Tag ein "Jinushi [gongen] kô" (oben b.), am 14. Tag ein "Jikaku daishi kô" und am 24. Tag ein "Jûzenji kô" (vgl. oben c.). Ob Jien für das "Jikaku daishi kô" am 14. Tag ein eigenes kôshiki schrieb, ist unklar; allerdings gibt es meines Wissens nur ein einziges erhaltenes "Jikaku daishi kôshiki", das im "Kokusho sômokuroku" verzeichnet ist. Da Jien der esoterischen Lehrtradition der Tendai-Schule (taimitsu) angehörte und ein glühender Ennin-Verehrer war, käme er durchaus als Autor eines solchen Werks in Frage.
C. Das "Tendai kangaku kô" als Beispiel für die materielle und geistige Absicherung der Bündnisorganisationen
Im 2. Monat des Jahres Jôgen 2 (1208) verfaßte Jien eine Ursprungsgeschichte (engi) und ein Regelwerk (kishô) für das "Tendai kangaku kô", den 'Bund zur Beförderung der Gelehrsamkeit in der Tendai-Schule'. Diese Texte beschreiben zwar keine kôshiki-Zeremonien, wie sie im vorherigen Abschnitt dargestellt wurden, sind aber für uns deshalb aufschlußreich, weil Jien darin Auskünfte gibt über wirtschaftliche, organisatorische und erzieherische Aspekte. Das "Kangaku kô" war vom Umfang her sicherlich größer als die bisher genannten Veranstaltungen(21), vor allem war die finanzielle Absicherung durch eine großzügige Zuwendung des Shoguns Yoritomo, der von den Jahresabgaben einer den Taira abgeknöpften Länderei in Echizen (Fujishima-shô) 1000 koku bereitstellte, besser als bei anderen Bünden.
Jien gibt dabei in der Ursprungsgeschichte eine ideologische Rechtfertigung für die gesellschaftliche Rollenverteilung der von der Abgabepflicht geschundenen Bauern und der von den Abgaben lebenden Mönchen, die er mit der Wichtigkeit der letzteren im Zeitalter des Niedergangs der Buddhistischen Lehre begründet:
"Nachdem ich, der mindere Mönch [Jien], das Amt des Oberhaupts (zasu) auf diesem Berg übernommen hatte, dachte ich - es war wohl um die Zeit der vergangenen Jahre Kenkyû 4 oder 5 (1193/4) - in meinem Herzen folgendes: Daß im letzten Zeitalter des Buddhagesetzes (matsudai no buppô) der Weg des Praktizierens der Gelehrsamkeit allmählich daniedergeht, ist wahrlich nicht aufzuhalten. Das hat seinen Grund darin, daß törichte und tumbe Menschen nach und nach ihre Geburt erlangen. Wie wäre dem im [Zeitalter] des Abnehmenden Gesetzes geschwächten und abgemagerten [Buddha-]Gesetz zu helfen, wenn nicht die Predigt des geeigneten Mittels der Lehrpforte weitervererbt würde? Doch das ist das letzte Zeitalter, wo die Geburt schwer, das Gesetz leicht wiegt. Aber wie könnte einer das Buddhagesetz studieren, ohne die Unterstützung für Mönchsrobe und Bettelschale auszusäen? Sich am Besitz zu erfreuen und nach Schätzen zu begehren, das kann für den Betreffenden zum rechten Anlaß werden. Würde einer nicht [Früchte] von Feldern und Gärten horten, wie könnte er auf diesem Berg bleiben, um hier zu wohnen? Was damit gesagt wird, widerspricht nicht den heiligen Lehren. Warum? Buddha hatte alle Opferspenden angenommen, um den unerlösten Lebewesen zu nützen. Und die unerlösten Lebewesen wiederum vermögen durch die Vollkommenheit des Gebens (dâna pâramitâ) in den Buddhapfad zu treten. Das ist der Alltagsweg (jôto) der Buddhistischen Lehre, der rechte Weg (shôdô) im [Zeitalter des] Abnehmenden Gesetzes"(22).So nimmt es nicht Wunder, daß der große Spender Yoritomo von Jien als "Schützer des Königgesetzes (ôbô) und Verehrer des Buddhagesetzes" gepriesen wird.
Jien hatte schon beim ersten Aufenthalt Yoritomos in der Hauptstadt intensive Beziehungen zu dem neuen Machthaber angeknüpft, wie der rege Briefwechsel der beiden, der in der Gedichtsammlung "Shûgyokushû" erhalten ist, bezeugt. Jien war zu der Zeit das erste Mal Oberhaupt der Tendai-Schule (von 1192-1196). Die Anfänge des Bundes gehen auf diese Zeit zurück. In der Rückblende aus dem Jahr 1208 erinnert er sich, daß er in den Jahren Kenkyû 6 und 7 (1195/6) das erste Mal siebentägige kô mit 100 Schülern durchgeführt hatte; sechs Tage dienten dem Studium von Kommentaren des Yuimagyô und des Nehangyô , am siebten Tag wurden esoterische Zeremonien durchgeführt. Übungsstätte war der von seinem Bruder Kanezane für das Seelenheil ihrer älteren Schwester Hachijô'in errichtete Tempel Daijô'in im Mudôji, wo Jien zu der Zeit hauptsächlich wirkte. Die nächsten vier Jahre, in denen zwei Nachfolger mit mehr oder weniger Glück das Amt des Tendai zasu ausübten, brachten einen schweren Schlag für Jien: die Jahresabgaben von 1000 koku, die eigentlich zur Durchführung des kô gedacht waren, teilte man auf dem Hiezan unter sich auf, ohne daß Jien etwas davon zu Gesicht bekam. Er war aber dennoch stolz darauf, ohne finanzielle Absicherung und ohne Spenden die Studien im kleine Kreis fortgeführt zu haben, "ohne daß der Dämon der falschen Ansichten über die buddhistische Tugenden siegte" (ebenda, S. 13c). Das zweite Mal im Amt (1201/2), etablierte er den Bund wieder. Die Festschreibung der Ursprungsgeschichte und der Regularien sollten dazu dienen, den Bund unabhängig von seiner Person und Stellung zu machen und so für künftige Generationen zu sichern.
Bei der Organisation des Bundes sorgte Jien dafür, daß alle Interessengruppen des Hiezan entsprechend ihrer Stärke berücksichtigt wurden. Die streng auf 100 begrenzte Mitgliederschaft untergliederte sich in Führende (sendatsu), 40 an der Zahl, und 60 allgemeine Bündner (kôshû). Die Führenden sind ältere Semester, die bereits das Lehramt eines rissha erfüllt haben, d.h. bei öffentlichen Disputationen ihre Lehrmeinungen verteidigten. Die allgemeinen Bündner sind jüngere Gelehrtenmönche. Ausgewählt sollte nicht nach Geburt und Rang, sondern nach Fähigkeit werden, allerdings streng proportional zur Heimmacht:
| Östliche Pagode: | sendatsu 18 | kôshû 28 |
| Mudôji: | sendatsu 2 | kôshû 2 |
| Westliche Pagode: | sendatsu 12 | kôshû 18 |
| Yokawa: | sendatsu 7 | kôshû 12 |
Durchgeführt wurden die kô jährlich vom 1. bis 7. Tag des 10. Monats; die ersten sechs dienten der Exegese der exoterischen Texte (kenkyô), der siebte Tag der esoterischen Praxis.
An den Debatten der ersten sechs Tage waren alle 100 Mitglieder beteiligt: die Führenden wechselten sich in zwei Gruppen zu 20 Personen jeden Tag ab, um bei den Debatten (rongi) den Jüngeren bei Schwierigkeiten weiterzuhelfen, die 60 allgemeinen Bündner waren in sechs Gruppen zu je zehn eingeteilt, von denen jede Gruppe mit der Gestaltung eines der sechs Tage beauftragt war. Jede Gruppe stellte einen Lektor, fünf Fragesteller und vier Personen zu je zwei Paaren als Schiedsrichter der Debatte, so daß jeder einzelne Teilnehmer aktiv beteiligt war. Die Entlohnung war genau festgelegt (jeder der sendatsu: 15 koku, jeder kôshû: 5 koku, das Oberhaupt der Schulausbildung: 100 koku). Damit war noch nicht genug, denn die esoterischen Zeremonien des siebten Tages wurden von weiteren Mönchen geleitet, die ebenfalls auf Entlohnung hofften, weshalb als Spendengaben (fuse) noch weitere 114 Stoffbahnen Seide und 1500 Ballen Leinen aufgebracht werden mußten.
Sicherlich hatte diese Veranstaltung, wie von Jien intendiert, zur Beförderung der Gelehrsamkeit auf dem Hiezan beigetragen. Das Lehrprogramm, das er in seiner Ursprungsgeschichte aufstellt (ebenda, S. 13c), reichte nach seinen eigenen Hochrechnungen noch über ein Jahrzehnt vor und war durchaus anspruchsvoll. Nicht zu vergessen ist aber, daß mit diesem Bund eine Organisation geschaffen wurde, die die untereinander zerstrittenen Parteien des Hiezan wenigstens zeitweilig zusammenbrachte. Der finanzielle Anreiz, den Jien ja als mit der buddhistischen Doktrin vereinbar dargestellt hatte, dürfte groß genug gewesen sein, um sich dafür mit den Lehrschriften der Vergangenheit herumzuplagen.
Jiens Wirken muß auch im Vergleich zu seinen Konkurrenten als hervorragend bewertet werden. Sowohl Jôkei wie auch Myôe waren Jien als kôshiki-Autoren bei weitem überlegen, während ihre Werke aber in allen Schulen fleißig verwendet wurden, brach die Tradition in ihren eigenen Tempeln bei der Generation der Enkelschüler ab: Auf dem Kôzanji, wo Myôe seinen Lebensabend verbrachte, läßt sich eine lebendige kôshiki-Tradition nur bis ins späte 13. Jahrhundert, rund 50 Jahre nach Myôes Tod, verfolgen. Erst in späteren Jahrhunderten versuchte man, die abgestorbene Tradition wieder aufleben zu lassen. Wie die Übersicht der Zeremonien in den Tempeln auf dem Hiezan und in der Hauptstadt aus dem Jahr 1351 ("Mon'yô ki" 90, Zuzôbu 12, S. 1a-7c) zeigt, war durch den Einfluß Jiens umgekehrt eine noch lebendigere kô-Bewegung entstanden, als sie Jien zu Lebzeiten sich hätte vorstellen können. Mit gutem Gewissen können wir ihn daher als Reformer der Mönchsorganisation seiner Schule bezeichnen, der mit kleinen, aber effektiven Schritten eine Stabilisation erreichte, ohne bestehende Strukturen zerstören zu müssen.
D. Fazit
Ich habe Ihnen Jien als Praktizierer, Autor und Organisator von kô bzw. kôshiki vorgestellt. Inhaltlich gesehen, bringt das allein nichts Neues. Jien hatte sich darin als Nachfolger bereits bestehender Traditionen auf dem Hiezan erwiesen, und dennoch ist der Umfang seiner Aktivitäten weit über die seiner Vorgänger hinausgegangen. Die kô-Bünde waren sowohl wirtschaftlich interessant, da die meisten Tempel mehrere kô pro Monat veranstalteten, wie auch organisatorisch, weil sich nicht nur die Mönche, sondern auch die Laienanhänger so einfach zusammenfassen ließen. (In der Muromachizeit war es der Higashi Honganji, der über die kô im ganzen Lande kirchenähnliche Strukturen organisierte.)
Anmerkungen:
(1) Genaue Zahlen sind nirgends dokumentiert, doch dürfte diese Selbstaussage Jiens, die sich bei ihm öfters findet, nicht allzu übertreiben; vgl. etwa das "Shin raihaikô ki" von Gennin 1 (1224)/XII/20: "Eigaku sansen no shuto wa, waga kuni rishô no sen'itsu nari" 'Der Schar der 3000 [Mönche] vom Hie-Gipfel liegt der Nutzen für dieses unsere Land ausschließlich am Herzen' (Mon'yô ki 91, Zuzôbu 12, S. 16b).
(2) Vgl. insbesondere Brown & Ishida, S. 44ff.
(3) Vgl. Dai nihon bukkyô zensho Bd. 105, S. 14-20. Als Argumente dienen ihm, daß die großen Lehrer der japanischen Tendai-Schule (Saichô, Ennin, Enchin) ihre Ordination in Nara erhielten und daß die Hossô-Schule auf indische Ahnen zurückgehe, während die chinesische T'ien t'ai ein Konglomerat von verschiedenen Traditionen sei, das erst nachträglich und fern vom Ursprungsland Shakyamunis entstand.
(4) Vgl. "Mon'yô ki" 90, Zuzôbu 12, S. 6a. Da diese Angaben des "Mon'yô ki" den Ist-Zustand der Praktiken aus dem Jahre 1351 beschreiben, ist nicht ganz sicher, ob Jien schon bei der ersten Errichtung des Daisenpô'in entsprechende Vorschriften erlassen hat. Bekanntlich hatte Jien den Daisenpô'in nach der Rückgabe des Saishô shitennô'in-Geländes kurz vor seinem Tod wiedererrichten lassen.
(5) Dai Nihon shiryô 5/2, S. 768.
(6) "Kachô yôryaku" 55jô, S. 1161a.
(7) "Ryôgon'in nijûgo zanmai kako chô"; Näheres dazu in GÜLBERG 1999: 106.
(8) Für das "Hôbutsushû" in der erweiterten Fassung nehmen Koizumi Hiroshi und Yamada Shôzen an, daß es vor dem "Senzai wakashû", d.h. vor Bunji 4 (1188)/ IV/22, entstanden sein muß, weil die zitierten Gedichte nicht in der normativen Fassung der kaiserlichen Anthologie, sondern in abweichenden Varianten zitiert werden. Ich habe meine Zweifel gegen diese Datierung und gegen die Annahme, daß Taira no Yasuyori der Autor der drei Hauptfassungen des "Hôbutsushû" (Ikkan-, Sankan- und Nanakanbon) ist, bereits öfters vorgetragen; da die "Nijûgo zanmai'e"-Rezeption aber schon in dem als älteste Fassung anzusehenden Ikkanbon (Zoku gunsho ruijû 32/2, S. 181-218) nachzuweisen ist, welches nach 1179 entstand, braucht dies hier nicht weiter zu stören. Die Rezeptionsbeispiele sind in GÜLBERG 1999: 120-128, 142-145 und 167-176 aufgelistet.
(9) Kanazawa bunko 273-3-14, Shakumon hiyaku 3/7; ein kurzer Abschnitt aus diesem kôshiki hat Eingang in eine weitere Textsammlung der Agui-Schule gefunden, dem "Gensenshû", von dem es auch eine moderne Druckausgabe gibt: Nagai Yoshinori u. Shimizu Yûshô [Hg.], Agui shôdô shû Bd. 1, Kichô kotenseki sôkan 6, Tôkyô (Kadokawa shoten) 1972, dort S. 195a.
(10) Vgl. die gleicherorts (wie Anm. 9) zitierten Darlegungen.
(11) Diese apokryphe Schrift beruht auf dem echten "Sutra der barmherzigen Blüte" (Taishô daizôkyô Bd. 3, No. 157), das 500 Gelübde Shakyamunis erwähnt, aber nicht alle eigens aufzählt. Eine Edition hat dankenswerte Weise Narita Jôkan in Bukkyô daigaku daigakuin kenkyû kiyô No. 7 ("Kôzanji shozô 'Shaka nyorai gohyaku daigan kyô'"), März 1979, S. 1-71, vorgelegt.
(12) Vgl. das kôshiki-Verzeichnis in GÜLBERG 1999: 228ff., wo 12 Werke [Verzeichnisnummer 026 bis 037] aufgeführt werden, von denen vier Werke mit Sicherheit ausgeschlossen werden können, da sie von anderen Autoren - Myôe, Jôkei - bzw. wesentlich später geschrieben wurden.
(13) "Mon'yô ki" 91, Zuzôbu 12, S. 15bc.
(14) Shibuya, Shôwa genson Tendai shoseki sôgô mokuroku Bd. 2, Kyôto (Hôzôkan) 1978, S. 965b; da sich nach Shibuyas Verzeichnis im gleichen Tempel noch eine Reihe anderer kôshiki Jiens befinden, hätte die Forschung dieses Material schon seit langem erfassen können.
(15) Vgl. das kôshiki-Verzeichnis in GÜLBERG 1999: 257f., wo 7 Werke [Verzeichnisnummer 232, 233, 235 bis 239] aufgeführt werden.
(16) "Mon'yô ki" 134, Zuzôbu 12, S. 314a. Meist wird die Veranstaltung eines kô'e zuerst festgelegt. Wenn sie sich dann etabliert hat, wird im Nachhinein ein eigener kôshiki-Text für diese Gelegenheit verfaßt, weshalb aus dem angegebenen Datum nicht direkt auf die Entstehungszeit geschlossen werden kann. Übrigens hatte Jien schon viel früher an Sannô kô teilgenommen, denn in seiner Gedichtssammlung "Shûgyokushû" finden sich drei Gedichte (No. 4264-6), die anläßlich eines Sannô kô am 28. Tag des 2. Monats Bunji 6 (1190) entstanden.
(17) Im "Jinushi gongen kôshiki" spricht Jien mehrmals von den "drei Schreinen" (sansha) Sannô, Jinushi und Jûzenji.
(18) Ich zähle 10 verschiedene Werke (GÜLBERG 1999: 252f.; Verzeichnisnummern 197 bis 206). Für Genshins kôshiki liegen Editionen im Eshin sôzu zenshû Bd. 5 vor, Shôshins kôshiki haben Amano Chûkai und sein Sohn Denchû herausgegeben (EIZAN GAKUIN 1984: 108-121, Anhang S. 1-6), und ein kôshiki Go-Uda tennôs ist in Dai Nihon shiryô 1. Abteilung, Bd. 22, S. 237-242, gedruckt worden.
(19) Shibuya (wie Anm. 14), S. 960b.
(20) "Kachô yôryaku" 55jô, S. 1187b.
(21) Die Zahl von hundert Teilnehmern ist allerdings auch keine Ausnahme. Normalerweise wurden diese bzw. größere Zahlen aber nur von kô-Bünden erreicht, die Laienzuhörer organisierten, vgl. die Beispiele in GÜLBERG 1999: 90, 96.
(22) "Mon'yô ki" 91, Zuzôbu 12, S. 13a.
Übersetzung: Delmer M. Brown u. Ichirô Ishida, The Future and the Past. A translation and study of the Gukanshô, an interpretative history of Japan written in 1219, Berkeley, LA, London (University of California Press) 1979