first published in: in: Humanitas (The Waseda University Law Association) No. 41, 2003, pp. 1-32


Alois Riehl und Japan

Niels Gülberg

1. Einleitung

 Alois Riehl (1844-1924) gehört zu den vergessenen Namen der deutschen Philosophiegeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sein philosophisches Hauptwerk, der in drei Teilbänden zwischen 1876 und 1887 erschienene Philosophische Kritizismus: Geschichte und System, findet sich nicht in Kröners Lexikon der philosophischen Werke, obwohl derselbe Verlag die 3. Auflage dieses Werkes, die von Eduard Spranger und Hans Heyse betreut wurde, zwischen 1924 und 1926 publiziert hatte. Selbst in biographischen Nachschlagewerken ist Riehls Name kaum zu finden, und wenn, dann wird in wenigen Zeilen neben Geburts- und Todesjahr nur erwähnt, dass er in Berlin Professor war. Um so erstaunlicher ist daher, dass Riehl in Iwanamis Kleinen Lexikon der Philosophie, einem kleinformatigen einbändigen Nachschlagewerk, das 1930 erschien und bis 1945 zahlreiche Neuauflagen erlebte (nach 1945 erschien unter dem gleichen Titel ein neukonzipiertes, allerdings auch informationsärmeres Werk), nicht nur aufgeführt, sondern auch gleichrangig mit Heinrich Rickert (der sich zufällig auf der gleichen Seite findet) behandelt wird: während zu Rickerts Biographie und Philosophie 20 Zeilen, zur Bibliographie 30 Zeilen gebraucht werden, kommt Riehl wegen der geringeren Zahl bibliographischer Titel zwar insgesamt etwas kürzer weg, Lebenslauf und Denken werden aber umgekehrt mit 29 Zeilen sogar ausführlicher behandelt. Das ist beachtenswert, wenn man bedenkt, welchen großen Einfluss gerade Rickert auf die japanische Philosophie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausübte. Sollte vielleicht Alois Riehl in der Ferne eine Rezeption erfahren haben, von der man in Deutschland, wo sein Name so schnell vergessen wurde, gar nichts wissen wollte bzw. konnte? Dieser Frage nachzugehen, ist Aufgabe unserer Betrachtung, die sicherlich kein vollständiges Bild zu zeichnen vermag, aber eine erste Materialsammlung für das Thema versucht. Zunächst sei hier der Eintrag des erwähnten Kleinen Lexikons vorgestellt (ITÔ 1938: 599):
 Riehl, Alois 1844-1924. Deutscher Philosoph der Neukantianischen Schule. Im österreichischen Bozen (jetzt zu Italien gehörig) geboren; vom Privatdozenten in Graz zum Professor, später Professuren in Freiburg, Kiel, Halle und Berlin. Betonte die realistische, anti-metaphysische Tendenz in Kants Philosophie mit einer positivistischen Färbung (erkennt allerdings die Apriorität der Erkenntnis an). Da er annimmt, Philosophie sei nur als Prinzipienlehre der Erkenntnis und ihrer Selbstkritik als Wissenschaft möglich, hat er besonders zu den erkenntnistheoretischen Studien zu den Naturwissenschaften beigetragen. Das Erforschen der Gültigkeit der Erkenntnis ist von dem Problem ihres psychologischen Zustandekommens zu unterscheiden. Die Apriorität der Erkenntnis ist nicht das zeitliche Vor- und Nachher zwischen einzelnen Begriffen, sondern deren logische Beziehung; die Kategorie geht der Erfahrung nicht voraus, sondern konstitutiert die Erfahrung an sich. Das Ding an sich ist ein Element, das vom Kritizismus nicht beseitigt werden sollte, und die Garantie der Realität der Außenwelt ist in allen Sinneswahrnehmungen gegeben, die in ihrem Innern eine Beziehung zu etwas außer ihrer selbst enthalten. Die Wesensstruktur des Realen ist uns unbekannt; wir können nur wissen, dass es existiert und unsere Sinneswahrnehmungen affiziert. Die Sinneswahrnehmungen verleihen der Erkenntnis ihre materiale Gewissheit, Denkgesetze können dagegen nur formelle Gewissheit verleihen; außer der Mathematik gibt es keine Erkenntnis, die nicht durch Erfahrung bestätigt werden muss. Die Erfahrung ist nicht bloß individualpsychologisch, sie ist ein sozialer Begriff. Die Philosophie hat neben der oben genannten Erkenntnislehre auch die Pflicht als aktive Wertgebung, als Wertschöpfung.
 [Werke] Realistische Grundzüge, 1870. Über Begriff und Form der Philosophie, 1872. Der philosophische Kritizismus, Bd. I, 1876, 2. A. 1908; Bd. II (2 Tle), 1879-87; 2. A. (Bd. II u. Bd. III) 1925-26. Über wissenschaftliche u. nichtwissenschaftliche Philos., 1883. Beiträge zur Logik, 1892. F. Nietzsche, 1897; 6. A. 1920. G. Bruno, 1900. Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart, 1903; 5. A. 1919. I. Kant, 1904. Plato, 1905. Logik und Erkenntnistheorie (in: Die Kultur d. Gegenwart, I, 6, 1907). Der Beruf d. Philos. in. d. Gegenwart, 1914 usw. Aufsatzsammlung: Philosophische Studien, 1925.

2. Ein Gast aus Fernost – Kuwaki Genyoku in Berlin

Kuwaki Genyoku (桑木厳翼, 1874-1946), später einer der wichtigsten Vertreter des Neukantianismus in Japan und Professor an den kaiserlichen Universitäten Kyôto und Tôkyô, hatte nach eigenen Angaben von Alois Riehl das erste Mal in seiner Studentenzeit an der kaiserlichen Universität Tôkyô gehört, als der Name in der Vorlesung seines Lehrers Nakajima Rikizô (中島力造, 1858-1918) fiel. Nakajima hatte im Jahre 1896 in seiner Vorlesung zur Erkenntnistheorie Riehls Philosophischen Kritizismus (1876/1879/1887) neben Johannes Volkelts (1848-1930) Erfahrung und Denken. Kritische Grundlegung der Erkenntnistheorie (Hamburg u. Leipzig 1886) und Hermann Cohens (1842-1918) Kants Theorie der Erfahrung (Berlin 1871) als Literatur genannt. Kuwaki erkundigte sich darauf bei dem Deutschrussen Raphael von Koeber (1848-1923), der damals an der Universität Tôkyô lehrte, aber als Schüler Eduard von Hartmanns wenig Verständnis für die Neukantianer hatte und ihm daher einen negativen Bescheid gab. Dennoch bemühte sich Kuwaki, die Titel für seine erkenntnistheoretischen Studien zu bekommen. Zwei Jahre nach seinem Studienabschluss, im Jahre 1898, bestellte er die Titel über seinen Studienkameraden Tatebe Tongo (建部遯吾), der gerade als Stipendiat in Deutschland weilte, bei dem Antiquariat von Paul Lehmann in der Französischen Straße in Berlin, da japanische Importbuchhandlungen wie Maruzen in Tôkyô keine vergriffenen Titel besorgen konnten. In die Hand bekam er ein Exemplar, das Riehl eigenhändig mit einer Widmung für den Ethiker Gizycki(1) versehen hatte. Für Kuwaki waren die Umstände, wie er zu diesem Exemplar gelangte, prägnanter als der eigentliche Inhalt; später beschaffte er sich auch Riehls Nietzsche-Buch, das als Band 6 in der Reihe Frommanns Klassiker der Philosophie erschienen war.

 Nach seiner Berufung an die neugegründete Literarische Fakultät der Universität Kyôto im Juni 1906 folgte für Kuwaki wie für so viele andere Wissenschaftler der Meiji-Zeit ein Auslandsaufenthalt, der ihn 1907 zunächst für ein Jahr nach Berlin brachte. Dort studierte er, auf die Vermittlung seines Kollegen Fujii Kenjirô (藤井健次郎, 1872-1931)(2) hin, vor allem bei Friedrich Paulsen (1846-1908), in dessen Haus in Steglitz er Eduard Spranger kennen lernte, der ihn 30 Jahre später während eines Japan-Aufenthalts wiedersah(3). Da jedoch der Lehrstuhl für Philosophie von Alois Riehl innegehalten wurde, der ein paar Jahre vorher als Nachfolger Diltheys nach Berlin gekommen war, suchte ihn Kuwaki gleich nach seiner Ankunft in Berlin auf:

 „...ich schlug im Vorlesungsverzeichnis die Besuchszeiten nach und ging, ohne jegliche Vermittlung, keck ihn besuchen, obwohl ich doch gerade erst in Berlin angekommen war.
 „Haben Sie im Japanisch-Russischen Krieg gedient?“ – Das war die erste Frage, die mir gestellt wurde. Dass die Gelehrten in Europa und Amerika sich nicht mit einem Schutzwall umgeben, habe ich stets als angenehm empfunden, doch mit dieser Frage konfrontiert zu werden, brachte mich ein wenig in Verlegenheit. Glücklicherweise (?) hatte ich, wenn auch keine bedeutsame Aufgabe, so doch eine Beziehung mit diesem Krieg gehabt, weshalb ich eine passende Antwort darauf geben konnte, aber ich vermied es, auf diese Frage noch tiefer einzugehen, stellte im Anschluss daran den Zweck meines Auslandsaufenthalts dar und teilte dann mit, früher seine Werke gelesen zu haben, von denen mir insbesondere das Nietzsche-Buch von Nutzen war. Er wird wohl hoffentlich nicht geglaubt haben, alle Japaner seien Militärangehörige – zumindest schien er ein wenig damit zufrieden zu sein, dass seine Werke derart bis hin zu den Rändern des Fernen Ostens bekannt waren, und besonders als ich erwähnte, mich auf Erkenntnistheorie spezialisiert zu haben, freute er sich über den „Fachgenossen“. Allerdings war er etwas enttäuscht darüber, dass ich sagte, in letzter Zeit mich weniger mit den Naturwissenschaften zu beschäftigen als mit der Belletristik und eine Vorliebe für die Romantiker in der Philosophie zu haben.“ (KUWAKI 1925a: 62f.)
 Im Wintersemester 1907/08 besuchte Kuwaki Riehls Vorlesungen zur Philosophiegeschichte nur ein paar Mal, da an der Universität Kyôto Philosophiegeschichte von seinem Kollegen Tomonaga Sanjûrô (朝永三十郎, 1871-1951) unterrichtet wurde, er selbst aber für Philosophie proper bzw. Gegenwartsphilosophie zuständig war. Stattdessen besuchte er Riehls Vorlesung zur Ästhetik und ein Seminar über Kant.
 „Die Ästhetikvorlesung war keine philosophische Abstraktion, sondern eher etwas, was man Lehre von der Kunst (geijutsugaku 芸術学) nennen sollte, und in dieser Hinsicht gehörte sie zu dem neuesten Stil dieser Wissenschaft. Besonders als er die Technik der Entwicklung eines Zwischenfalls in Ibsens Theaterstücken behandelte, war das für mich, der ich gerade diese Theaterstücke mit Begeisterung sah, von größtem Interesse, und zugleich empfand ich es überaus reizvoll, im Vorlesungssaal einer Universität so etwas aus dem Munde eines alten Gelehrten zu hören. Zur Kunst zitierte er öfters die Theorien des Kunsthistorikers Schmarsow(4), bisweilen behandelte er Michelangelos Skulpturen der Medici-Kapelle oder das Schöne der Musik, wobei er einen Studenten am Konzertflügel die Disposition von Beethovens 9. Symphonie vorspielen ließ, womit er auch einen Nichtspezialisten wie mich ansprechen konnte. Die Vorlesungen zur Philosophiegeschichte habe ich mir ein, zweimal angehört, und jetzt reut es mich, diese nicht durchs ganze Semester gehört zu haben. Am „Seminar zu Kants Philosophie“ nahmen hauptsächlich Doktoranden teil, wobei Riehl zu den Referaten der Studenten, die um die von Erdmann herausgegebenen Reflexionen kreisten, seine Kommentare beisteuerte; im Vergleich zu den anderen Seminaren, an denen ich bei Paulsen, Dessoir(5) und anderen teilnahm (auch diese waren für mich nützlich), war das Niveau noch höher, weshalb ich die Gewissheit gewann, dies sei das Fach, das eine Universität am nötigsten hatte.“ (KUWAKI 1925a: 63)
 In Riehls Kant-Seminar lernte Kuwaki auch Friedrich Kuntze (1881-1929) kennen, der 1906 seine Dissertation über Die Kritische Lehre von der Objektivität veröffentlicht hatte, 1912 dann eine großangelegte Studie über Die Philosophie Salomon Maimons vorlegte und bis zu seinem frühen Tod als außerordentlicher Professor in Berlin lehrte. In einem im März 1930 verfassten Nachruf auf Friedrich Kuntze erinnert sich Kuwaki an diese Zeit:
 „Als ich 1907 an der Berliner Universität an dem Seminar des nun verstorbenen Professors Riehl teilnahm, hielt ein junger Doktor ein Referat über die drei Kritiken Kants. An diesem Seminar nahmen vor allem Doktoren bzw. Doktoranden teil, doch die Haltung dieses jungen Doktors war stolz und er schien bereits diesen Leuten gegenüber zu dozieren. Nach dem Referat fügte Riehl lachend hinzu, diese Meinung sei nun doch ein wenig zu fichteanisch, doch als ich später hörte, dass der junge Doktor in Freiburg bei Rickert studiert hatte, war mir leicht einsichtig, dass diese kritischen Worte nicht zufällig ausgesprochen worden waren.“ (KUWAKI 1939: 251f.)
 Im Sommersemester 1908 hielt Riehl eine Vorlesung über Naturphilosophie, die laut Kuwaki inhaltlich einem Stück aus dem zweiten Band von Riehls Philosophischen Kritizismus entsprach. Nebenbei hielt Riehl eine Vorlesung für Hörer aller Fakultäten zu dem Thema „Nietzsche als Problem“ in einem überfüllten Hörsaal, weshalb die Universitätsverwaltung zu jeder Stunde überprüfen ließ, ob es sich bei den Hörern um eingeschriebene Studenten handelte. Inhaltlich deckte sich die Vorlesung mit Riehls Nietzsche-Buch, doch wurde auch ein Brief Nietzsches, der damals gerade publiziert und zum Problem geworden war, von Riehl aufgegriffen und erörtert.

 Bei Friedrich Paulsen nahm Kuwaki an einem Seminar zu Spinozas Ethica teil, aber Paulsen erkrankte so schwer, dass er die Veranstaltung kaum mehr fortführen konnte und verstarb schließlich, so dass Kuwaki seinen Berlin-Aufenthalt mit einer Teilnahme an Paulsens Beerdigung abschließen musste.

 Bei Riehl hatte Kuwaki den bereits emeritierten Adolf Lasson (1832-1918) kennen gelernt, der noch Vorlesungen hielt und von Kuwaki – vergeblich – nach Japan eingeladen wurde. Ebenfalls knüpfte er Kontakte zu dem gleichaltrigen Ernst Cassirer (1874-1945), den er bei einem späteren Deutschlandbesuch in Hamburg wieder traf, und zu Diltheys Schwiegersohn Georg Misch (1878-1965), der schließlich eine Professur in Göttingen übernahm.

 In der zweiten Hälfte des Jahres 1908 verließ Kuwaki Berlin, und nach der Teilnahme am Internationalen Philosophenkongress in Heidelberg (wo er Emil Lask kennen lernte) und einer Italienreise setzte er sein Studium im Wintersemester in Leipzig bei Wilhelm Wundt (1832-1920) und Johannes Volkelt fort. Allerdings hielt Volkelt, dessen erkenntnistheoretische Studien für Kuwaki ursprünglich von Bedeutung waren, zu jener Zeit nur Vorlesungen zur Ästhetik und Pädagogik, weshalb Kuwaki kaum bei ihm hörte.

 Vor seiner Rückkehr nach Japan ging Kuwaki im Sommer 1909 nach Paris, um dort bei Bergson zu hören, und damit endete für ihn der zweijährige Europaaufenthalt.

3. Nishidas Riehl-Kritik

 Ein Jahr nach Kuwakis Rückkehr an die Universität Kyôto, im September 1910, war die Zeit für den nächsten Kollegen gekommen, ein Auslandsstudium anzutreten. Diesmal fiel das Los auf Tomoeda Takahiko (1876-1957), der eine Assistenzprofessur für Ethik innehatte. Als Stellvertreter für Tomoeda wurde ein akademischer Außenseiter, Nishida Kitarô (1870-1945), der seit 1909 an der Gakushuin-Universität in Tôkyô Deutsch unterrichtete, gerufen.

 Nishida sollte später zu dem einflussreichsten Philosophen der Zeit bis 1945 werden, zum Zeitpunkt seiner Berufung nach Kyôto war er noch ein völlig unbeschriebenes Blatt, denn bis auf Teile seines noch unveröffentlichten Erstlingswerkes, die in Privatdrucken in engen Bekanntenkreisen zirkelten, gab es keinerlei Schriften von ihm. Im Januar 1911 wurde dann endlich das Erstwerk, die Studie über das Gute, in einem kleinen Verlag in Tôkyô gedruckt, aber auch diese Publikation blieb in den ersten zehn Jahren nach ihrer Veröffentlichung kaum beachtet (erst die Übernahme in den Iwanami-Verlag verschaffte dem Werk mehr Aufmerksamkeit).

 Die ersten Jahre nach seiner Anstellung in Kyôto waren geprägt von Nishidas Bemühen, sich als akademischer Philosoph zu profilieren, zumal am Anfang noch gar nicht abzusehen war, ob die Anstellung von Dauer sein würde. Seine Beschäftigung mit europäischen Modeströmungen, die in Japan noch nicht oder nur kaum bekannt waren, fällt in diese Zeit: Bergsons Philosophie, aber auch Studien zum Neukantianismus der südwestdeutschen und der Marburger Schule.

 Unter diesen frühen Arbeiten findet sich auch eine, die einen ausführlichen Exkurs auf Alois Riehl enthält, der Aufsatz „Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften“, der im September 1913 in der Philosophischen Zeitschrift (Tetsugaku zasshi), dem von der Universität Tôkyô herausgegebenen führenden Fachblatt der Zeit, veröffentlicht wurde. Vorausgegangen war der Publikation ein Vortrag gleichen Titels, den Nishida am 6. April vor der Philosophischen Gesellschaft der Universität Tôkyô hielt, wo ehemalige Lehrer (wie Inoue Tetsujirô, 1855-1944), ehemalige Kommilitonen (wie Fujii Kenjirô, der Nishida ab August als Ethikprofessor ablöste), aber auch zukünftige Rivalen (wie Tanabe Hajime, 1885-1962, und Takahashi Satomi, 1886-1964) zuhörten (vgl auch YUSA 2002: 136f.). Vor diesem Kreis, der die Spitze der akademischen Philosophie der Zeit repräsentierte, war Nishida besonders darauf bedacht, sich als ebenbürtig darzustellen.

 Inhaltlich versucht Nishida die Unterschiede zwischen den Naturwissenschaften und den Kulturwissenschaften, hier am Beispiel der Geschichte, herauszuarbeiten, wobei er für diese Abgrenzung vor allem auf Windelband und Rickert zurückgreift. Für die Naturwissenschaften gilt ihm als Gewährsmann Henri Poincaré, dessen La Science et l'Hypothèse er ausführlich zitiert. Die Naturwissenschaften verallgemeinern Erfahrungen, führen sie in frei wiederholbare Teilstücke über, während die Geschichte auf einmalige, unwiederholbare Tatsachen aufbaut, die durch ein Individuum vereinheitlicht werden müssen. Nishida übernimmt von Windelband das Beispiel, dass es zwar eine durch die Rechnung des Schlossermeisters bezeugte unumstößliche Tatsache sei, dass Kant 1780 eine Glocke und einen Zimmerschlüssel bestellt habe, die aber sowohl als literaturgeschichtliche, biographische, wie auch historische Tatsache völlig wertlos sei. Nicht schwer einzusehen ist es, dass bei dieser Position Alois Riehl nur negativ bewertet wird:

 „In dem bisher Behandelten habe ich ein wenig klar gemacht, was die Voraussetzung ist, auf die die Naturwissenschaften beruhen, und von welcher Beschaffenheit das Naturwissenschaftliche ist, das auf jenen errichtet werde, doch dürfte es viele Leute geben, die Einspruch dagegen erheben, wenn man die naturwissenschaftliche Sichtweise als bloße verallgemeinernde Sichtweise auffasst; Riehl zum Beispiel gehört zu diesen Leuten. Riehl zufolge heißt, die naturwissenschaftliche Sichtweise in der oben aufgezeigten Weise zu denken, dass man sie am Muster der antiken Naturwissenschaften verstehe, aber der Gattungsbegriff der Antike und der Gesetzesbegriff der Moderne seien so verschieden, wie sich die Abstraktion von der Analyse unterscheide; die Gesetze der modernen Wissenschaften seien aus tatsächlichen Dingen und Umständen abgeleitet, weshalb der Naturwissenschaftler immer zu jedem einzelnen Ding bzw. Umstand zurückkehren und [das Gesetz] anpassen könne (Systematische Philosophie, S. 101) Frischeisen-Köhler hat in seiner Besprechung von Rickerts Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung den gleichen Gedankengang noch etwas ausführlicher entwickelt (Archiv für systematische Philosophie, XII S. 256ff.). Wie ich jedoch oben dargestellt habe, ich es der gleiche Gedanke, die Erfahrung durch Gattungsbegriffe zu vereinheitlichen, wie, sie durch Gesetzesbegriffe zu vereinheitlichen; das Letztere kann als ein weiterer Schritt des Ersteren angesehen werden.“ (NISHIDA 1913: 278f.)

 „Riehl hat an der zuvor zitierten Stelle [d.i. Systematische Philosophie] gesagt, es sei derselbe Geistesakt, etwas mit einem Wert in Verbindung zu setzen, und diesen Wert zu beurteilen, doch es ist gewiss nicht dasselbe, erfahrungsgemäße Tatsachen aus den Wertbeziehungen her vereinheitlicht zu sehen oder diese Werte zu beurteilen. Wenn man beispielsweise die griechische Kunst mit der ägyptischen Kunst vergleicht und deren Wert beurteilt, oder wenn man die Kunst beider Länder zu verstehen versucht und die Spuren ihrer Blüte und ihres Niedergangs verfolgt, dann ist das nicht derselbe Geistesakt. Unser Wille ist etwas Tätiges, das sich seines Zweckes selbstbewusst ist, d.h. es ist etwas, das aus dem Wertbewusstsein heraus tätig ist, nicht aber etwas, das dieses beurteilt. Unsere unmittelbare Erfahrung ist eine Entfaltung des Wertbewusstseins, sie ist etwas, das sich aus einem Zentrum heraus mittels Diltheys sogenannter triebhafter Energie entfaltet. Ein Werturteil kommt dort auf, wo ein derart sich entfaltendes Bewusstsein aufprallt und nach einem noch größeren vereinheitlichenden Zentrum verlangt. Ein Werturteil kann man wohl als Erweiterungsakt des Bewusstseinszentrums bezeichnen. Riehl erörtert des weiteren, dass die historische Sichtweise in keinerlei Beziehung zu einer wertenden Sichtweise stehe; tatsächlich würden Historiker, wenn sie Tatsachen auswählten, dies nicht von einem wertenden Gesichtspunkt aus tun, sondern aufgrund der historischen Wirksamkeit; er meint, es möge zwar vorkommen, dass die gleiche Tatsache je nach Sichtweise der Historiker verschieden schwer gewichtet würde, der objektive Wert dieser Tatsache sei aber stets derselbe. Was ist aber Riehls sogenannte historische Wirksamkeit? Was ist zum Beispiel, sollte man die Biographie eines großen Mannes schreiben wollen, der stärkste Faktor unter den Bedingungen, die sein Handeln kontrollieren? Wollte man das Handeln eines Menschen als zusammengesetztes Ergebnis verschiedener Ursachen ansehen und deshalb aufgrund des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes die stärkste Ursache auswählen, würden wahrscheinlich materielle Ursachen am einflussreichsten sein. Und es gehört wohl auch zum Ideal der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise, gesellschaftliche Kräfte oder solche, die auf einem individuellen Geist beruhen, auf Materielles zurückzuführen. Und sollte der gesellschaftliche oder auch der individuelle Geist nicht auf Materielles zurückführbar sein, die Geschichte dagegen etwas, das nur der stärksten Ursache folgend den Spuren jener verschiedenen Kräfte nachgehe, die aufeinander einwirkten, dann wäre derjenige der überragendste Historiker, der in den Naturwissenschaften bewandert ist; das der Geschichte eigentümliche Wissen würde hingegen verlorengehen. Natürlich lässt sich Geschichte auch so verstehen, dass sie den Spuren nachgeht, die die verschiedenen aufeinander einwirkenden Ursachen hinterlassen. Aber derart den Spuren nachzugehen geschieht doch nicht bloß um des Nachgehens willen, sondern darum, durch dieses [Nachgehen] die Individualität eines Ereignisses zum Ausdruck zu bringen. Wenn es hier zum Beispiel zwei Leute gäbe, der eine von ihnen hätte einen starken Charakter und würde stets seine Umgebung beherrschen, der andere hätte einen schwachen Charakter und würde stets von seiner Umgebung beherrscht. Würde ein Historiker die Taten dieser Leute wirklich bloß, der sogenannten starken Ursache folgend, sinnlos aufreihen? Versucht nicht ein jeder, die ihm eigentümliche Individualität zum Ausdruck zu bringen, der Starke, indem er stark ist und andere beherrscht, der Schwache, indem er schwach ist und von anderen beherrscht wird? Ein Historiker wollte beispielsweise die Ereignisse und Ursachen der Französischen Revolution erhellen. Selbst wenn es in Deutschland diesselben Umstände und Ursachen gäbe, wäre in Deutschland vielleicht keine Revolution ausgebrochen, die in ihrem Charakter der französischen ähnelte. Das muss wohl auf den Unterschieden des Volkscharakters beider Länder beruhen. Die gleiche Ursache mag für ein Volk zur Ursache eines Ereignisses werden, bei dem anderen Volk wird es nicht zur Ursache; das heißt, die historische Wirksamkeit muss als etwas bezeichnet werden, das sich mit dem Volkscharakter ändert. Die Ursache eines Ereignisses durch die historische Wirksamkeit zu erhellen und das Verständnis des Volkscharakters lassen sich wohl nicht voneinander trennen. In der Geschichte Ursache und Folge zu erhellen, ist nicht das selbe, wie das Kausalgesetz in den Naturwissenschaften zu erhellen; [in der Geschichte] wird durch das Erhellen der Ursache-Folge-Beziehung die Individualität erhellt. Wenn die Individualität nicht derart in der Geschichte erhellt wird, lässt sich auch die Ursache-Folge-Beziehung nicht erhellen, und wenn durch das Erhellen der Ursache-Folge-Beziehung die Individualität erhellt wird, dann sehen das manche Leute als logischen Zirkelschluss an. Natürlich kann kein Historiker die Individualität eines Ereignisses erhellen, bevor er nicht dessen Ursache-Folge-Beziehung erhellt hat. Nur geschieht dieses Erhellen der Ursache-Folge-Beziehung nicht um ihrer selbst willen, sondern darum, die Individualität zu erhellen. Der Künstler versteht zunächst die Individualität, und sucht dann nach Stoff, um diese auszudrücken, doch der Historiker erhellt zunächst den gegebenen Stoff, um dadurch die Individualität auszudrücken. Darin liegen die Unterschiede zwischen Geschichte und Kunst, und darum lässt sich das Erste im Unterschied zum Letzteren als wissenschaftlich bezeichnen. Riehl behauptet zwar, der objektive Wert von Tatsachen würde sich nicht ändern, doch auf was deutet das, was er als objektive Tatsache bezeichnet? Wäre es bloß die Aufreihung einzelner Tatsachen ohne jegliche Auswahl oder Einheit, dann wären das sozusagen Objekte, doch das ließe sich nicht als wahre Geschichte bezeichnen. Sollte man dabei jedoch irgend eine geschichtliche Einheit versuchen, dann muss dies auf irgend einem Wert gründen. Würden Historiker dazu gezwungen, nur den sogenannten objektiven Tatsachen getreu zu sein, würden sie umgekehrt wahrscheinlich nicht zu deren historischen Wahrheit vorstoßen. So wie der Portraitmaler die wahre Gestalt zeichnet, die dem Portraitierten selbst nicht bewusst ist, so muss der Historiker die Wahrheit der Tatsachen verstehen, die von den Persönlichkeiten der Geschichte hinterlassen wurden, aber ihnen selbst nicht bewusst waren. Von Wertbeziehungen her Tatsachen zu sehen, wird sogleich als subjektiv oder willkürlich missverstanden, doch bedeutet, von Wertbeziehungen her Tatsachen zu sehen, nicht, dass dies aus individueller Willkür geschieht. Wenn der gegebene Stoff und der Standpunkt der werthaften Sichtweise bestimmt ist, dann wird eine objektive Wahrheit bestimmt, die ein jeder anerkennen muss.“ (NISHIDA 1913: 295-298)

 Wodurch Nishida angeregt wurde, Riehl zu lesen, lässt sich heute nicht mehr sicher belegen, allerdings liegt es nahe, dass er von Kuwaki auf Riehl aufmerksam gemacht wurde. Die Beschäftigung mit dem Themenkomplex lässt sich zwei Jahre zurückverfolgen: schon am 27. September 1911 hatte sich Nishida von Kuwaki Windelbands Geschichte und Naturwissenschaft geliehen, im November Rickerts Geschichtsphilosophie gelesen, und Anfang April 1912 dann Rickerts Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, wie Einträge in seinem Tagebuch belegen.

 

4. Die erste japanische Übersetzung

 Für Kuwaki dürfte die letztlich nur negative Behandlung Riehls durch Nishida unbefriedigend gewesen sein, denn im selben Jahr bemühte sich Kuwaki darum, eine japanische Übersetzung von Riehls Werken in die Wege zu leiten, wobei ihm zunächst das bevorstehende Jubiläum zum 70. Geburtstag Riehls als Anlass diente. Da der Philosophische Kritizismus, der 1908 in der neu verfassten zweiten Auflage erschienen war, zu umfangreich war, fiel die Wahl auf Riehls Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart, die bei Teubner 1908 in der dritten Auflage erschienen war.

 Übersetzt wurde Riehls Werk von einem Schüler Kuwakis, Yasui Tatsuei (安井辰衛). Über Yasui selbst, der außer dieser Übersetzung anscheinend keine weitere Publikationen vorlegte, lässt sich nichts Genaueres eruieren, einige Rückschlüsse lassen sich aber aus den Angaben (insbesondere den Danksagungen) machen, die sich am Anfang seiner Übersetzung (RIEHL 1913: 11f.) finden. Dort bedankt er sich bei seinen Lehrern Kuwaki Genyoku und Nishida Kitarô, sowie bei den sich gerade in Deutschland befindlichen Tomoeda Takahiko (1876-1957) und Kanokogi Kazunobu (1884-1949). Außerdem hätten ihm die Baccalauri Shinomiya Kaneyuki (1884-1945) und Fujita Fukutarô unterstützt, sowie beim Korrekturenlesen seine Freunde Kimura Shigeki und Katsuoka Ryûkichi.

 Da Yasui zum Zeitpunkt der Übersetzung das Bakkalaureat hatte, können wir davon ausgehen, dass er zu der ersten Generation von Kuwakis Schülern gehörte, die wie Amano Teiyû (1884-1980) ihr Studium in Kyôto aufgenommen hatten. 1909 unterrichtete neben Kuwaki auch Tomoeda Takahiko, der Assistenzprofessor für Ethik war, aber im September 1910 zum Auslandsstudium nach Europa ging. Der zweitgenannte Nishida Kitarô kam erst, wie oben gesagt, im September 1910 nach Kyôto, Yasui hatte also nur die letzten beiden Studienjahre auch bei Nishida studiert. In Nishidas Tagebuch finden sich zwei Einträge, in denen von Besuchen Yasuis bei ihm berichtet werden, und zwar am 29. Juli und am 9. August 1913, also kurz vor Beendung der Übersetzung(6). Möglicherweise ist Yasui auf einer Photographie aus dem Jahr 1913/4 abgebildet, die hinter Kuwaki, Nishida und Tomonaga Sanjûrô Amano Teiyû und andere, bislang nicht identifizierte, Studenten zeigt (vgl. YUSA 2002: 136).

 Der Übersetzung ist ein Schreiben Riehls an den Übersetzer vorausgestellt, allerdings nur in japanischer Übersetzung; über den Verbleib des Originals ist nichts bekannt. In einer Rückübersetzung lautet das Schreiben wie folgt (RIEHL 1913: 1):

 „Sehr verehrter Herr,
 Ihr Schreiben vom 14. März hat mich vorgestern erreicht. Da ich schon lange Hochachtung für Ihr Volk hege, erfüllt mich die in Ihrem Schreiben geäußerte Bitte mit höchster Zufriedenheit. Folglich ist es mir eine Freude, Ihren Wunsch, meine Einführung in die Philosophie der Gegenwart ins Japanische zu übersetzen, zu bewilligen, zumal die Vermittlung durch Herrn Professor Kuwaki garantiert, dass Ihre Übersetzung mit dem Original übereinstimmt. Deshalb überlasse ich Ihnen die Rechte, eine Übersetzung zu publizieren, sofern diese mich betreffen. Von meinem Verleger wird Ihnen in dieser Sache noch eine Nachricht zugehen, aber ich bin überzeugt, dass er einwilligen wird. Richten Sie bitte auch Herrn Professor Kuwaki an meiner Statt meinen Dank und Grüße aus.
 Mit besten Grüßen
3. April 1913
 Neubabelsberg, Bergstraße 3
 Alois Riehl“
 Kuwaki hatte für die Übersetzung ein Vorwort beigesteuert, in welchem er eine kurze Charakteristik von Riehls Philosophie unternimmt und zugleich die Bedeutung des übersetzten Textes herausstreicht (RIEHL 1913: 1-5):
 „Der Name Professor Riehls ist in unserer Gelehrtenwelt nicht so bekannt wie etwa die Namen von Wundt oder Eucken. Selbst unter den Leuten, die sich in der Philosophie auskennen, ist sein Name nicht so weithin bekannt wie die anderer deutscher Philosophen, etwa Cohen und Windelband. Sollte eines seiner Werke allgemein gelesen werden, so ist es wohl das Nietzsche-Buch in der Reihe von Frohmanns Klassiker der Philosophie. Dieses Buch ist in einem kraftvollen, hervorragenden Stil mit Sympathie geschrieben, aber es ist eher ein Abfall seiner Schreibproduktion, denn sein eigentliches Fachgebiet ist etwas anderes. Riehl gehört nicht nur gegenwärtig als Veteran unter den Professoren der Berliner Universität zu den Autoritäten der gelehrten Welt, er hatte schon seit über zwanzig Jahren bereits einen Rang innerhalb der Philosophiegeschichte eingenommen. Und vor allem für die Kant-Forscher ist er zu einer Quelle geworden, die man nicht übersehen darf.

 Riehl wird in zahlreichen Philosophiegeschichten unter die deutschen Positivisten eingereiht. Tatsächlich kann sich seine Theorie in der Hinsicht, dass sie sich darum bemüht, den Grund der positiven Wissenschaften zu festigen, und keine Wissenschaft außerhalb der positiven Wissenschaften anerkennt, als Positivismus bezeichnet werden. Es wäre jedoch ein großes Missverständnis, wollte man Riehls Positivismus in einer Linie mit den französischen Positivisten seit Comte sehen, und man darf ihn auch nicht mit der deutschen naturwissenschaftlichen Philosophie verwechseln. Riehl kann vielmehr – wie so viele gegenwärtige Gelehrte – als Neukantianer bezeichnet werden, und in dem Punkte, dass er in einer Welt, in der die mathematischen Naturwissenschaften in voller Blüte sind, den Geist der Kantischen Philosophie getreu überliefern will, kann er sogar als orthodoxer Kantianer bezeichnet werden. Riehl hat sich nie von Kants Horizont freigemacht, er hat sich nie die Haltung zu eigen gemacht, Kant zu verstehen heiße ihn zu übersteigen. Es besteht hier nicht die Notwendigkeit zu beurteilen, ob dieser Punkt für einen gegenwärtigen Philosophen nun passend sei oder nicht. Auch soll hier nicht beurteilt werden, ob Riehl wirklich von seinem Vorhaben nicht abgelassen habe und keinen Deut über Kant hinausgegangen sei. Ich will mich darauf beschränken, Riehls Standpunkt zu erhellen und seine Bedeutung für die gelehrte Welt der Gegenwart darzustellen.

 Riehls Gedanken hatten schon mit den seit 1876 publizierten drei Bänden seines Philosophischen Kritizismus die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, doch nachdem das Werk lange vergriffen war, ist im Jahre 1908 die zweite Auflage des ersten Bandes erschienen, die man eher eine revidierte denn eine verbesserte und vermehrte Auflage nennen sollte, wodurch der Standpunkt seiner Kant-Interpretation noch klarer und auch die Bedeutung, dies als Kantianismus zu bezeichnen, verständlich geworden ist. Folglich muss man, um Riehls Denken zu verstehen und daraus Baustoff für Kant-Studien zu gewinnen, unbedingt von diesem Werk ausgehen, doch ist dieses Werk nicht so beschaffen, dass man in unserer Gelehrtenwelt jetzt mit einer allgemeinen Nachfrage für eine Übersetzung rechnen könnte. Aber Riehl hat auch noch ein anderes Werk, das man als Einführung in die Gegenwartsphilosophie bezeichnen könnte. Es besteht aus Vorträgen, die – wie der Titel besagt – den Zweck haben, in das gegenwärtige Denken einzuführen, doch an nicht wenigen Punkten lässt sich darin auch Riehls Theorie ausspähen. Und selbst wenn man es als bloße Einführung liest, ist es doch höchst verschieden von den üblichen Abrissen der Philosophie; es hat einen Wert, der jenen gegenüber eine besondere Stellung verdient. Das heißt, bei diesem Werk ist der Wert und die Notwendigkeit, es in Japan vorzustellen, unzweifelbar gegeben.

 Ich habe an der Berliner Universität ein Jahr lang an Professor Riehls Lehrveranstaltungen teilgenommen und auch des öfteren in seinem Haus direkt Belehrung erhalten, weshalb ich es stets als meine Pflicht empfand, seine Theorie ausführlich vorzustellen, aber bisher hatte ich dazu keine Gelegenheit. Zufällig hörte ich, dass der Baccalaureus Yasui vorhatte, diese Einführung ins Japanische zu übersetzen, was mich aus tiefstem Herzen erfreute. Zunächst wollte ich daher mit Yasui gemeinsam mich dem Übersetzen widmen und hatte auch Yasuis Manuskript mehr oder weniger gründlich durchgesehen, doch wurde ich zwischendurch wegen verschiedenen Pflichten verhindert und konnte nicht die nötige Zeit dafür finden, weshalb ich danach nur noch die Übersetzung durchgelesen und zu manchen Stellen meine Meinung geäußert hatte. Da dieses Werk ursprünglich als Vortrag angelegt ist, gab es in zahlreichen Punkten Probleme, die schwieriger zu lösen waren als dies bei normalen Lehrbüchern der Fall ist, weshalb es eigentlich eines Wissens so universell wie das des Autors bedarf, um alle Sätze lückenlos zu verstehen. Folglich war nicht zu verhindern, dass sich in dieses Buch Missverständnisse und Fehler eingeschlichen haben, die für gewöhnlich auch bei anderen Übersetzungen kaum zu vermeiden sind. Doch bin ich nach der Durchsicht überzeugt, dass diese Übersetzung im Großen und Ganzen den Hauptsinn und den Geist des Originals zu vermitteln vermag. Ich freue mich, dass durch dieses Werk Wissen von einem Aspekt, der in der Philosophie bislang kaum übermittelt worden war, für Lernbegierige zugänglich geworden ist, was vor allem Yasuis Verdienst ist.

 Zusammen mit dem Übersetzer bin ich Herrn Professor Riehl dafür dankbar, dass er der Publikation dieser Übersetzung bereitwillig zugestimmt und zahlreiche Erleichterungen gewährt hat. Wie zu hören ist, soll für nächstes Jahr, zur Feier des 70. Geburtstags von Professor Riehl, ein Projekt zur Heranbildung von Philosophen durchgeführt werden, wozu weltweit nach Gleichgesinnten gesucht wird. Die Publikation dieser Übersetzung zu diesem Zeitpunkt muss daher als ein ideales Jubiläumsgeschenk bezeichnet werden.

 Im November 1913 Kuwaki Genyoku“

 Yasuis Übersetzung ist, soweit Stichproben ergaben, recht zuverlässlich, nur die Verstümmelung des Heiligen Aloysius hält er fälschlich für eine französische Wortendung, weshalb bei ihm der Autor zu „Aroa Rîru“ mutiert.

 Rund ein Jahr nach Erscheinen der Übersetzung wechselte Kuwaki im Herbst 1914 an die Universität Tôkyô, um die Nachfolge Raphael von Koebers anzutreten. Nishida, der im Sommer 1913 die Professur für Religion übernommen hatte, löste nun Kuwaki ab und wurde Professor für Philosophie und Philosophiegeschichte.

5. Riehls Tod und die Nachrufe

 Die Nachricht von Riehls Tod erreichte Kuwaki am 24. November 1924. Als Schüler Riehls fühlte er sich verpflichtet, Riehls Leistungen zu würdigen, und er verfasste zu diesem Zwecke zwei Nachrufe, von denen einer in seinem Hausblatt, Tetsugaku zasshi (Philosophische Zeitschrift), erschien, die andere in einer stärker an ein Allgemeinpublikum gerichteten philosophischen Zeitschrift, die der Iwanami-Verlag seit Oktober 1921 herausgab. Aus dem ersten Nachruf, der stärker persönlich gehalten ist und im Wesentlichen aus Erinnerungen an Kuwakis Berliner Aufenthalt besteht, wurde eingangs bereits ausführlich zitiert (siehe Abschnitt 2). Hier soll uns der zweite Nachruf interessieren, in welchem Kuwaki sein uneingelöstes Versprechen, Riehls Philosophie in Japan vorzustellen, wenigstens teilweise zu erfüllen versucht. Die Vorstellung beschränkt sich dabei auf Riehls Philosophischen Kritizismus, da dieses Hauptwerk immer noch weitgehend unbekannt ist.
 „Riehls Philosophie führt deshalb, wenn man es kurz fasst, zu der Verbindung von einer anti-metaphysischen Philosophie des naturwissenschaftlichen Wissens mit einer wertphilosophischen Lebensanschauung; das erstere zeigt den gemeinsamen Schwung des Neukantianismus in den Jahren nach 1870, das letztere gehört zu einer Gegenreaktion auf den naturwissenschaftlichen Pessimismus zur Mitte des 19. Jahrhunderts, und wenn man weiter nach ihrer Besonderheit fragt, so lässt sich sagen, dass diese in dem Predigen eines Realismus liege, der sich auf naturwissenschaftlicher Erfahrung gründet. Wenn man dabei sieht, dass er als Grund, die Realität der Außenwelt zu erörtern, die zwei Punkte angibt: die Tatsache der Wahrnehmung und das soziale Gefühl, dann sieht das wie ein naiver Realismus aus, doch wenn er am Ende seiner Kritik am Idealismus und der Verteidigung des Realismus Humes Worte zitiert, „Die nächstgrößte Torheit nach dem Verleugnen evidenter Wahrheit ist es, zu ihrer Verteidigung allzu große Mühe aufzubringen“, und dann damit schließt, sich selbst zu trösten, dass seine Torheit die zweitgrößte sei, dann konnte er damit zeigen, wie niedrig er den Idealismus einschätzte, und es wird auch verständlich, dass er nicht grundlos unter die Positivisten eingereiht wird. Dennoch ist es aus dem ganzen Werk her ersichtlich, dass sein Grundgedanke auf dem Standpunkt einer Kritik am Positivismus steht, was sich besonders an den Stellen ablesen lässt, wo er eine Kritik an Comte versucht. Und wenn man diese Grundfrage Riehls als etwas versteht, das dem Neukantianismus der 1870er Jahre gemeinsam war, so ist es selbstverständlich, dass dies gegenwärtig für die Mehrheit der Gelehrten zum Allgemeingut geworden ist und als banal und abgedroschen empfunden wird. Tatsächlich gibt es, wenn man heute einen Blick in dieses Buch wirft, zahlreiche Stellen, die man als alltäglich empfindet, wie wenn er das Erkenntnisproblem aufgreift und den Unterschied zur Psychologie erklärt, oder wenn er die Wortbedeutung von apriorisch erhellt. Aber man kann dies auch umgekehrt als Beweis für die Verdienste ansehen, die dieses philosophische Denken bei der Urbarmachung erworben hat.

 Jedoch darf Riehls Werk nicht als vollständig angesehen werden. Wie viele Werke seiner Zeit, ist der Philosophische Kritizismus weniger die Konstruktion der eigenen Theorie als eher das Programm dazu, andererseits zeigt er in seiner historischen Interpretation bzw. in seiner Kritik einen überragenden Wert. Im ersten Band nämlich wird die Geschichte des Kritizismus erörtert, es wird die Entfaltung des philosophischen Kritizismus über Locke und Hume dargestellt und am Ende die unmittelbare Quelle von Kants Philosophie gedacht und versucht, das Problem der Kritik der reinen Vernunft exakt zu interpretieren. Dass er den Beginn bei Locke suchte und aufzeigte, wie in Locke schon das Problem der Kantischen Philosophie eingeschlossen war, hatten die Historiker bis dahin nicht gesagt, und man kann sagen, dass in Riehls Werk schon ein Teil dessen völlig dargelegt worden war, was in späteren Jahren der Engländer Gibson insbesondere an Lockes Lehre vom Wissen lobte. Weiter lässt sich zu Riehls Kant-Interpretation sagen, dass er den Sinn von Kants kritischer Methode erhellt und die Unterschiede zu einer psychologisch-genetischen Methode aufgezeigt hat; er hat den sogenannten logizistischen Standpunkt dargestellt und gleichzeitig zu vermeiden versucht, das Ding an sich metaphysisch zu interpretieren; zudem hat er die Realität der Dinge betont und sich gegen die zahlreichen idealistischen Entwicklungen gesträubt. Aus diesem Grund erscheint Riehl, von einer Seite her betrachtet, als jemand, der den gleichen Geist vertritt wie der Neukantianismus allgemein, insbesondere scheint er der Marburger Schule nahezustehen, andererseits gibt es gerade bei der Behandlung der Realität untereinander unvereinbare Standpunkte, und vor allem darin, dass er die zu kritisierende wissenschaftliche Erkenntnis auf die von Kant anerkannten Naturwissenschaften beschränkt, zeigt er eine Meinung, die sich besonders von der der sogenannten Südwestdeutschen Schule unterscheidet. Dass Windelband sagte, „Kant zu verstehen heißt, über ihn hinauszugehen“, deutet einen solchen Standpunkt an, und auch dass Cohen ein Urprinzip erläutert, erscheint so, als ob er die Debatte, welche dem Subjekt gegenüber die Bedeutung des Objekts hervorstreicht, durch Totschweigen tadelt. Aus diesem Grund hat Riehl in seinen späten Jahren hauptsächlich diese beiden Schulen angegriffen; in seinen Vorlesungen hat er stets herausgestellt, dass Cohens Argumente substanzlos seien, und die in seinem Seminar referierte Kant-Interpretation Kuntzes, der früher bei Rickert studiert hatte, kritisierte er als fichteanisch. Riehl behauptete seine Meinung höchst hartnäckig, und im Vorwort zur zweiten Auflage des ersten Bandes verteidigte er sich, dass die starke Betonung der realistischen Seite in Kants Phänomenologie kein Fehler gewesen sei; eher sei es ein Versäumnis gewesen, die Erläuterung dieses Aspektes nicht zur Hauptsache gemacht zu haben. Von Anfang an neigte Riehl dazu, an früher geäußerten Theorien festzuhalten und sie zu begründen, sich darin von den Gelehrten unterscheidend, die ihre Gedanken stets erneuern.

 Auch im Vorwort der Einführung in die Philosophie der Gegenwart verteidigt er, dass dieses Werk die Gegenwart im Titel führt, obwohl es tatsächlich die Philosophiegeschichte darstellt, damit, dass gerade dies im wahren Sinne des Wortes eine Einführung in die Gegenwart sei. Eine solche Meinung hat noch etwas an sich, was man bestätigen kann, doch bisweilen ist Riehl doch ziemlich spitzfindig. Das beschränkt sich aber auf seine eigene Theorie; wo es dagegen nur um Interpretation geht, die auf exakter philologischer Quellenforschung beruht, so sind diese doch treffend und angemessen, auch wenn sie inzwischen kaum mehr als neu zu bezeichnen sind. Besonders dass er die Anfänge des Wortes Ding an sich in Lockes Schriften suchte, hängt zwar mit seinem realistischen Standpunkt zusammen, muss aber doch als eine Meinung bezeichnet werden, die als Interpretation der Phänomene anerkannt werden kann, auch wenn man auf einem idealistischen Standpunkt steht. Sätze wie „die Kritik der reinen Vernunft bejahte das Metaphysische, verneinte aber die Metaphysik“, die er zum Abschluss anführt, die aber auch im ganzen Werk hie und da zu finden sind, erinnern an die Aphorismen Nietzsches, und es lässt sich sagen, dass sie den Geist seiner gesamten Interpretation recht zeigen. Zu seiner Kant-Interpretation, die der wertvollste Teil dieses Werkes ist, will ich aber nicht noch mehr sagen.

 Im Vergleich zum historischen Teil bildet der systematische Teil tatsächlich noch kein System. Vor allem liegt dieser Teil immer noch nur in der – inzwischen vergriffenen – ersten Auflage vor, und man kann davon ausgehen, dass die zweite Auflage die äußerliche Erscheinung gänzlich erneuern wird, weshalb es eine Abkehr von seiner Absicht wäre, wollte man diesen Teil allzu ausführlich behandeln. Da aber die Vorlesung über „Naturphilosophie“, die ich an der Berliner Universität hörte, im Großen und Ganzen diesem [systematischen] Teil folgte, lässt sich annehmen, dass er diese Vorlesung einarbeitend eine Neuauflage durchführen wollte. Tatsächlich höre ich, dass sich der zweite Band gerade mitten in der Korrektur befindet, doch von dem Charakter der anderen Schriften her lässt sich vermuten, dass diese Neuauflage letztendlich nur die Hauptpunkte der vorausgehenden Auflage betonen wird. So gesehen, ist auch die alte Auflage des zweiten Bandes ein wichtiges Quellenmaterial, jedoch handelt es sich nicht um ein abgeschlossenes großes System, sondern eher um Interpretationen zu verschiedenen Einzelproblemen, die der Reihe nach aufgeführt werden. Im ersten Teil dieses zweiten Bandes, wo die Grundfragen der Erkenntnistheorie abgehandelt werden, ist noch Einheitlichkeit gewahrt, der zweite Teil jedoch besteht aus Interpretationen zu Sonderfragen, die den ersten Teil ergänzen. Wenn ich jetzt durch diesen Band blättere und die Lesezeichen und Notizen betrachte, die ich bei meiner einstigen Lektüre angefertigt hatte, so ist das meiste davon in aller Munde, was sich umgekehrt auch so sehen lässt, dass Riehls Werk in einem erstaunlichen Ausmaß in unsere Gedanken assimiliert worden ist.“ (KUWAKI 1925b: 89-93)

6. Kita Reikichi (1885-1961) und die Zeitschrift Gakuen

 Kita Reikichi war einer der ersten japanischen Stipendiaten, die sich kurz nach dem Versailler Friedensschluss nach Deutschland wagten. Über Kitas Deutschlandaufenthalt habe ich schon andernorts Genaueres gesagt (siehe GÜLBERG 1997: 43ff.), hier sollen nur ein paar Anmerkungen zu Kitas Beziehung zu Riehl gemacht werden. Kita kam im Frühjahr 1920 nach Berlin und schrieb sich an der Humboldt-Universität ein, fraglich ist aber, ob er wirklich bei Riehl gehört hatte. Es lässt sich hier nicht feststellen, ob Riehl im hohen Alter von 76 Jahren noch Veranstaltungen abhielt, allerdings bezeugt ein japanischer Schüler Kitas, Akamatsu Yasura, der bei Kita seit 1913 an der Waseda Universität studiert hatte und wie Kita in Amerika und Europa studierte, dass Kita in Berlin sich nicht mit Philosophie beschäftigte, sondern Feldstudien zu den revolutionären Unruhen im Nachkriegsberlin trieb (AKAMATSU 1963: 46f.).

 Verdient machte sich Kita vor allem durch die Herausgabe der Zeitschrift Gakuen, die – dem Vorbild des deutschen Logos folgend – Aufsätze zur Philosophie neben kunst- und geistesgeschichtlichen Arbeiten brachte. Näheres zu dieser Zeitschrift habe ich ebenfalls schon publiziert (vgl. GÜLBERG 1998: 43f.). Im „Seminar“-Teil dieser monatlich erscheinenden Mitgliederzeitschrift hatte Matsunaga Motoki, Professor an der Kokugakuin Universität, der als fester Mitarbeiter zahlreiche Arbeiten zum Neukantianismus beisteuerte(7), in einer Folge von neun Artikeln Zusammenfassungen aus dem zweiten Band von Riehls Philosophischen Kritizismus gegeben. Die Artikelserie begann im August 1926 mit dem zweiten Heft nach der Gründungsnummer und endete im Mai 1927; da Matsunaga ab September 1927 mit einem neuen Seminar über „Die Urteilslehre in der neuzeitlichen Logik“ begann, war an eine Fortsetzung wohl nicht gedacht. Unmittelbarer Anlass für diese Vorstellung dürfte der Nachruf Kuwakis in der Zeitschrift Shisô (Das Denken) gewesen sein, aber auch die Neuauflage, die das Werk gerade in Deutschland erlebte, mag dazu beigetragen haben.

 Matsunaga folgt der Gliederung des zweiten Bandes und fasst die ersten einhundert Seiten, nämlich die ersten zehn Kapitel zusammen:

1. Einleitung (1): Gakuen Bd. 1(2), August 1926, S. 140-141

2. Einleitung (2): Gakuen Bd. 1(3), September 1926, S. 89-94

3. Einleitung (3): Gakuen Bd. 1(4), Oktober 1926, S. 71-78

4. Zweiter Band: Die sinnlichen Grundlagen der Erkenntnis.
1. Abschnitt. Die erkenntnistheoretische Bedeutung der Empfindung.
1. Einleitung (Sensualismus: Condillac, Herbart) Gakuen Bd. 1(5), November 1926, S. 93-101

5. 2. Ernst Mach: Gakuen Bd. 1(6), Dezember 1926, S. 85-92

6. 3. Sinnlichkeit bei Kant: Gakuen Bd. 2(1), Januar 1927, S. 93-99

4. Empfindung als Einheit von Fühlen und Liebe: Gakuen Bd. 2(1), Januar 1927, S. 99-

7. 5. Empfindung und Urteil: Gakuen Bd. 2(2), Februar 1927, S. 59-66

6. Urteil und Empfindung: Gakuen Bd. 2(2), Februar 1927, S. 66-72

8. 7. Webers Gesetz: Gakuen Bd. 2(4), April 1927, S. 87-90

8. Die Theorie von einem besonderen Sinnesvermögen: Gakuen Bd. 2(4), April 1927, S. 90-

9. 9. Empfindung als Einheit von objektiven und subjektiven Erfahrungen: Gakuen Bd. 2(5), Mai 1927, S.71-74

10. Der Ursprung der Konstanten und die Einheitlichkeit des Bewusstseins: Gakuen Bd. 2(5), Mai 1927, S.74-78

 Der Einleitung stellt Matsunaga in Gakuen Bd. 1(2), August 1926, S. 137-140 noch eine kurze Vorrede voran, in welcher er Riehls Philosophie kurz umreißt:
 „Ich möchte hier das Meisterwerk von Alois Riehl (1844-1925), der eher als reiner Kantianer denn als Neukantianer zu bezeichnen ist, umreißen, den Philosophischen Kritizismus. Riehl hatte an den Universitäten Freiburg, Kiel und Halle gelehrt, und hatte seit 1905 den Lehrstuhl für Philosophie an der Berliner Universität inne, wo er als einer der Autoritäten der gegenwärtigen philosophischen Welt eine bedeutende Aktivität entfaltete. Er ist Vertreter des Realismus in der Gegenwart, trat das Erbe von Kants realistischem Aspekt an und ergänzte dies durch sein reiches mathematisches und naturwissenschaftliches Wissen. Helmholtz' Auffassung der Physik und Johannes Müllers Physiologie (insbesondere seine Wahrnehmungslehre) haben Riehls Argumentation den meisten Stoff geliefert. Riehl hat stets Kants Ding an sich betont und die Metaphysik verworfen. Aus diesem Grund hat Messer geurteilt, Riehl stehe zwischen dem Realismus und dem Idealismus (Messer, Die Philosophie der Gegenwart, S. 109). D.h. von der Seite her gesehen, dass er dem Ding an sich treu bleibt und dieses zum Zentralbegriff seines Philosophierens macht, ist es ein Realismus, doch in dem Punkt, dass er die Metaphysik verwirft und die Erkenntnistheorie als einzige wissenschaftliche Philosophie nimmt, ist es ganz klar ein Idealismus. Riehls Philosophie erkennt derart einerseits ein die Erkenntnis transzendierendes Ding an sich an, andererseits verwirft er die Metaphysik als Theorie des Dings an sich und sieht einen positivistisch-erkenntnistheoretischen Standpunkt als Wesen der Philosophie an und ist damit Idealismus, weshalb es sich klar um einen Dualismus handelt. Anders gesagt, die beiden sich widersprechenden Richtungen eines unerkennbaren Dings an sich und einer logischen Erkenntnistheorie bilden das, was er selbst Monismus nennt. Er hat diese beiden Richtungen betont und wollte einen Monismus propagieren, indem er den Dualismus bezwang. Dies ist der interessanteste Punkt in seinem Denken. Daher erscheint Vierwegs Philosophiegeschichte, die seiner Theorie nur die Letter „realistische Theorie“ anheftet, unbefriedigend. Messer bezeichnet ihn als kritischen Realismus, Mogue nennt ihn einen logischen Realismus, und Liebert reiht ihn sogar noch einen Schritt weiter unter den reinen Logizismus ein.

 Die wissenschaftliche Philosophie, wie sie Riehl in seiner [Freiburger] Antrittsrede Über wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Philosophie (1883) veröffentlicht hat, ist das, was den Gedanken, den Kant in der Kritik der reinen Vernunft ergriffen und in den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft (1786) erklärt hat, nämlich mittels der Mathematik das Wesen der Wissenschaft zu bestimmen, am aufrichtigsten überliefert. Diesen Gedanken systematisch erweitert zu haben, macht Riehls Hauptwerk aus. Ein streng mechanistisches Kausalgesetz ist der Zentralbegriff seiner Erkenntnistheorie, und wie bei Kant kommt bei ihm Erkenntnis als Synthese von Sinnlichem und der Vernunft zustande; dadurch, dass er den Logizismus, der die Erforschung der objektiven Geltung ist, und den Psychologismus, der ein genetisches Erforschen bildet, streng unterscheidet, hat er den Kritizismus noch mehr zur Geltung gebracht, indem er ihn von den bei Kant bis zu einem gewissen Grad vermischten psychologischen Elementen bereinigte. Konkret gesagt, Riehls Verdienst liegt darin, bewiesen zu haben, dass schon in der Wahrnehmung und Empfindung, die bei Kant als dem Sinnlichen Gegebenes behandelt werden, bereits eine vereinheitlichende Funktion hinzugefügt ist. In einem Wort gesagt: es ist nicht übertrieben, wenn man annimmt, in Riehl einen verfeinerten Kant wiederzufinden.

 Der erste Band des Philosophischen Kritizismus wurde 1876 publiziert, 1908 erschien die zweite Auflage, die danach vergriffen war, doch 1924, zur Feier von Kants 200. Geburtstag, gab es eine dritte Auflage. In diesem [Band] behandelt Riehl hauptsächlich die Geschichte des Kritizismus, und er verweist auf die Engländer Locke und Hume als Vorgänger Kants. „So führt von Locke über Hume zu Kant ein stetiger Fortgang (...)“ (Bd. I, S. 6), „Zur Geschichte der kritischen Philosophie gehören somit Descartes' Meditationen nicht, und diese Geschichte ist wirklich nicht älter als das Buch Lockes“ (ibid., S. 4). D.h. Riehl ist einen anderen Weg als viele andere deutsche Philosophen – wie Cohen etc. – zurückgegangen und hat Kant hauptsächlich mit den Engländern in Zusammenhang gebracht. Der erste Teil des zweiten Bandes wurde 1879 geschrieben und neuerdings (1925) von Spranger und Heyse neu aufgelegt. Der zweite Teil ist ein Werk von 1887, und wird wie der erste von den beiden [Spranger und Heyse] neu aufgelegt. Ich möchte von jetzt an die Hauptpunkte dieses zweiten (!) Teils erläutern. In diesen Erläuterungen möchte ich, wie ich es in meinen Büchern Kants Philosophie und Schopenhauers Philosophie versucht habe, die jeweilige Philosophie nicht aus meiner eigenen Sicht umschreiben, sondern Riehls Werk so, wie es ist, darstellen. Aus diesem Grunde gibt es bisweilen sich überschneidende Passagen, das ist aber nicht meine Schuld, sondern die natürliche Konsequenz davon, dem Originalwerk der Reihe nach gefolgt zu sein.“

7. Schluss

 Wir haben gesehen, wie die Rezeption Riehls in Japan hauptsächlich dem Engagement eines Schülers zu verdanken ist. Kuwakis Position als Ordinarius für Philosophie an der kaiserlichen Universität Tôkyô war einflussreich genug, um auf die akademische Philosophie in ganz Japan einzuwirken. Der eingangs zitierte Artikel über Riehl im Kleinen Lexikon, an dem Kuwaki direkt nicht mitwirkte, ist wohl ebenfalls auf seinem Wunsch hin entstanden. Allerdings muss man sagen, dass Kuwakis Engagement halbherzig war, denn aus seinen Zusammenfassungen lässt sich sehr viel Distanz zu den Positionen seines Lehrers herauslesen.

 Letztlich fand nur Riehls Nietzsche-Buch größere Beachtung, wie schon Kuwaki im Vorwort der Übersetzung von 1913 bemerkt hatte. Übersetzt ist dieses Buch nicht, aber es ist das Nietzsche-Buch, das sich in den meisten Exemplaren in japanischen Bibliotheken findet, und auch heutigen Nietzsche-Forschern kennen noch Riehls Name.

 

Literatur

Nachschlagewerke:

ITÔ 1938
Iwanamis Kleines Lexikon der Philosophie (Iwanami tetsugaku shôjiten 岩波哲学小辞典), herausgegeben von Itô Kichinosuke (伊藤吉之助, 1885-1961), Tôkyô: Iwanami shoten (Revidierte Auflage von 1938; Erstauflage 1930, Zweite Auflage 1934)

Übersetzungen:

RIEHL 1913
Übersetzungsgrundlage: Riehl, Alois, Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart, Leipzig : B.G. Teubner, 1908, 3. durchgesehene und verb. Aufl., 274 S.
Yasui Tatsuei (安井辰衛, Üb.), Gendai tetsugaku kôwa (現代哲学講話), Tôkyô: Hokubunkan 1913, 354 S.

Sekundärliteratur:

AKAMATSU 1963
Akamatsu Yasura (赤松保羅), „Erinnerungssplitter an Professor Kita“ (Kita sensei no tsuioku danpen 北先生の追憶断片), in: Inabe Shôjirô (稲辺小二郎, Hg.), Kita Reikichi sensei sanshûki hôyôe. Tsuisôki (北昤吉先生三週忌法要会・追想記), Tôkyô: Privatdruck 1963, S. 44-48
GÜLBERG 1997
Gülberg, Niels, „Eugen Herrigels Wirken als philosophischer Lehrer in Japan (1)“, in: Waseda-Blätter Nr. 4, März 1997, S. 41-66
GÜLBERG 1998
Gülberg, Niels, „Tanabe Hajimes Stellung in der japanischen Lask-Rezeption“, in: Humanitas (Waseda daigaku hôgakkai Jinbun ronshû 早稲田大学法学会・人文論集) No. 36, Februar 1998, S. 33-83
JAENSCH 1925
Jaensch, Erich, „Zum Gedächtnis von Alois Riehl. Gedanken über den Mann und das Werk, über das Fortwirken und die Zukunftsaussichten des realistischen Kritizismus“, in: Kant-Studien Bd. 30, 1925, S. I-XXXVI
KUWAKI 1925a
Kuwaki Genyoku 桑木厳翼, „Mein persönlicher Eindruck von Professor Riehl“ (Rîru kyôju no inshô リール教授の印象), in: Tetsugaku zasshi (Philosophische Zeitschrift) No. 455 (Bd. 40/1), Januar 1925, S. 61-65 (verkürzt wieder in KUWAKI 1939)
KUWAKI 1925b
Kuwaki Genyoku 桑木厳翼, „Alois Riehl“ (Aroisu Rîru アロイス・リール), in: Shisô (Das Denken) No. 39, Januar 1925, S. 86-105
KUWAKI 1939
Kuwaki Genyoku 桑木厳翼, Bücher, Leute, Reisen (Sho, hito, tabi 書・人・旅), Tôkyô: Risôsha shuppanbu 1939
NISHIDA 1913
Nishida Kitarô 西田幾多郎, „Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften“ (Shizen kagaku to rekishigaku 自然科学と歴史学), zuerst in: Tetsugaku zasshi (Philosophische Zeitschrift) No. 319, September 1913, wieder in: Nishida Kitarô Gesammelte Werke Bd. 1, S. 268-298
SCHINZINGER 1983
Schinzinger, Robert, Japanisches Denken, OAG-Reihe Japan modern Bd. 5, Berlin: Erich Schmidt Verlag 1983
TAKEDA 2001
Takeda Atsushi 竹田篤司, Erzählung „Kyôto-Schule“ (Monogatari „Kyôto-gakuha“ 物語「京都学派」), Tôkyô: Chûô kôronsha 2001
YUSA 2002
Yusa Michiko, Zen & philosophy: An intellectual biography of Nishida Kitarô, Honolulu: University of Hawai'i Press 2002

(1)
Zu Gizycki erhielt ich dankenswerter Weise Auskünfte von einem seiner Nachfahren, Herrn Professor Dr. Horst von Gizycki, Kassel, der mir Folgendes mitteilte: Georg von Gizycki (1851-1895) war Philosophie-Professor und gehörte zum Berliner Zweig der Familie. Er war Gründer einer 'Ethischen Gesellschaft' und nannte seine philosphische Konzeption 'soziale Ethik'. Eine seiner Schülerinnen, zwei Jahre lang bis zu seinem Tode 1895 auch mit ihm verheiratet, war die preussische Generals-Tochter Lily von Kretschman (später Lily Braun, Autorin von Memoiren einer Sozialistin). Er galt als 'Kathedersozialist' und eine seiner Schriften (Leipzig 1988) hieß Moralphilosophie, gemeinverständlich dargestellt. Bekannt war auch seine deutsche Übersetzung von Looking Backward des Amerikaners Edward Bellamy, die G.v.G. 1890 mit einer Einleitung als Ein Rückblick bei Reclam herausbrachte.
(2)
Fujii hatte ebenfalls in Tôkyô studiert und wurde im August 1913 als Professor für Ethik an die Kaiserliche Universität Kyôto berufen.
(3)
Vgl. Eduard Spranger, „Begegnungen mit japanischen Philosophen“, nach einem Artikel in der Kölnischen Zeitung vom 16. Mai 1943 verkürzt in SCHINZINGER 1983: 101.
(4)
August Schmarsow (1853-1936), Professor in Leipzig. Die revidierte Ausgabe des Kleinen Lexikons (ITÔ 1938: 1179) führt als Werke bis 1908 folgende Titel an: Das Wesen der architektonischen Schöpfung, 1893, Beiträge zur Ästhetik der bildenden Künste, 3 Bde, 1896-99, Unser Verhältnis zu den bildenden Künsten, 1903, Grundbegriffe der Kunstwissenschaft, 1905.
(5)
Max Dessoir (1867-1947) lehrte in Berlin Ästhetik und Psychologie. Das Kleine Lexikon (ITÔ 1938: 97) führt als Werke bis 1908 folgende Titel an: Das Doppel-Ich, 1890, Psychologische Skizzen, 1893, Geschichte der neueren deutschen Psychologie, 1894, Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 1906.
(6)
Frühere Einträge im Juli 1911, in denen Nishida schreibt, er habe einen Aufsatz von Yasui gelesen, können sich auf die gleiche Person beziehen, das ist aber nicht sicher.
(7)
Z.B. „Von Kant zur Badischen Schule“, in: Gakuen Mai 1927.

Author: Niels GUELBERG
e-mail: guelberg@waseda.jp
First drafted: 02.10.13
Last updated: 07.04.08